Kanadische Rockmusik

Kanadische Rockmusik

Bob Mersereau

The History Of Canadian Rock’n’Roll

Die 50er Jahre in den USA: Hier wird der Rock’n’Roll erfunden. Seine Geschichte und Geschichten füllen ganze Bibliotheken. Was dagegen nördlich der Grenze in Kanada passiert, ist zumindest weniger dokumentiert, wenn nicht in Vergessenheit geraten. Aber für die kanadische Jugend war die heimische Szene genauso Nabel der Welt wie die amerikanische für die Jungs und Mädels südlich der Grenze. Neil Peart zeichnet in seinem Vorwort ein schillerndes Bild seiner eigenen musikalischen Sozialisation in den 60er-Jahren in Clubs, auf Schulbällen und Jahrmärkten. Damit ist die Neugier geweckt für Mersereaus Erzählung von Aufbruch, Erfolgen und Niederlagen der kanadischen Musiker. Er taucht ein in die Clubszene Torontos, widmet sich Folk Rock und Psychedelic Rock der 60er Jahre, und zeichnet die Schwierigkeiten nach, kanadische Musik Ende der 60er-Jahre ins Radio zu bringen. Mit einer 30 Prozent-Radioquote 1971 beginnt schließlich der Aufstieg der kanadischen Musikindustrie – und damit wächst auch die internationale Bedeutung kanadischer Musik. Die sich nicht nur in den Lebenswegen der Künstler, die in den USA ihr Glück suchten, ablesen lässt. Anhand großer Namen wie Neil Young, Joni Mitchell, Byran Adams oder Nickelback wird deutlich, wie einflussreich kanadische Künstler für die Internationale Musikszene waren, und wie viele bemerkenswerte kommerzielle Erfolge sie feiern konnten. So vor allem in den 90er Jahren, als so unterschiedliche Künstler wie Celine Dion und Alanis Morrisette in den Popcharts omnipräsent waren. Mersereau widmet sich quer durch die Jahrzehnte kanadischen Ikonen wie Gordon Lightfoot genauso wie längst vergessenen Bands und Künstlern, die nie ausserhalb des Landes bekannt wurden. Das Buch eignet sich vorzüglich als Einstieg für eigene Recherchen, leidet aber streckenweise unter einer Überfülle von Namen und Fakten. Da auf knapp über 300 Seiten sowieso nicht die ganze Geschichte erzählt werden kann, hätte eine Auswahl exemplarischer Künstler möglicherweise einen intensiveren Einblick ermöglicht.

Backbeat Books, 2015, 320 Seiten, 24.99 US Dollar

Lukather, Steve

Lukather, Steve

Steve Lukather with Paul Rees

The Gospel According To Luke

Vorneweg: wer das Privileg hat, ein paarmal mit Steve Lukather gesprochen zu haben und der englischen Sprache mächtig ist, den spricht diese Autobiographie an – im Wortsinne. Weil Lukather zusammen mit seinem CoAutor Paul Rees geschafft hat, die rasende Parforce Tour durch seine über 40 Jahre andauernde Musikerkarriere so klingen zu lassen, als säße er mit dem Leser in einem Raum. Ja, er fluche gerne, schreibt er: schließlich stamme er aus einer wütenden Familie, die gern mal rumschreit. Er rät jedem von der Lektüre ab, der das nicht verträgt. Auch jene, die darauf spekulieren, nun endlich die fetten Drogen- und Sex-Skandale nachlesen zu könne, werden enttäuscht. Hier geht es vorrangig um Musik und wie sie gemacht wird, um die unzähligen Musiker, mit denen er gearbeitet hat. Wenn die Erzählungen des Gitarristen den Leser mit ins Studio und auf die Bühne nehmen, hat der das Gefühl, wirklich dabei zu sein. Der rote Faden aber ist die Geschichte der unkaputtbaren Band Toto, die zu den von Kritikern meistgehassten Bands des Planeten zählt. Einer schrieb während der Ölkrise, die Herstellung von Toto-Platten sollte verboten werden – wegen Materialverschwendung. Ein anderer bedauerte, dass man die Eltern der Musiker nicht rechtzeitig sterilisiert habe, um diese Band zu verhindern. All denen macht Lukather eine klare Ansage: »Say it to my face, asshole« – »Sag‘s mir ins Gesicht, Arschloch«. Er ist arrogant, aber mit einem gewissen Recht – und das auch noch auf eine kratzbürstig charmante Art. Auf der anderen Seite outet er sich immer wieder als Fan, der in Ehrfurcht vor Größen niederkniet, mit denen er zusammenarbeiten durfte. Im Laufe seine Karriere mit drei der vier Beatles kooperieren zu können, sei ihm davor genauso realistisch erschienen wie der erste Mann auf der Venus zu sein. Auf 1500 Produktionen hat er seine Spuren in den Spuren hinterlassen, so kommt das Buch auch um ein gewisses Mass an Name Dropping nicht herum, was angesichts der schieren Zahl der Kollaborationen nicht ausbleiben kann: Quincy Jones, Stevie Nicks, Elton John, Miles Davis, Joni Mitchell, Don Henley, Roger Waters, Aretha Franklin, Michael Jackson. Lukather steht zu seinem Credo, dass Erfolg eine Mischung aus harter Arbeit und der Liebe zur Musik sei. Aber die Chemie muss eben auch stimmen – und deshalb steht seine Band immer über allem: Toti ost ein Band. »Wenn ich die Songs mit anderen Leuten spiele, klingen sie nie genau so. Es ist einfach die Art, wie wir zusammenspielen. Es war immer so. Es ist die Chemie.« Umso mehr beklagt er den Verlust von Jeff und Mike Porcaro. Der Leser spürt in jeder Zeile, wie nahe im diese Todesfälle bis in die Gegenwart gehen. Einer Gegenwart, in der der heute 62hjährige immer noch von seinem Job schwärmt. 200 Tage im Jahr On The Road? Kein Problem: »Wir haben den besten Job der Welt. Da gibt es nichts herumzunörgeln.«

Constable (Englisch), 2017, 352 Seiten, 18.00

Mey, Reinhard

Mey, Reinhard

Reinhard Mey mit Bernd Schroeder

Was ich noch zu sagen hätte

Reinhard Mey gehört zu jenen Künstlern, bei denen die Frage nahe liegt: Braucht’s da wirklich eine Autobiographie. Wo er doch alles, was er zu sagen hatte, schon gesagt hat, Privates wie Politisches. Aber vielleicht ist genau deshalb dieses Buch auch keine wirkliche Autobiografie geworden, sondern ein verlängertes Interview mit Zugabe. Bernd Schröder hat den Chansonnier ausgequetscht und dieses Gesprächsprotokoll niedergeschrieben. Möglichst nahe an der wirklich gesprochenen Sprache – zumindest suggeriert der veröffentlichte Text das. Historisch streift Mey die Anfänge als Sänger in Kneipen, die Zerrüttung der Liedermacherszene beim legendären Burg Waldeck Festival. Er wirft gelegentlich ironische, aber immer von Zuneigung geprägte Seitenblicke auf Sangeskollegen, arbeitet seine eigene Familiengeschichte und seine französische Karriere als Frederik Mey auf, und erzählt von den Sorgen, die man als Vater erwachsener Kinder so hat. Im Fall Mey durchaus legitim, da Werk und Privatleben viel miteinander zu tun haben. Ergänzt wird das Lebensprotokoll mit Liedtexten und unspektakulären Bildern, die Mey auch auf dem Höhepunkten seiner /andauernden) Karriere als Mensch, nicht als Star zeigen. Nach Lektüre dieses Buches mag man glauben, Reinhard Mey als Mensch persönlich kennen gelernt zu haben. Das mag eine Illusion sein, aber sicher nicht eine der blödesten.

256 Seiten, zahlreiche Fotos. Kiepenheuer & Witsch, 2005. 18.90 €

 

Progressive Rock

Progressive Rock

David Weigel

Progressive Rock

Pomp, Bombast und tausend Takte

David Weigel hat lange für die Washington Post (als politischer Korrespondent) und Magazine wie Esquire und den Rolling Stone gearbeitet. Er ist bekennender Progrock-Fan, was man in jeder Zeile dieses Buches spürt. Wer allerdings dem Klappentext glaubt, Weigel zeichne ein »stimmiges. spannendes Bild dieser Musikrichtung« oder erzähle gar die »ganze Geschichte des Prog« (New York Times) der fühlt sich nach der Lektüre betrogen. Die Erzählung kreist immer wieder um die offensichtlich von ihm favorisierten Protagonisten King Crimson, Emerson Lake & Palmer, Yes, Genesis, Soft Machine und Van der Graaf Generator, in unterschiedlicher Dosierung. Deren Bandgeschichte erzählt er collagenartig ineinander verschränkt, was zwar etwas verwirrend ist, aber zumindest ein musikalisches Sittengemälde der Aufbruchszeit des Genres bietet. Der Niedergang des Genres gegen Ende der 70er wird zwar beschrieben, aber nicht wirklich erklärt, und durch die in den 80er Jahren durch Marillion einsetzende Neo-Progbegeisterung hetzt der Autor im Saugalopp. Nun lässt sich trefflich streiten, was eigentlich zum Genre Progrock gehört, aber dass Weigel Pink Floyd nur streift, und die gerade in England hochangesehenen deutschen Bands von Can bis Faust kaum eines Blickes würdigt, erscheint dann doch etwas seltsam. Auf der anderen Seite ist das Buch eine Fleissarbeit voller Zitate und Anekdoten, die sicher schöne Diskussionsanlässe für Prog-Nerds abgeben. So etwa wird der frühe King Crimson Sänger Gordon Haskell mit dem Staz zitiert: »King Crimsons Waffe ist musikalischer Faschismus, gemacht von Faschisten, entworfen von Faschisten, um zu entmenschlichen, um der Menschheit ihre Würde und ihre Seele zu rauben.« Eine wahre Fundgrube sind die Zitate aus vernichtenden Kritiken journalistischer Prog-Hasser, die ihre schillernde Ahnungslosigkeit unter Beweis stellen. »Jethro Tull glauben eventuell, dass sie Kunst produzieren, was etwas ist, was im zwanzigsten Jahrhundert nicht gebraucht wird«, schrieb etwa Dave Marsh. Auch bei der Beschreibung der musikaischen Höchstleistungen des Genres wird es gelegentlich fast unfreiwillig komisch, wenn jedes Stück in epischer Breite auf seine Kompliziertheit hin untersucht wird, und der Leser seitenlang das lesen muss, was er eh schon hört, so er ein offenes Ohr hat. Richtig ärgerlich aber ist die holprige Übersetzung. Wenn dann noch Marillions ›Warm Wet Circles‹ zu ›Warm Wet Circus‹ wird, mag man sich die dort zu bewundernden Dressurnummern gar nicht vorstellen.

Hannibal Verlag, 2018, 296 Seiten, 25,00 €

Progressive Rock

Progressive Rock

Will Romano

Prog Rock FAQ

All that’s left to know ablout Rock’s most progressive music

Will Romano ist ein amerikanischer Musikjournalist, der unter anderem für die New York Post, Modern Drummer und VH 1 arbeitet. In Prog Rock FAQ befasst er sich nicht nur mit der Musik als solcher, sondern auch mit kulturellen, technologischen und sozialen Faktoren, die den Hintergrund der musikalischen Entwicklung bilden. Romano stellt sein Buch als eine Art alternative Geschichte des Progressive Rock vor. Erklärtes Ziel des meinungsstarken Autors ist es, aus seiner Sicht unterbewerteten Künstlern wie Echolyn, Billie Richie oder Peter Banks Aufmerksamkeit zu verschaffen. Bisweilen treibt dieser Anspruch seltsame Blüten: Warum er etwa John Payne, dem Interims-Sänger von Asia, sieben Seiten einräumt, bleibt sein Geheimnis. Andererseits stellt er innovative „Randfiguren“ wie den früheren Van Der Graaf Generator Saxofonisten David Jackson in ausführlichen Interviews vor. Das Thema Konzeptalben beleuchtet er von einer neuen Seite:. Warum es großartig ist, aber eben kein Konzeptalbum, heisst die Überschrift für die Betrachtungen über (unter anderem) 2112 (Rush), Grand Hotel (Procol Harum) oder Dark Side Of The Moon (Pink Floyd), Ein Kapitel widmet sich dem Mellotron, eines zwei obskuren Bands der italienischen Prog-Rock-Szene, ein weiteres epischen Werken mit Überlänge von ›Thick as A Brick‹ bis ›Echoes‹. Wie weit Romano das Genre definiert, lässt sich an der Einbeziehung von Zappa und dem Kraftwerk-Ableger Neu! ermessen. Ein ausführliches Kapitel diskutiert den Niedergang des Genres zu den Hochzeiten von Punk. Es ist nicht das einzige, das reichlich Diskussionsstoff bietet.

Backbeat Books (Englisch) 2014, 370 Seiten, 24,99 €

Woodstock

Woodstock

Michael Lang / Holly George Warren

Woodstock: Die wahre Geschichte.

Vom Macher des legendären Festivals

Am 15. August 1969 um 17.07 ging Richie Havens auf die Bühne des Woodstock-Festivals und begrüßte das Publikum mit den Worten. »Wisst ihr was? Wir haben es endlich ge- schafft! Dieses Mal haben wir es geschafft. Jetzt werden sie uns nicht länger ignorieren können.« Bis zu diesem Moment war es ein weiter, steiniger Weh. Den Michael Lang, damals der maßgebliche Organisator und die Musikhistorikerein Holly George-Warren detailverliebt beschreiben. Mitwirkende in der Organisation kommen ebenso zu Wort wie Musiker und Festivalbesucher. Lang hatte 1968 das erste Florida-Musikfestival organisiert, über das in der Lokalzeitung zu lesen war »Blumenkinder verhalten sich ungewohnt manierlich: Unser Reporter auf Tuchfühlung mit den Verrückten.« So ermutigt, baute Lang konsequenmt an seinem Traum weiter, von skeptischen Kommentaren seiner zeitgenossen begleitet. »Auf mich wirkte er wie ein ein kleiner Headshopbesitzer, der zwar einen großen Traum hat, aber nicht über die visionäre Energie verfügt, tatsächlich etwas auf die Beine zu stellen, das meiner Meinung nach wohl als das größte kulturelle Event des Jahrhunderts hätte gelten können. Aber genau das hat er gemacht«, wird der Polit-Aktivist Abbie Hoffman zitiert Wie organisiert man ein solches Riesen-Festival in einem Umfeld, das überhaupt nicht weiss, was da möglicherweise passieren wird? Lang schreibt über den monatelangen Mehrfronten-Kampf zwischen logistischen Problemen, Idealismus und Überzeugungsarbeit. Über die vielen Menschen mit all ihren Fähigkeiten und Marotten, die das Ereignis stemmen können. Über die Knüppel, die ihm und seinem Team von allen Seiten in den Weg geworfen werden. »Während weiterhin von rechts und links auf mich eingeprügelt wurde, sah ich den Weg, den wir gehen mussten, ganz klar vor mir. Er führte zu einem Ort, an dem Kunst und Kommerz ebenso friedlich nebeneinander existieren konnten wie gegensätzliche Meinungen, an dem die Humanität an erster Stelle stand und das, was uns voneinander unterschied, nur dazu beitrug, die Welt bunter zu machen.« das Buch liest sich mindestens so spannend wie ein Krimi, und von dem Moment an, in dem Richie Havens die Bühne betritt, ist man als Leser hinter und auf der Bühne, mitten undter den Menschen und im Büro der Veranstalter gleichzeitig.

Edel Books, 2019, 384 Seiten, 24.95 Euro