„Information ist kein Wissen“

Erwin Pelzig im Tollhaus, Karlsruhe, 20.3.2017

Irgendwann verlangt es den Erwin Pelzig dringend nach einer Pille gegen Größenwahn. Kein Wunder, schließlich hat er ja in seinem Programm „Weg von hier“, das er am Sonntagabend im ausverkauften Tollhaus spielte, nichts weniger als eine neue Aufklärung gefordert. Ganz im Sinne Kants, der postulierte, man solle sich seines Verstandes bedienen. Aber das täten doch die irgendwie auch, die sich auf Facebook kraft ihres Verstandes zur Erkenntnis aufschwingen, die Erde sei doch eine Scheibe, wendet Pelzigs bierseliger Kumpel Hartmut ein, der zusammen mit seinem Gegenpart Dr. Göbel in gewohnter Manier eine der drei Persönlichkeiten des Kabarettisten Frank Markus Barwasser ist.

Es ist unter anderem jene „bostfaggdische“ Realitätsverlegnung, die den fränkischen Grantler Pelzig in eine fast dreistündige Suada treibt. Was kann man denn tun, wenn einem sein Metzger erklärt, er „glaube nicht an den Klimawandel“. Da gibt es nur eine Antwort: Man vergisst, die gekauften Koteletts zu bezahlen und und ruft dem protestierenden Metzger zu: „Ich glaube nicht, dass ich eben da war“. „Wenn viele Menschen gleichzeitig ihren Verstand stilllegen, ist das auch eine Bewegung“. Es gibt viele blitzgescheite Erkenntnisse in diesem Programm, aber immer schimmert auch ein Hauch Resignation durch. Wie anders soll man einen Satz wie diesen verstehen: „Ich schau’ immer noch Nachrichten. Auf ARD alpha, die Tagesschau von vor 25 Jahren. Der Irrsinn von damals ist heute sehr gut erträglich.“ Der Irrsinn von heute jedenfalls erschüttert sein politisches Koordinatensystem inzwischen soweit, dass er angesichts jüngster Fernsehbilder aus den USA sogar Mitleid mit Angela Merkel hat: „Das werde ich dem Trump nie verzeihen“, keift er. Vielleicht bringt ja ein Blick in die Zukunft Hoffnung? Da wird es bald das selbstfahrende Auto geben, das grundsätzlich auf defensives Fahren programmiert ist. Angesichts dessen erwacht der Lausbub im Pelzig und er stellt sich vor, wie er als eine Art Bilderstürmer mit seinem alten VW Jetta das zukünftige Verkehrsgeschehen ordentlich aufmischt. Ja, es finden sich dann schließlich doch einige Möglichkeiten zur Revolte, die alltagstauglich sein könnten. Wie wäre es, mal unter Freunden die Handys zu tauschen, um verwirrende Bewegungsprofile zu hinterlassen? Wie wäre es, diesen Tauschzirkel auf alles auszudehnen, was „Smart“ im Namen führt? Es wird einfach alles zuviel, vor allem zuviel an Information. Das Tempo, mit dem Pelzig sich durchs Programm peitscht, mag symbolisch dafür stehen. Da sagt er noch: „Information ist kein Wissen!“ Da übernimmt Dr. Göbel und redet sich, nein zetert sich schier um den Verstand. Ständig müsse man sich entscheiden! Entscheiden! Entscheiden! Man wundert sich fast, dass ihn dabei nicht der Kopf platzt. Erwin Pelzig aber lässt sein Publikum amüsiert, erschreckt, überfordert, erleuchtet zugleich zurück. Vielleicht auch informiert und sogar wissend.