Ein Ritt durch Raum und Zeit.

In der weiten Ebene zwischen Brasel und Bomselund lebte dereinst ein alter Deichgraf mit seiner Frau und seinem Sohn. Der Deichgraf aber hieß Moder Rottlund und war- zur Zeit der großen Schwedenkriege, auf einem Knäckebrotfrachter Maat gewesen. Und just als dieser im Schutze der Dunkelheit in Öxelsund eingelaufen war, da war Moder Rottlund über Bord gegangen. Ob absichtlich oder freiwillig, das läßt sich heute nicht mehr so genau sagen.

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Damals aber, als der Schwede endgültig zu Klump gehauen worden war, da hatte der Deichgraf nach einer würdigen Beschäftigung für sich und die Seinen gesucht. Erst hatte er darauf gesonnen und getrachtet, den Beruf des Flachbahnreglers bei Radio Norddeich anzustreben und zu ergreifen. Doch der Intendant hatte ihn brüsk abgewiesen. Also kaufte sich Moder Rottlund bei einem Trödler, welcher allerhand Tüdelkram feilbot, allerhand Tüdelkram. Unter anderem auch zwei Strohballen. Und so fand er sich bald hinter dem wunderbaren Deich zwischen Brasel und Bomselund wieder.

Der Deich aber war sechs Meilen lang, breiter als hoch also, wie Moder Rottlund sofort erkannte. Und der Deich hatte dreihundertsechzehn Sollbruchstellen. Da sprach der Deichgraf Moder Rottlund zu seinem Weibe Mieder und seinem Sohne Traber: “Hier bleiben wir- und ich will fortan alle Löcher stopfen, dreihundertsechzehn an der Zahl, tagein, tagaus- bis die Sonne zum letzten Male hinter der Mole von Bomselund im Öxelsund versunken ist.” Und zur Bekräftigung setzte er sich schwer atmend in seine zwei Strohballen, herzte sie und koste sie und rief: “Oh meine Kinder, oh ihr meine einzigen Kinder….” Anschließend kasteite er sich und ließ sich zur Ader allda.

Also ging er hin zu dem bekannten Hamburger Politiker Helmut Schmidt und dessen Frau, Lokomotive Schmidt. Dieser Schmidt nämlich hatte vor einer Anzahl von Jahren persönlich und eigen-händig den Blanken Hans in die Flucht geschlagen, und sann nun auf eine sachgerechte und fachkundige Besetzung der Deichgraf-stellen im ganzen Lande, in der weiten Ebene zwischen Brasel und Bomselund, ja sogar darüber hinaus bis nach Drögelbräsup an der Memme. Und Moder Rottlund sprach vor bei dem Schmidt und seiner Frau Schmidt, Lokomotive, und er-hielt so-fort die Stelle. Dies wohl, weil er dem schon vertrottelten Schmidt- der übrigens selbst nie Deichgraf gewesen war – zwei Strohballen vorzeigen konnte. Und ihm darüber hinaus auch gleich in die Hand versprach, am darauffolgenden Tage noch einen weiteren bei “Haferkamp” im Sonderangebot zu erwerben. Nach dieser großen Anstrengung kasteite Rottlund sich erneut und ließ sich zur Ader allenthalben. Drei Nächte lang, während bläßlich der Mond auf der Ebene wenig Sinn strahlte.

So zog denn die ganze Familie alsbald in die alte Mühle von Hadersvist. Und die postalische Anschrift der Rottlunds lautete fürderhin: Högelstraat 7. Und so verrichteten sie ihr Tagwerk jahrein, jahraus: Moder Rottlund beobachtete täglich seine Stroh-ballen in der Scheune, vermaß sie sorgfältig und gab ihnen zu Essen und zu Trinken, und gelegentlich nannte er sie auch bei den Namen, die er ihnen gegeben hatte: Jens, Pieter und Ernst Gottfried Fürchtegott. Manchmal bemerkte er auch aus einem Augenwinkel heraus seinen leiblichen Sohn Traber, den er dereinst mit seinem treuen Weibe Mieder gezeugt hatte. Das aber war damals, als er sich noch nicht so oft zur Ader lassen musste. Der Sohn – er mochte mittlerweile schon volljährig sein – saß auf einem Blasebalg und machte Wind für die Mühle, während Mieder neue Segel für die Windmühlenflügel nähte. Oft mussten sie ausgebessert und neu bespannt werden, denn Traber machte soviel Wind, daß noch hoch droben im Norden, unweit des Zusammenflusses von Schnersel und Kogge, gelegentlich ein Knäckebrotfrachter kenterte. Doch das hatte auch alles sein Gutes: So wurde dann hin und wieder ein Strohballen angespült an den Deich, und das wiederum freute den alten Rottlund, der dann oft stundenlang mit erloschener Pfeife im Munde auf- und abging und vor sich hin murmelte: “Jaja, meine Kinder, seid Ihr heute aber wieder feucht….”Und Moder Rottlund ging jeden Morgen um vier Uhr seine dreihundertsechzehn Löcher stopfen. Dafür kamen nun auch täglich neue Strohballen aus Lundtoft Hoj im Königreiche Dänemark, wo Dosenpflicht und Fahnenzwang herrschen. Denn Lundtoft Hoj liegt in dem Teil des Königreichs, welcher nach den großen Schwedenkriegen dem Kaiser verloren ging – und sodann den Wikingern anheim fiel. Im Zwanziger Jahr, wie man in Böhmen und Mähren sagt. Die Strohballen nun wurden aber geschickt vom leichtfüßigen Kim dem Wikinger, einem alten Haudegen, der sich schon in allen Häfen der Welt kasteit und zur Ader gelassen hatte aufs übelriechendste. Und so ging das Tagwerk Moder Rottlund leicht von der Hand. Einmal im Monat traf sich die Familie mit den Bewohnern der umliegenden Ländereien, Sümpfe und Halligen hoch oben auf der Krone des Deiches, nahe bei der alten Pfarrkirche von Brasel, um feierlich einen Strohballen über den Deich zu werfen. Bei dieser Zeremonie sangen Sie das alte Lied aus der Zeit der Knäckebrotkriege, und das ging so: “Strobal hakke hüp, mörsen brastel tüp. Wenden sullen bloten, met achternverzich Knoten”, und die morsche Glocke läutete dazu ihren fauligen Ton.

Dieses Mal jedoch war alles anders: Als der Strohballen in den Fluten versunken war, da erhob sich knirschend der alte Quedens, gestützt von seinen Töchtern Pope zur Rechten und Wehn zur Linken. Lange schon habe er geschwiegen, aber jetzt müsse er es verkünden. Schon nach der großen Flut sei ihm im Traum ein Prophet erschienen, und es sei nicht der Senator Helmut Schmidt gewesen. Der Prophet habe das nun folgende berichtet…. Und der alte Quedens wischte sich etwas Stroh aus dem weißen Bart und hub an mit brüchiger Stimme: .”… Eines Tages, am Ende eines solchen Tages, wenn der letzte Strohballen dem blanken Hans geopfert ist, dann werdet ihr merken, daß Greenpeace keine Strohballen verkauft….” An dieser Stelle entgegnete ihm ein irritiertes Raunen, und der alte Quedens merkte, dass er vom richtigen Weg abgekommen war. Mit gefestigter Stimme sprach er weiter, daß es gerade so seine Bewandtnis hatte: “Und es ist die Gewißheit, die ihr alle schon in euren lila eingebundenen Büchlein und euren verwixten Filofaxen und verhurten Time-Managern planen könnt: Eines Tages aber wird- und das ist schon bekannt gemacht worden an anderer Stell’- wird ein riesiger Arsch erscheinen am Himmelsgewölb, und zwar zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Es ist aber nicht sicher, ob es ein Weiberarsch sein wird. Und es wird nicht kümmern die Menschen südlich und nördlich von Schnersel und Kogge, und auch nicht die nördlich von Rhein, Neckar und Kernforschungszentrum???”

Nun wiederum erhob sich heftiges Abwägen, Ausspucken und Scharren. “Kernforschungszentrum?” Was hatte der alte Quedens da nur gesagt? Einige griffen zum Schnupftabak, andere wiederum versuchten sich zur Ader zu lassen und zu kasteien mannig. Der alte Quedens fuhr unbeirrt fort: “….Pornokino verwichstes arschgesichtiges. Es wird nicht kümmern die Menschen, dass es ein Weiberarsch ist dann doch ohne Unterlaß. Und es wird allen Naturgesetzen trotzen und kein Einsehen haben bis Mariä Lichtmeß und dreieinhalb Klafter Zeitmaß darüber hinaus, so blödsinnig wird es den dummgetrunkenen Zechern von Kunstakademie und Norddeich Radio die Pilstulpen aus den Händen schlagen, und zwar im Gehen wie im Stehen. Und sie werden sitzen beim Kartenspiel mit Schnupftabak, und den Schnupftabak werden sie sich rammen in die blutunterlaufenen Äuglein allhier. Die Flüss werden in ihrem Lauf innehalten und vom Jadebusen hinstreben zur Zugspitz, eine amerikanische Raumstation wird verglühen mit sechzehn Lehrern drin und ein deutscher Schriftsteller wird in Klagenfurt im Österrreichischen sich entleiben, vielleicht Henscheid, besser Walser aber doch. Und es wird ein Geschrei geben unter den Völkern zwischen Brasel und Bomselund, aber auch zwischen Wörth, Rastatt- Industriegebiet und Hettenleidelheim, und eine Autorennbahn wird gebaut werden heimlich und über Nacht, von einem Engholm – zumindest ein Stück weit. Und es werden wandeln drei Heilige Klofrauen sondersgleichen mit Weihrauch, Myrrhe und Sagrotan, eventuell Hakle Feucht, aber das sei noch nicht beschlossene Sache, es komme jetzt akut darauf an, ob bei Haferkamp etwas vorrätig sei…., zu lindern jegliche Tortur bei Tag und auch in der Nacht. Und die drei Heiligen Klofrauen werden singen: “I´ll never be Maria Magdalena, you´re a creature of the Night….” Und dann werden sich öffnen die Tore des Himmels und herabsteigen werden Wesen in der Form eines Pantoffels. Die Friseure in Handewitt und Süderlügum wird es leider ebensowenig kümmern wie die in Jöhlingen und Walzbachtal, auch nicht die im Familia Center in Bietigheim-Bissingen. Sie werden vielmehr ungebrochen erbarmungslos fortfahren, wildnatürliche Mähnen-Dauerwellen anzubieten, die durch ellipsenförmige Wickel ein “unterschiedliches und dadurch natürliches Wellbild” hervorbringen. Und sie werden es frisieren tagein, tagaus, hunderte von Jahren. Dazu werden sie furchterrregende und schreckliche Faltblätter drucken lassen und sie verteilen bis hin im Süden nach Zell am Hammersbach, Kirchheim unter Teck und Wanne-Eickel. Und es wird anheben schon morgen, mit dem Erscheinen eines merkwürdigen Mannes…”

So endete die Prophezeiung des alten Quedens, dann setzte er sich mühsam, gab einen neuen Vierfarb-Kalender in Auftrag, ließ sich zur Ader farbenfroh und kasteite sich prachtvoll nach allen Regeln des Westfälischen Friedens. Und alle taten es ihm nach. Und es kam der nächste Morgen, und alles ward genau, wie der alte Quedens es vorhergesagt hatte. Und Moder Rottlund sollte der erste sein, der dessen gewahr wurde.

Viele Fässer sämigen Bärenfangs waren durch Moder Rottlunds durstige Kehle geflossen. Und er wachte auf dem Blasebalg sei-ner Windmühle auf. Gerade wollte er sich zur Ader lassen und kasteien aufs Widerwärtigste, da wurde er ansichtig eines dürren, klapprigen Mannes, der vor seiner Tür stand und Einlaß begehrte: Hinnerk Plattbloom sei sein Name, und er habe ihm, dem Deichgrafen Moder Rottlund ein Angebot zu unterbreiten. Rottlund rieb sich die Augen, aus denen noch zentnerweise Stroh fiel. Nein, er, Moder Rottlund habe alles, was er brauche- außer viel-leicht einem Faß Aspirin fürs erste, aber wenn es denn sein müsse, solle der Fremde doch sein Anliegen vortragen. Er- Rottlund, werde dann, so gut es eben ginge – zuhören. Ganz offen gesagt, hub der Fremde nun erneut und selbstbewußt an, Rottlund sei blind, er solle doch einmal hinter seinen Deich schauen, statt im-mer nur Strohballen ins Meer zu werfen. Dort hinten nämlich, das flache Land. Das sei seine, des Deichgrafen Aufgabe auch: Ab und zu müsse es gebügelt werden und für diese Aufgabe sei gerade er, Hinnerk Plattbloom, der Richtige….

Bevor Deichgraf Rottlund müde abwinken konnte, hatte der Fremde schon einige Zeugnisse und Referenzen vorgelegt: “Hier zum Beispiel, sehen Sie mal: Die Lüneburger Heide- alles mein Werk, alles von mir flachgebügelt, wir können gerne schnell hinfahren, mein Pferd steht draußen, auch die Städte …. alles flach, jawoll”, und dann flocht er noch mit einem anzüglichem Lächeln ein, gerade komme er aus dem kleinen Puff in Bomselund, wo er sogar einige Schilf-Schabracken flachgebügelt…. “Ist schon gut”, sagte der Deichgraf, nachdem er endlich müde abwinken konnte, wobei ihm ein Ballen Stroh aus dem Haar fiel, über das mit den Schilf-Schabracken könne er aber doch wohl kein Zeugnis vorlegen – oder? Doch?

Plattbloom wurde (nicht zuletzt aufgrund der großen Müdigkeit des Deichgrafen) eingestellt und begann schon am nächsten Morgen, nachdem er das ganze Land vermessen hatte, mit dem Bügeln. Es war ein großes Stöhnen und Ächzen im ganzen flach-en Lande hinter dem Deich zwischen Brasel und Bomselund. Alte Weiblein warfen sich zu Boden und flehten den Schwedenkönig an, er möge das Land unverzüglich wieder mit Krieg, Kacke und Knäcke überziehen. Gastwirte schlossen vorsorglich ihre Schankstuben, voll Furcht, dass ihnen Plattblooms Bügeleisen das Labskaus und den Bommerlunder von Tisch fegen würde. Den Pastoren auf den Kanzeln spalteten sich die Beffchen, und bald wußte keiner mehr, wer dem reformierten, dem lutherischen oder dem unierten Irrglauben anhänge, und ihre Rede war auch nicht mehr jaja, nein nein, sondern “Weh und ach… vielleicht… übermorgen eventuell auf jeden Fall”. was soviel heißt wie: “Geht in Ordnung…. sowieso ….genau”. Einige wollten gar von den Ärschen nackiger Schilfschabracken aus Bomselund belästigt worden sein. Und sogar im fernen Dänemark röhrte die Brandsirene unweit vom Stroh, aber es war blinder Alarm. Denn das Stroh vibrierte nur in seiner Scheune und summte leise das alte Lied: “Strobal hakke hüp- mörsen brastel tüp.”

Gegen Abend dann, als Plattbloom mit dem Bügeln schließlich ein Einsehen hatte und endlich ablassen wollte von dem Scheiß für die nächsten sechs Stunden, da begab er sich auf den Deich, wo Moder Rottlund und sein Sohn gerade das dreihundertsechzehnte Loch zugestopft hatten. Er hörte, wie der alte Deichgraf, nachdem er sich zwei Strohballen aus dem grauen Bart geschüttelt hatte, leise anfing zu erzählen…. Und er merkte, es galt ihm, Hinnerk Plattbloom, dem erfolgreichen, dynamischen Landbügler! “Siehst Du, da draußen, Plattbloom, da hinten beim Öxelsund, wo gerade die Sonne versinkt: Zwölf silberne Segel am Horizont… ich sage dir, das ist Torben und seine Bande, und jetzt gerade im Moment sagt Torben zu seinen Jungs: Jungs, wir machen uns einen duften Abend, wir machen Labskaus! Labskaus brutzelt beim Smutje in der Küche auf dem Oberdeck— und plötzlich, schwupp das Labskaus ist verschwunden. Das war der Deichgraf Moder Rottlund, mein lieber Plattbloom, Hinnerk… so und nicht anders wird es kommen”, sagte der Deichgraf nachdenklich. “Seit Du hier das Land bügelst, bin ich verflucht.” Nachdrücklich rieb er sich zwei weitere Strohballen aus den Augen. Dann zeigte er mit seiner erloschenen Pfeife weit nach Norden, gen Schweden: “Plattbloom, die Erde soll sich auftun und uns Sünder verschlucken…” Gesagt, getan. Seitdem gibt es den Nord-Ostsee-Kanal