Anderson, Miller

Anderson, Miller

Miller Anderson (mit Uli Twelker)

Woodstock, 1000 Clubs & Royal Albert Hall

Miller Anderson war in Woodstock dabei – als Gitarrist der Keef Hartley Band. Hohe finanzielle Forderungen des Managements verhinderten damals Filmaufnahmen und damit womöglich größeren Ruhm. Vielleicht hatte Anderson aber auch einfach das Glück, nie den Verlockungen des Superstar-Daseins ausgesetzt gewesen zu sein. Stattdessen machte er immer solide, nie allzuweit vom Blues entferne Musik. Jon Lord, Spencer Davis Group, Chicken Shack und die Hamburg Blues Band sind Namen, die neben seinen Solo-Werken dafür stehen. Twelker schreibt im Klappentext, dass einige der Fans, die in den vergnagen Jahrzehnten die Miller Anderson Band live gesehen haben, möglicherweise gar nicht wissen, mit wem sie es da zu tun haben. Das Buch könnte Abhilfe schaffen. Es ist keine Biografie, sondern eher eine anekdotisch erzählte und mit Fakten von Uli Twelker und aus Miller Andersons Archiv unterfütterte Quasi-Autobiografie, die zudem auch eine interessante Sicht auf die Musiker bietet, denen Anderson über Jahrzehnte seine Dienste zur Verfügung stellte. In dem Buch steht der englische Text jeweils auf der linken Seite, rechts die deutsche Übersetzung. Das schafft – neben besseren Vermarktungsschancen – nochmal eine größere Nähe zum Erzähler. Den man meint, reden zu hören, zun Beispiel über Woodstock: »Jetzt, fünfzig Jahre danch, muss ich vielen Fans immer noch erklären, was ich in Woodstock gemacht habe. Bei meinen Auftritte mache ich meist einen Witz daraus. Immer wenn ich nach meiner Rolle im Woodstock-Abenteuer gefragt werde, ist meine Antwort: Ich hatte einen Hot-Dog-Stand! »Ein Mann, der zur Arbeit geht. Keinerlei Interesse an irren oder modischen Klamotten«, schreibt Twelker im der Einleitung über seinen Freund. Der sich auch musikalisch jedem Modetrend verweigert.

Selbstverlag. 2019, 251 Seiten, 15.00 €

Collins, Phil

Collins, Phil

Phil Collins

Da kommt noch was (Not Dead Yet)

Die Autobiographie

Stars, die ihre Autobiografie selbst ohne Ghostwriter-Hilfe schreiben, sind eher selten. Traut sich einer dennoch mal, entsteht meistens ein eher dröges Buch, das das gelebte Leben nur unzuzreichend abbildet. Phil Collins ist anders. Der Mann hat sich – trotz Abermillionen verkaufter Tonträger – einen gewissen Working Class Charme, gepaart mit augenzwinkernder Selbstironie bewahrt. Und er kann schreiben, daran ändert auch die katastrophal schludrig lektorierte deutsche Übersetzung nichts. Wobei die durchaus den Ton trifft: Lebendig, immer nah an den handelnden Personen, legt Collins Rechenschaft ab über sein bewegtes Leben. Man spürt: der Mann ist ein von seiner Arbeit Besessener, dem es primär nicht um Ruhm und Geld ging, sondern um die Musik. Man spürt es, wenn er darüber schreibt, wie viel Überzeugungsarbeit von aussen es brauchte, ihn hinterm Schlagzeug in die Sängerposition wegzuloben. Man hört förmlich den verwunderten Unterton über die Tatsache, dass er plötzlich zum Mega-Seller als Popsänger wurde. Wie ein roter Faden zieht sich die Ambivalenz seines beruflichen und privaten Lebens durch die Erzählung: Hier der unaufhaltsame Aufstieg, dort die immer wieder scheiternden Beziehungen. Was letztere betrifft, schont er sich wirklich nicht. Ebenso wenig, wenn er über seine Alkoholiker-Jahre schreibt, die ihn fast das Leben gekostet hätten. Will man es wirklich so genau wissen? Durchaus – zeigt es doch, was passieren kann, wenn ein Workaholic wie Collins nicht mit dem Ruhestand zurecht kommt. Mag sein, dass er ganz bewusst ein Buch für alle Phil Collins Fans schreiben wollte, und deshalb vergleichsweise wenig detaillierte Einblicke in seine Entwicklung als Schlagzeuger gibt. Schade ist es trotzdem. Man hätte gerne mehr erfahren, wie sich der feinziselierte Stil der frühen Genesis Alben in den raumgreifenden späteren Collins-Sound verwandelte, beginnend mit The Lamb Lies Down On Broadway. Denn Phil Collins ist mehr als diese berühmten wuchtigen Toms in In The Air Tonight

Heyne, 2016, 528 Seiten, 24.99 €

Deep Purple

Deep Purple

Jürgen Roth, Michael Sailer.

Deep Purple. Die Geschichte einer Band

„Es würde mehr Spaß machen, mit Saddam Hussein auf der Bühne zu stehen als mit Ian Gillan“, hat Ritchie Blackmore 1999 gesagt. Da stand er schon ein halbes Jahrzehnt lang nicht mehr mit Ian Gillan auf der Bühne, dafür aber mit seiner Verlobten Candice Night. Warum das nicht gut ist, und warum Blackmore und Gillan nicht miteinander konnten, das ist in der neuen Deep Purple Biographie von Jürgen Roth und Michael Sailer nachzulesen. Höchst subjektiv, sehr wertend, aber immer überzeugend. Selbst wenn man die Bewertung der beiden nicht immer teilt. Hier haben zwei sträflich junge Männer (Jahrgang 1963 bzw. 1968) der entscheidenden, stilprägenden und doch nie erreichten Hardrockband des vergangenen Jahrhunderts ein sprachgewaltiges Denkmal gesetzt, das vor Faktenreichtum quillt, vor Urteilsfähigkeit raucht und vor Sprachmächtigkeit geradezu vibriert. Nachgezeichnet werden die Anfänge der Band als „gecastete Boygroup“, die stilistische Unsicherheit der Rod-Evans jahre, der unglaubliche Erfolgsdruck der frühen siebziger nach dem Urknall „Deep Purple in Rock“ und schließlich das Zerbrechen der Band Mitte der 70er. Auch nach der Reunion 1984 bleibt es spannend, und hier entsteht vor den Augen des Lesers ein höchst amüsantes aber auch erschreckendes Psychogramm bandinterner Beziehungen und insbesondere des obskuren Gitarristen Ritchie Blackmore, Genie und Totalausfall in schnellem Wechsel. Die Autoren machen auch nicht den Fehler, das Spätwerk der Band (Sänger Gillan und Bassist Roger Glover wurden vergangenes Jahr 60) abzuqualifizieren. Sie rücken es genau dorthin, wo es gehört, indem sie ihm ernsthafte Entspanntheit attestieren und die Fähigkeit, neue Fans zu gewinnen, und dabei Würde zu bewahren.

Hannibal Verlag, 2005, 526 Seiten. 27.90 €

 

Dylan, Bob

Dylan, Bob

Suze Rotolo

Als sich die Zeiten zu ändern begannen

Erinnerungen an Greenwich Village in den Sechzigern

Suze Rotolo war die Muse von Bob Dylan zur Zeit von „The Freewheelin’ Bob Dylan“. Sie ist das Mädchen, das mit ihm auf dem Cover zu sehen ist, und das auch das Cover ihres Erinnerungsbuches ziert. Sie war die Inspiration zu Songs wie „Don’t think twice it’s allright“ – und doch geht es in diesen Erinnerungen um viel mehr als diese drei Jahre, in denen sie „die Frau an seiner Seite“ (als die sie nicht gesehen werden wollte) war. Wer sensationelle Enthüllungen, intime Details oder gar den endgültigen Einblick in Dylans Denken erwartet, wird enttäuscht. Rotolo entwirft auch und vor allem ein Bild ihrer eigene Familie, ihrer Erziehung und der widrigen Umstände, denen sie sich in der McCarthy Ära als Tochter italienischer Kommunisten ausgesetzt sah. Es ist eine Geschichte einer naiven, aber hoch emotionalen Politisierung. Und es ist die Geschichte des Teenagers Suze, der der Faszination der Folkszene in Greenwich Village erliegt. Das ist der eigentlich spannendere Teil des Buches. Mittendrin nun macht sich dieser Bob Dylan auf den Weg ins Showbusiness – und zu einer Popularität, die über diese Szene hinaus reicht: „Seine Songs waren im Folk-Idiom gehalten, entstammten jedoch eindeutig und unbestreitbar der Gegenwart. Er hatte sie in einem zeitlosen und zugleich zeitgemäßen Stil verfasst – was eine explosive Wirkung hatte – und das Publikum zollte staunend Anerkennung“ analysiert Rotolo die Kunst des Mannes. Wer solche Erkenntnisse für bahnbrechend hält, dem ist mit diesem Buch gedient.

 Parthas Berlin, 2011. 375 Seiten. 24 €

Fame, Georgie

Fame, Georgie

Uli Twelker

Georgie Fame – There’s Nothing Else To Do

1959 wurde der 16jährige Pianist Clive Powell aus Leigh bei Manchester zu Georgie Fame. Schuld daran war der Impressario Larry Parnes, der ein Händchen fürs Geld machen und das Erfinden von Künstlernamen hatte. Es hätte schlimmer kommen können: Ob aus Georgie Fame unter dem Namen „Lance Fortune“ wohl was geworden wäre, bleibt dahingestellt. Spätestens mit der höchst amüsanten Beschreibung der „Taufe“ des jungen Künstlers hat Uli Twelkers umfangreiche (in englischer Sprache verfasste) Biografie den Leser gefangen: Man spürt, hört und riecht förmlich diese Zeit, die Gepflogenheiten des Musikbusiness, man sieht die handelnden Personen lebendig vor sich. Fame war einer der ersten britischen Pianisten, die auf der Hammond Orgel brillierten, er wurde als Sänger mit Hits wie Bonnie and Clyde und Rosetta bekannt, spielte mit Van Morrison, Bill Wymans Rhythm Kings, Muddy Waters und vielen anderen und schrieb Rhythm & Blues Geschichte mit seiner legendären Band The Blue Flames. Uli Twelker wurde vom Georgie Fame Virus gepackt, als er ihn 1975 bei einem Konzert mit den Blue Flames in London sah, 1982 trafen die beiden sich zum ersten Mal. Das Buch ist dem Autor eine Herzensangelegenheit, das spürt man auf jeder Seite – und eine Fleißarbeit sondersgleichen: Er hat neben Fame mit rund 30 Zeitzeugen und musikalischen Weggefährten gesprochen und breitet so ein Musikerleben mit akribischer Detailgenauigkeit vorm Leser aus. Er kommentiert ausführlich die Veröffentlichungen und erlaubt tiefe Einblicke in die Arbeitsweise des Künstlers. Sachlich und kompetent, aber auch immer ganz nah dran. Twelker rekonstruiert Ereignisse in Dialogform, lässt Fame Anekdoten erzählen und so ein lebendiges Bild im Kopf des Lesers entstehen. Die letzten 45 Seiten des 490-Seiten-Wälzers nehmen Diskographie, eine komplette Liste aller von Fame gesungenen Songs, Zeittafel der Bandbesetzungen, Auswahlbibliographie und Personenregister ein. So sollte eine Musikerbiografie aussehen. Wenn der Englischlehrer, Musiker und Good Times Mitarbeiter Twelker jetzt noch eine deutsche Übersetzung folgen lassen könnte, wäre das für die hiesigen Fame-Fans Weihnachten und Ostern zugleich.

Uli Twelker Publishing (Englisch), 2019, 492 Seiten, 24.95 €

Halford, Rob

Halford, Rob

Rob Halford

Confess. The Autobiography

Sex and Drugs and Rock’n’Roll: man bekommt mit der Autobiografie dess Judas Priest- Frontmannes alles geliefert, was diesbezüglich zu erwarten ist. Ja, es gibt genügend Triumph- und Horrorgeschichten, sexuelle Ausschweifungen, Alkohol, Drogen, ein Selbstmordversuch, der vollendete Selbstmord eines seiner Liebhaber. Aber Halford erzählt mit entwaffnender Ehrlichkeit und einem stellenweise derben Humor (plus in Fussnoten erläutertem Slang) entlang der musikalischen Geschichte jener Band, die bis heute zu den wenigen Felsen in der Metal-Brandung zählt. Trotz der drastischen Einblicke in dieses gelebte Leben hat der Leser nie das Gefühl, der Autor bediene voyeuristische Gelüste. Eher spürt man das Bedürfnis, sich all diese Höhen und tiefen endlich von der Seele zu schreiben. Auch wenn man gelegentlich geneigt ist, bei Musikerbiografien Kindheit und Jugend zu überspringen und bis zur ersten Bandprobe weiter zu blättern: hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen auf die anrührend geschilderte Birminghamer Tristesse Anfang der 50er-Jahre, die Perspektivlosigkeit, die eskalierenden Streitereien im Elternhaus. Vor diesem Hintergrund wird die Wut und die Kraft, die später in der Musik der Band steckt, um so nachfühlbarer.  Wer nun möglicherweise das Waschen schmutziger Wäsche erwartet, der wird enttäuscht. Halford behandelt ehemalige Bandmitglieder (und aktuelle sowieso) mit großem Respekt und Empathie, ohne etwa seine Sicht der Dinge auf lange schwelende Konflikte zwischen dem Gitarrengespann Glenn Tipton und K.K. Downing unter den Tisch zu kehren. Aber auch dabei wertet er nicht, sondern schreibt vor allem über seine eigene Frustration. Auf Seite 60 erzählt er, KK Downing habe mal gesagt, der der Rest der Bqand habe von Anfang an gewusst, dass ihr Sänger schwul ist. Vor diesem Hntergrund sind ie Qualen, die er über Jahrzehnte erlebt, schon fast tragisch zu nennen. Eindringlich legt er dar, dass er bei allen seinen sexuellen Eskapaden panische Angst vorm Outing hatte. Aus Furcht, die Fans könnten sich von der Band abwenden. Man denkt unwillkürlich an das gleiche Problem, das Profifussballer bis heute plagt. Letztendlich sind Halfords Memoiren die Beschreibung eines langen, steinigen Wegs, die innere Zufriedenheit mit dem äußeren Erfolg inEinklang zu bringen. Aber auch Amüsantes kommt in diesem Bekenntnis vor: Etwa die Begegnung mit der britischen Königin oder die Erörterung der Frage, ob man denn den Fans zumuten könne, mit Scott Travis einen Amerikaner auf den Schlagzeughocker einer so durch und durch britischen Band zu setzen. Mit der Wiederentdeckung des alten Feuers mit neuen Bandmitgliedern und einer stabilen Liebesbeziehung mündet dieses Bekenntnisbuch tatsächlich in ein Happy End, the metal way.

Hachette Books, 2020, 368 Seiten, 26,99 €

Heavy Metal

Heavy Metal

Frank Schäfer

Talking Metal

Headbanger und Wackengänger. Die Szene packt aus

Frank Schäfer stellt den richtigen Leuten die richtigen Fragen, deshalb ist es auch durchaus verdienstvoll, sich dem Innenleben der Metal-Szene in Interviewform zu nähern. Schäfer ist Fan, Journalist und Musiker. Er stellt nicht einfach Fragen, er diskutiert seine Themen mit den Interviewpartnern, die durch die Bank Überzeugungstäter sind: der Produzent, der Musiker, der Journalist, der Festival-Veranstalter, der Roadie u.a.. Schäfer meidet weitgehend Superpromis, die eh nur Politikerantworten geben würden. Damit wird er seinem eigenen Anspruch gerecht: der Frage nachzugehen „wie sich die Menschen ihre Passion so lange erhalten können, selbst nachdem die zu ihrem Job geworden ist“. Der Journalist Matthias Penzel ist überzeugt, der Metalfan höre seine Musik laut, weil sie ihm mehr ist als ein Accessoire. Der Produzent Sascha Paeth erzählt vom Spagat zwischen den Möglichkeiten der Studiotechnik und der metal-immanenten angestrebten Gefühlsechtheit, der Radiomann Jakob Kranz will jede Woche neue „aufregende, anregende und auch polarisierende“ Songs vorstellen. Wer Logos entwirft, muss ein Fan sein, bekennt der Grafiker Christophe Szpaijdel. Trefflich diskutieren lässt sich über Thesen des Musikwissenschaftlers Dietmar Elflein: Der findet, British Steel sei „schon sehr Pop“ und Black Sabbath seien zumindest auf dem ersten Album keineswegs der Gegenentwurf zur Hippiebewegung. Unter den Metalhörern verortet er „einige, die sich damit auch intellektuell beschäftigen, andere wiederum ‘wanna have fun’ Beides ist absolut gleich legitim.“ Genau so ist es – und von beiden „Sorten“ gibt es in dem Buch noch einige mehr.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2011, 240 Seiten, 14,95 EURO

Heavy Metal

Heavy Metal

Frank Schäfer

Metal Antholögy

Ansichten und Meinungen eines Schwermetallsüchtigen

Natürlich ist der Titel Etikettenschwindel: Hier gibt es nichts nachzuschlagen, als Lexikon taugt das Buch nix. Eher schon als Reiseführer durch den Kopf des Autors, in dem ganztägig die Gitarren sägen, das Dosenbier schwappt und der Mitteilungsdrang in Sachen Metal und Artverwandtes nach wie vor ungebremst ist. „Ansichten und Meinungen eine Schwermetallsüchtigen“, der Untertitel, trifft es ganz gut. Schäfer erzeugt in seinen skizzenartigen, anekdotischen Erlebnisberichten – sei es von Festivals oder aus dem Innenleben des Heavy Metal Clubs Braunschweig – aber auch in einem kurzen Abriss über prägende Live-Alben eine Unmittelbarkeit, die fast schon zu riechen und zu schmecken ist. Wenn der Duden nicht mehr reicht, werden neue Wörter geprägt. Oder was beschreibt einen, der verzückt zu Birth Controls ›Gamma Ray‹ entschwebt, besser als das luzide Wörtchen „Teilzeitbatiker“? Meinungsstark ist Schäfer allemal. Ein ums andere mal führt er vor, dass Sachlichkeit der Tode jedweder wertenden Musikrezeption ist: da erklärt er es etwa kurzerhand zum Sakrileg, dass Rory Gallaghers Bruder Donal Joe Bonamassa dereinst die Strat des Verstorbenen für ein Konzert ausgeliehen hat. Schäfers ganz große Stärke ist seine Schreibhaltung zwischen Intellektualität und Rock’n’Roll, die man schon fast als – im positiven Sinne – schizophren bezeichnen könnte. Zum einen schreibt aus der Sicht des begeisterten Kindes, das sich im Dreck – in diesem Fall Lärm – suhlt, zum anderen steigt er gern mal hinauf auf die vielzitierte „höhere Warte“ des seriösen Kulturkritikers, von der er aus er nie den Überblick verliert. Dazu kann dann auch mal Adorno bemüht werden.

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2014, 260 Seiten, 14.95 €

Hendrix, Jimi

Hendrix, Jimi

Frank Schäfer

Being Jimi Hendrix. Ein Essay.

Frank Schäfer, 1966 und damit eigentlich zu späte geboren, hatte sein Hendrix-Erweckungserlebnis mitLittle Wing‹, das ihm Mitte der 80er Jahre nachts auf einer Garagenparty. Also nähert er sich seinem Thema schon mal nicht als kreischender zeitgenössischer Fan und spielt auch nicht den Allwissenden. Und das macht auch den Reiz der atemlosen Collage dieses kurzen Lebens: Schäfer sichtet Presse, zeigt Zeitungsausschnitte, zitiert Zeitzeugen und Hendrix selbst und ordnet alles in den historischen Hintergrund ein. Wenn er sein Hörerlebnisse beschreibt, schreibt er anschaulich über das, was er hört. Die Deutung überlässt er weitgehend anderen, etwa den Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker Klaus Theweleit, den er ausführlich zitiert. Eine kritische Würdigung des nach Hendrix’ Tod veröffentlichten Restmaterials („der postume Publikations Terror“) bescheinigt Eddie Kramers Mischpultarbeiten Authentizität, findet aber, dass die 1975 vom Jazz-Produzenten Alan Douglas verantworteten Alben Crash Landing und Midnight Lightning in ihrer Neuanordnung und Bearbeitung vorhandener Fragmente zu weit gehen. Schäfer wäre nicht Schäfer, würde er nicht auch in die Bereiche der eher abseitigen Hendrix Rezeption und -ausbeutung sein Lämpchen leuchten lassen: Da erinnert er etwa an Kaplan Flurys hochpädagogischen „Krautrockfetzer“ „Jimi. oh Jimi Hendrix“, der selbstredend die Jugend der Welt vom Drogenmissbrauch abhalten sollte: „Ji-hi-hi-hi-mi, Ji-hi-hi-hi-mi, die Welt im Rasch, das ist eine Welt die so schnell zerfällt“. Schäfer hält sich aus allen Verschwörungstheorien zu Hendrix’ Tod raus. Stattdessen scheint ihm plausibel, all diese Erklärungsversuche seien aus dem Wunsch geboren „dass wenigstens der Tod eines so exorbitanten Künstlers etwas zu bedeuten hat. Dass er nicht einfach so passiert ist, wie meistens. Lächerlich absurd und fatal willkürlich“.

Verlag Andreas Reiffer, 2012, 96 Seiten, 4,99 

Indonesische Bands

Indonesische Bands

Helmut Wenske

Black Eyes: Indonesier-Bands in Germany

Storys und Bilder

Helmut Wenske – auch bekannt als Chris Hyde – war Halbstarker, Rock’n’Roller, illustrierte Bücher und machte Plattencovers. Er war immer mittendrin, dort wo die Musik spielte, vor allem in der Hanauer Clubszene der 60er Jahre. In »Black Eyes« geht es um Bands wie The Tielman Brothers und The Crazy Rockers – Musiker mit indonesischer Anstammung aus Holland, die in den damals die deutschen Beatlokale eroberten, und die er dort erlebte. Über die Jan Akkerman im Vorspann sagt: »Die Jungs waren ihrer Zeit weit voraus. Sie wussten es nur nicht. Sie haben nicht gemerkt, dass sie manchmal auf der Gitarre Sachen hervorbrachten, die für geschulte Musiker nicht zu fassen waren.« Genau das machte Helmut Wenske zum Fan. Der sich seiner Sache immer sicher ist: »Allerdings rafften in Hamburg die Barbesitzer in ihrer hanseatischen Sparbrötchenmentalität schnell, dass sie mit billigstem Importschrott aus Liverpool größere Gewinne machten. Diesen blutigen Anfängern waten die Indo-Rocker um Lichtjahre voraus.« Wenske schreibt, wie ihm der Schnabel gewaschen, eine Story jagt die nächste. Zum Beispiel die von Reggy Tielman, der Frauen »vorflunkerte, dass er früher in Bali täglich auf dem Rücken eines Löwen quer durch den Dschungel von Dorf zu Dorf geritten ist.« Das Buch setzt sich nicht analytisch mit der Musik dieser Bands auseinander, ist weder Lexikon noch chronologische Abhandlung oder gar Betrachtung des Phänomens von der »höheren Warte«. Es ist, als säße der Autor direkt vorm Leser und erzähle seine Geschichten. So entsteht ein reich bebildertes, sehr subjektives Zeitgeist-Panoptikum mit viel viel Licht und Schatten. In dem Musik eine große Rolle spielt, aber auch Begleiterscheinungen der Szene wie Gewalt, Alkoholexzesse und Prostitution.

Hirnkost, 2018, 296 Seiten, 28.00 €