Dumm klickt gut. Lokaljournalismus am Abgrund. Eine Polemik.

Dumm klickt gut. Lokaljournalismus am Abgrund. Eine Polemik.

Fotos: KI-generiert

Vorbemerkung: es geht im Folgenden vor allem um die Kulturberichterstattung. Auch über die anderen Ressorts wäre zu berichten. Dafür gibt es kompetentere Stimmen. So, Anschnallen: Kürzlich hatte ich Post in meinem E-Mail-Fach. Die Zeitung, für die ich noch gelegentlich schrieb, teilte mir mit: „Wir möchten die Mitarbeiter belohnen, die in einem Jahr die stärksten Artikel, gemessen nach Mediatime, schreiben. Dafür loben wir Prämien aus, die wir zum Ende des Jahres vergeben. …. Für den ersten Platz gibt es 300 Euro, für den zweiten 200 Euro, für den dritten 100…“ Ich traute meinen Augen nicht. Stand das da wirklich? Ich schaute nochmal hin, blinzelte kurz, und ja. Es stand da immer noch. Mensch, Zimmer. Jetzt ruhig bleiben, sagte ich mir. Nicht den Kaffee in die Tastatur schütten. Nicht bei der Redaktion anrufen und die unschuldige Sekretärin anbrüllen. Keine Gläser gegen die Wand werfen. Ich nahm eine Blutdrucktablette und las weiter. Viel Schönes bei den prämiierten Beiträgen: „Maultaschen-Manufaktur stellt drei neue Automaten in der Region mit goldenen Tickets auf“. 210,62 Stunden Mediatime konnte dieser herausragende Content erzielen. Die Thinktanks im Backoffice des Verlagshauses werden sich vor Begeisterung zur Ader gelassen haben. Das ist Street Credibility hart am Darmausgang der Leserinteressen. Wow.Mehr ansehen

Tod dem Ohropax. Ein Plädoyer für Lärm.

Tod dem Ohropax. Ein Plädoyer für Lärm.

Sie hätten es ahnen können, die adretten Damen in ihren Chefsekretärinnen-Kostümen, ausgehfertig gemacht mit Pumps und feinen Handtäschchen. Alle waren sie mit ihren fönfrisierten Beistellherren gekommen, um noch einmal die wachsweichen Musikalien der schottischen Weltenretter Simple Minds zu hören, in deren Texten es aber so was von knallhart gegen das Böse in der Welt zur Sache geht. Sie wollten sich schwelgerisch erinnern an jene Zeiten, als man nach dem übermässigen Genuss von „Mandela Day“ und „Belfast Child“ sein politisches Bewusstsein bis hin zur steuerlich absetzbaren Spendenquittung erweitern konnte.

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Immer noch kein Pazifist. Erinnerungen an die eigene Kriegstüchtigkeit.

Immer noch kein Pazifist. Erinnerungen an die eigene Kriegstüchtigkeit.

Das Foto ist 50 Jahre alt, mein jüngeres Ich leistet widerwillig seinen Grundwehrdienst ab. Schütze Zimmer dient in der Nachschubkompanie. Bringt es mit Eifer zum per Zeugnis dokumentierten Lochkartenprüfer (!) – ein schöner Beruf mit guten Zukunftsperspektiven. Denkt beim Schießen und Handgranaten-Weitwurf aber nicht an Krieg, sondern an die Mittagspause und die anschliessende Wochenend-Heimreise.Mehr ansehen

Tote Hose? Die letzte Punk-Patrone der Demokratie: Ein Hoch auf die Toten Hosen zum Abschied.

Tote Hose? Die letzte Punk-Patrone der Demokratie: Ein Hoch auf die Toten Hosen zum Abschied.

Intro:

Ich habe den Toten Hosen den Punk nie so ganz geglaubt. Was daran liegen mag, dass ich sie zum ersten Mal im Jahr 2000 live erlebt habe. Okay, ich gebe zu: Jahre zuvor besaß ich ein Tour-T-Shirt der Band mit der poetischen Aufschrift „Ficken Bunsen Blasen“. Das ich aber nicht tragen konnte, weil mir ein anderes mit der Aufschrift „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ viel besser passte. 2000 also hatte ich sie als eine routinierte Stadionrock-Band empfunden und sie in meiner Rezension schnöde abgekanzelt: „Und so rumpelt es in einem fort, in schnöder Bierseligkeit bis zur bitteren Unsterblichkeit. Kein Punk. Vielleicht Volksrock. Früher hätte man mit der daraus destillierten Energie Häuser besetzen lassen. Ach was, ganze Straßenzüge. Aber heute?“ Immerhin endete meine Suada mit der Erkenntnis „Alles zu verzeihen und allemal besser 10.000 beim Tote Hosen-Konzert als nur ein einziger bei den Böhsen Onkelz“. Daran hat sich nichts geändert Und genau deshalb ist es meine verdammte Bürgerpflicht, die Düsseldorfer und ihr Abschuiedsalbum „Trink aus! Wir müssen gehen“ zu feiern. Dazu später.Mehr ansehen

Ein Weckruf: Ilko-Sascha Kowalczuks neues Buch

Ein Weckruf: Ilko-Sascha Kowalczuks neues Buch

„Faschismus und faschistische Haltungen sind keine Meinungen, sondern müssen strikt strafrechtlich verfolgt werden. Jede Gesellschaft braucht Grenzen des Sagbaren, des Machbaren. Faschismus steht ausserhalb der Grenzen, wie sie das Grundgesetz zieht.“ So steht es in den „Zehn Grundsätzen“, die der Historiker Ilko Sascha Kowalczuk seinem neuen Buch „faschismus ist keie Meinung – Stabil bleiben in autoritären Zeiten“ voranstellt. Damit ist der Ton gesetzt für einen Rundumschlag über den neuen Hang zum Autoritären. Es ist eine erhellende und zugleich erschreckende Abrechnung mit den Akteuren und Verharmlosern des neuen erstarkenden Faschismus und zudem eine Argumentationshilfe für die Verteidiger von Freiheit und Demokratie. Dazu einige persönliche und sicher unvollständige Anmerkungen.

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Rock im Schatten des Holocaust: Die Autobiographie von Rush-Bassist Geddy Lee

Rock im Schatten des Holocaust: Die Autobiographie von Rush-Bassist Geddy Lee

„Ihr kennt mich wahrscheinlich als Geddy Lee, aber mein Geburtsname war Gershon Eliezer Weinrib, nach meinem Großvater mütterlicherseits, der im Holocaust ermordet wurde“. Nicht die Worte, mit denen üblicherweise eine Rockstar-Autobiographie beginnt. Geddy Lee, 1953 geborener Bassist und Leadsänger der größten Band des Landes, der Progressiv-Rocker Rush, hat die Geschichte seiner Familie in der 2023 erschienen Autobiographie „My Effin’ Life“ erzählt. Eine Geschichte, die für sein späteres Leben und Handeln prägend war und ist. „Ich habe das Gefühl, wir leben in einer Zeit, die offenbar vergessen hat, was passieren kann und auch wird, wenn der Faschismus sein Haupt erhebt“, schreibt er vor dem Hintergrund des Schicksals seiner Familie, einer Familie polnischer Juden. Weil nicht jeder ein Buch über das Leben eines ihm vielleicht unbekannten Musikers – der auch noch seltsame Musik macht – lesen will, erzähle ich euch jetzt, was im den ersten Kapiteln dieses aussergewöhnlichen Buches steht. Mehr ansehen

Molotov-Cocktails gegen den Mauerstaat DDR: Wie mutige Metal-Fans den „antifaschistischen Schutzwall“ angriffen

Molotov-Cocktails gegen den Mauerstaat DDR: Wie mutige Metal-Fans den „antifaschistischen Schutzwall“ angriffen

Als Privilegierter, der sein ganzes Leben in einem Land der Freiheit und Sicherheit und in geradezu brüllendem Wohlstand gelebt hat, frage ich mich immer wieder einmal: Wie hätte ich in einer Diktatur wie der DDR gelebt? Gerade in diesen Zeiten, da wieder bis zu 50 Prozent der Bevölkerung im Osten die Rückkehr zur Diktatur wählen. Hätte ich mich in einer „Nische“ eingerichtet? Hätte ich gegen das Regime aufbegehrt oder wäre ich ein Mitläufer gewesen? Die Frage treibt mich umso mehr um, seit ich 2023 Raik Adam, seinen Bruder Andreas und Dirk Mecklenbeck kennengelernt habe. Sie gehörten zu einer Gruppe Hallenser Heavy Metal-Fans, die sich schon als Schüler an den Verhältnissen in der DDR aufrieben und begannen, sich gegen Indoktrination und Willkür des SED-Staates aufzulehnen.

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Keine Demo mit falschen Freunden. Bekenntnisse eines Demo-Muffels

Keine Demo mit falschen Freunden. Bekenntnisse eines Demo-Muffels

Eine Demonstration. Konstantin Wecker sitz auf der Bühne mit violettem Kopf. Schweiss in Fontänen verspritzend verkündet er „Man muss den Flüssen trauen“. So prügelt er seine unerhörte poetische und musikalische Sensibilität für das Leben hinein in die Tasten des Flügels und hinaus in den Abendhimmel. Vor tausenden von Menschen, die seinen schweissgetränkten Flüssen trauen. Wecker singt ein Plakat nach dem anderen, seine Band spielt dazu mit der tückischen Harmlosigkeit eines Kaffeehausorchesters. Als nächstes kommen die Bots: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Ich erwache schweissgebadet und muss brechen. Ein blick ins dunkle Zimmer: Es war nur ein Alptraum. Gottseidank. Schnitt.Mehr ansehen

Der Mief des abgestandenen Anti-Imperialismus: Nicholas Potters Buch über linken Antisemitismus. Eine Lese-Empfehlung

Der Mief des abgestandenen Anti-Imperialismus: Nicholas Potters Buch über linken Antisemitismus. Eine Lese-Empfehlung

Als ich noch ein jungdummer Vulgär-Antiimperialist war, führte ich ein Interview mit dem damaligen ARD-Nahost-Korrespondenten Friedrich Schreiber. Ich fragte ihn doch tatsächlich, ob denn Israel nicht irgendwie ein repressiver Polizeistaat sei. Das war damals common sense meiner Redaktion. Daraufhin stauchte mich Schreiber dermassen wirkungsvoll zusammen, dass ich schlagartig vor Scham im Boden versinken wollte, in mich ging und anfing, mich zu bilden. Was manche meiner „antiimperialistischen“ Freunde bis heute nicht geschafft haben. Ganz zu schweigen von den heutigen Free Palestine—Aktivisten. Deren kollektiver Wahn in Teilen dessen, was sich selbst für links hält, seine Wiedergeburt in nur schlecht als Israelkritik camoufliertem Judenhass feiert. Der zeigt sich seit dem 7. Oktober 2023 immer unverhüllter, schamloser und aggressiver in der Öffentlichkeit.

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Kraan: Die gereifte Schülerband

Kraan: Die gereifte Schülerband

Karlsruhe, NCO-Club, 18.4.2026

Schon seit Kindertagen seien sie zusammen, stellt Kraan-Bassist Hellmut Hattler irgendwann im Lauf des Abends fest: Er, Gitarrist Peter Wolbrandt und Drummer Jan Fride. Letzterer sei sein Banknachbar in der Schule gewesen. Und „man hat uns immer gewarnt, wir sollten uns einen richtigen Job suchen.“ Das war 1971. „Nach 55 Jahren haben wir immer noch kein Job“. Diesen Nicht-Job machen die drei Herren über 70 nach wie vor mit hör- und sichtbare Leidenschaft, Gerade ist das neue Album „All In“, das am Merchandising-Stand gern in der Vinyl-Version gekauft wird, und der ikonischen und unverwechselbaren Kraan Musik eine neu Facette gesellt.Mehr ansehen