Aeon Zen

Aeon Zen

Inveritas
Richard Hinks Music I VÖ: 10.05.2019
Männer mit musikalischem ADHS-Syndrom

Fliegender Wechsel von hartem Stakkato Riff zu hochmelodiösen Hooks, ein bisschen hektisch das Ganze. ›Another Piece That Fits‹ klingt wie ein fahrender Zug, der mit kaputten Bremsen auf einen Rammbock zurast und dabei ein paarmal aus dem Gleis hüpft und doch wieder zurück in die Spur findet. Schräge Takte auf Brachiale Riffs tragen in andere Richtungen verlaufende Melodien. Doch plötzlich: Ein fast schon freundlicher Refrain. Oder ist das die Bridge? Das war noch nicht alles: Das Stück schlägt noch ein paar Haken, bis es schließlich zu reinrassigem Barjazz mutiert. Bis erneut die metallische Hölle hereinbricht. Aeon Zen komponieren eben nicht in gängigen Schemata. Wenn sie richtig fies sind, erinnern sie (in ›The Last Alive‹) und vor allem im Gitarrensolo-Rausch von ›The Treachery Of Images‹ ein wenig an The Hirsch Effekt – mit dem Unterschiede, dass sie singen und nicht hysterisch schreien wie die Hannoveraner. Noch ein Vergleich sei zur Einordnung erlaubt: ›The World Without Sky‹ kommt daher wie eine härtere Version einer typischen Von Hertzen Brothers-Hymne und zeigt damit noch einmal die enorme Wandlungsfähigkeit der Band.

7/10

Airey, Don

Airey, Don

One Of A Kind

earMUSIC I VÖ 25.05.2018

Klassischer Klasse-Classic Rock

Konzentrierte, auf den Punkt gespielte Bandmusik, eine Sammlung knackiger Rocksongs, von denen einige durchaus hohe Affinität zu Aireys Stammband Deep Purple haben – was die Grundierung durch gut angefettete Gitarren/Orgel-Riffs angeht. Es klingt weniger verspielt als Aireys Vorgängeralben und schon gar nicht wie der Egotrip eines selbstverliebten Tasten-Moguls. Es mutet an wie eine Hardrockband, die ständig zusammenspielt, ihre Wurzeln in den 70er-Jahren hat und von der gleichberechtigten Virtuosität des Keyboarders und des Gitarristen lebt. Mit Simon McBride hat sich Airey in der Tat einen hochklassigen Partner, der keinen Vergleich mit den Gitarrenhelden scheuen braucht, die der Orgelmeister bislang als Spielkameraden hatte. Vom quirligen ›Respect‹, das klingt wie der Opener eines späteren Rainbow- Albums, über den dunkel bluesig rumpelnden Titelsong bis hin zum einzigen progressiv aufgeladenen ›Victim Of Pain‹ wird trotz durchgehender Klangästhetik eine große Bandbreite an Ideen aufgefahren. Mit ›Running Free‹ gibt es gar noch eine Fingerübung in Pop.

7/10

Anderson, Ian

Anderson, Ian

 

Homo Erraticus

kscope / VÖ: 14.4.2014

Der Rattenfänger in Höchstform

Gerald Bostock ist wieder da: Der Protagonist der Thick As A Brick Alben tritt dieses Mal als Tourmanager auf, der im Buchladen des fiktiven Kaffs Linwell ein Manuskript des Amateur-Historikers Ernest T. Parritt ausgräbt: Ein Rundumschlag durch die britische Geschichte – mit Ausblick in die nahe Zukunft. Darum strickt Ian Anderson ein weiteres Konzeptalbum. Dass die Musik dabei eine Geschlossenheit erreicht, wie sie auf Andersons Werken der vergangen 20 Jahre so nicht zu hören war, ist das große Verdienst des Albums: Griffige Songs, die auch für sich stehen können. Zu dem runden Eindruck trägt die Produktion bei, die kräftiger klingt als der Vorgänger und doch einen Anteil an nostalgischer Patina zulässt. In Florian Ophale hat er den Gitarrenpartner gefunden, der ihm die fleischigen Riffs liefert. Zudem scheinet das Gitarrenspiel des jungen Bayern die Flöten-Ekstase des Frontmanns zu befeuern. Dessen Gesangsparts so clever geschrieben sind, dass die kaputten Stimme nicht unangenehm auffällt. Homo Erraticus lässt Stilelemente aus allen Jethro-Tull-Phasen aufblitzen und setzt sie in einen neuen Zusammenhang. Stagnation auf höchstem Niveau? Ja, aber gerade deshalb ist es das bestmögliche Album, das Ian Anderson an diesem Punkt seiner Karriere machen konnte. Denn im Experimentieren war er immer schlecht. Alles ist drin: harter Rock steht neben sakraler Feierlichkeit, die verspielte Leichtigkeit von Living In The Past‹ wird wiederbelebt ebenso wie das lange verschüttete Folk-Element und der schräge Humor von A Passion Play. Der abschließende Riff-Rocker Cold Dead Reckoningist das wohl das hypnotischste Stück Musik, das Anderson in seiner Karriere besungen hat.

9/10

Ayreon

Ayreon

The Theory Of Everything

Inside Out / VÖ: 28.10.2013

Die falbelhafte Welt des Arjen

Arjen Lucassen hält mit unerschrockener Standhaftigkeit das Genre Rockoper am Leben. Nun hat er wieder einmal unter der Ayreon Flagge Gastsänger (dieses Mal nur sieben!) versammelt und dazu Progrock-Veteranen wie Rick Wakeman, Keith Emerson, John Wetton und Steve Hackett. Die inhaltliche Klammer des Doppelalbums ist „der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn“, sagt der Schüpfer. Musikalisch wandert Ayreon wie immer auf dem schmalen Grad zwischen Kitsch und Kunst, zwischen Virtuosität und Selbsverliebtheit – und stürzt dabei nie ab. Obwohl die vier langen Sücke des Werkes in 42 einzelne Titel unterteilt sind, obwohl sich nur ganz selten eine komplett durchgehaltene Songstruktur auftut, wirken die einzelnen Teile so, als folgten sie einem roten Faden. Nichts wirkt zsammengezwungen, nichts mit dem Rechnschieber aneinander geschraubt. Faszinierend vor allem, wie diese schnell wechselnden Stimmungen zwischen Metal, Folk-Elementen, Klassik-Anleihen, dramatischen Gesangsduetten und morgenländischen Harmonie-Einsprengseln, ja sogar Musical-nahem Pomp dann doch ein Ganzes ergeben, das man nicht anders als anheimelnd bezeichnen kann. Schönheit siegt immer über Klebrigkeit. Das Album ist das laut flackernde Kaminfeuer, an das man sich setzen möchte, wenn draussen der Sturm tobt.

8/10

Ayreon

Ayreon

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Inside Out/SPV / VÖ: 28.1.2008

Arjen Lucassen macht Rockopern. In schöner Regelmäßigkeit haut der holländische Gitarrist, der dereinst mit der Metalband „Vengeance“ nicht ganz den Erfolg erlangte, der ihm zugestanden hätte, Doppelalbum um Doppelalbum heraus. Die alles haben, was der Genrefreund begeht: Ein gewichtiges Thema, dynamische, abwechslungsreiche. opulente Musik und manchmal auch Längen. Dieses Mal geht es um Wassergeschöpfe (?) auf dem Planeten Y, die das Geheimnis der Langlebigkeit entdeckt haben. Aber nun sind die komplett auf Maschinen angewiesen und laufen Gefahr ihre Gefühle zu verlieren. Wenn’s denn sein muss: der Musik tut es keinen Abbruch. Ein bisschen mehr Elektronik als sonst vielleicht, es blubbert und zischt an allen Ecken und Ende, man assoziiert breitwandige Verfilmungen, und doch: immer wieder holen bodenständige Brüllgitarren, eher straighte als verfrickelte Rhythmen, akustische Flötenklänge (Jeroen Gossens von Flairck) und nicht zuletzt eine ganze Armada ausgezeichneter und sehr unterschiedlicher Sänger (unter anderem Bob Catley von Magnum und Ty Tabor von Kings X) den Erdling wieder in seine Welt zwischen den zwei Boxen zurück. Von wo aus der dann bei Rotwein und Kerzenlicht wieder starten kann in die Welt der Y. Es wird, versprochen, eine weiche, wohlige Landung werden nach 102 Minuten.

7 1/2 / 10

Badger

Badger

One Live Badger (Re-Release)

Esoteric Recordings / VÖ: 27.5.2016 / Original-Release 1973

1971 verlässt Keyboarder Tony Kaye unfreiwillig Yes und tut sich mit dem Bassisten und Sänger David Foster zusammen, dem Komponisten des Titelsongs des zweiten Yes-Albums Time And A Word. Sie rekrutierten Drummer Roy Dyke (ex-Ashton Gardner & Dyke). Zusammen mit Gitarrist und Sänger Brian Parrish entsteht Badger. Als Yes im Dezember 1972 mehrere Shows im Rainbow Theatre in London aufnehmen, die später für Yessongs verwendet werden, spielen Badger als Vorband zwei intensive Konzerte, aus denen das Debütalbum der Band wird, das Jon Anderson produziert. Ein Kuriosität, auch angesichts der Tatsache, dass die Band zuvor erst einmal live aufgetreten war. Die sechs Songs sind zu diesem Zeitpunkt das gesamte verfügbare Repertoire, deshalb enthält die Neuauflage auch keine Bonustracks. Klassische Rocksongs (die mit der Yes-Musik kaum Berührungspunkte haben) voller süffiger Melodien, geschmackvoller Unisono-Passagen und sehr traditionalistischer Soloarbeit von Kaye und Parrish, dazu der grundsolide groovende Bass von David Foster. Man hört dem Album die improvisierten Umstände an, unter denen es entstand, aber auch das Feuer der Performance, die spätestens auf Fosters rollendem Bass in ›River‹ rund Kayes blitzblankem Hammond-Solo in ›On My Way To Heaven‹ abhebt und in eine größere Zukunft weist. Die es nicht geben sollte. Beim zweiten und letzten Album White Lady (1974) sind Parrish und Foster nicht mehr an Bord und das Versprechen des Live-Albums wird nie eingelöst. Gelungenes Remastering und ausführliche Liner Notes machen die Veröffentlichung zu einem Muss weiter über den inneren Zirkel der Obskuritätenforscher hinaus.

9/10

BAP

BAP

Radio Pandora (plugged)

EMI / VÖ: 16.5.2008

Allein für die Idee, Jack Kerouacs über fünfzig Jahre altem Urknall aller Roadmovie-Literatur „On the Road“ ein musikalisches Denkmal zu setzten, ist preiswürdig. Dieses Bebop-geschwängerte Buch mit einer straighten Rocknummer („Wat für e’ Booch“) zu würdigen, ist ein Hinweis darauf, wie viel Stimmungen diese beiden neuen BAP-Alben einfangen. Der Texter Niedecken setzt auf die mal stürmische, mal melancholische Musik, die zum Großteil von seinen Kollegen Helmut Krumminga und Micheal Nass geliefert wurde, mit der Grundhaltung eines skeptischen Optimisten seine Themen „Glaube, Hoffung, Liebe“ ins werk, wie schon auf dem „Sonx“ Album 2004, aber mit deutlich mehr Zwischentönen. Das Plugged-Album nimmt vom verhaltenen „Prädestiniert“ Fahrt auf, um im wütenden Blues-Rocker „Diego Paz wohr nüngzehn“ seinen ersten Höhepunkt zu finden. ZZ Top meets Deep Purple plus die staubtrockene Produktion von Wolfgang Stach machen den Song zu einem todsicheren Live Favoriten – der übrigens das einzige ausgefranste Gitarrensolo der beiden Alben enthält. Der Rest taugt auch ohne zum „affrocke“. Wie schon auf dem 3 x 10 Jahre Jubiläumsalbum ist hier kein Platz für überladene Arrangements. Das unplugged-Album, das fast ohne Overdubs live eingespielt wurde, lässt zudem Tour-Gastgeigerin Anne de Wolff unaufdringlich glänzen, bietet mit Niedeckens eigenem Song „Magdalena (weil Maria hatt’ ich schon“) seine bislang anrührendste Komposition, und mit „Senor“ das in seiner schlichten Schönheit eindrucksvollste Dylan-Cover des Kölners und seiner hochmotivierten Band.

8 1/2 / 10

BAP

BAP

Halv su wild

EMI / VÖ: 25.3.2011

Kölsche Gitarren – Hymnen

Da ist nicht mehr viel von der gelegentlichen Schwermut des Vorgänger-Albums Radio Pandora. Aufgenommen wurde allerdings genau wie Pandora unplugged weitgehend live. Alle in einem Raum im Studio und der beste Take eines Songs gewinnt. So klingt es auch: direkt, beseelt und voller Spielfreude. Material für die Bühne mit einer Geschlossenheit, wie sie seit dem 2004er Werk Sonx nicht mehr zu hören war. War jenes Album die Hardrockvariante, ist das hier ein Gitarrenalbum der Sorte kristallklarer Roots-Rock mit vielen Blicken zurück. Die Reminiszenz an den multikulturellen Chlodwigplatz kommt als Reggae, die Geschichte der Band als Tom Petty-nahes Roadmovie (Et Levve ess en Autobahn), erzählt wird im Rock’n’Roll- Modus von einem Gitarrenwunderkind namens Karlheinz‹ und dann ist da noch der eingängigste Refrain, den die Kölner je gesungen haben: Donoh ess dä Karneval vorbei feiert hymnisch die ganz spezielle Kölner Nubbelverbrennung und wird deshalb leider kein Welthit. Schade.

8 1/2 / 10

BAP

BAP

Live und in Farbe

EMI / VÖ: 6.3.2009

Roh und unbehauen

Das dürfte wohl das längste je veröffentlichte Live-Dokument einer Rockband sein: 37 Songs auf 3 CDs. „Live und in Farbe“ dokumentiert das Weihnachtskonzert der Kölner vom vergangenen Jahr vor heimischem Publikum plus fünf weitere Songs, die dort nicht, aber an anderen Tourorten gespielt wurden. Es ist das „leibhaftigste“ Tourdokument der Band bislang, da wurde unter Garantie nichts beschönigt. Wer die CDs hört, hört exakt das, was er im Konzert gehört hat: ein mit Mut zu viel Neuem zusammengestelltes Programm mit 13 aktuellen Songs plus einer überraschenden Rory-Gallagher-Coverversion. Mag sein, der Gesang ist gelegentlich schräg, aber andererseits ist da die konsequent sympathische Weigerung des Sängers Niedecken, nachträglich auszubessern. Gefühlsmäßig jedenfalls bringen die CDs das rüber, was die BAP Fans an „ihrer“ Band so schätzen: Echte Kerle erzählen was aus dem richtigen Leben. Passend illustriert vor allem durch Helmut Krummingas Gitarren-Soli: inspiriert, auf den Punkt und verschwitzt, ohne in poserhafte Breitbeinigkeit auszuarten. Schade nur, dass die Band live nie so laut ist, wie man sie sich mit der CD bei guter Anlage zuhause machen kann….

8/10

BAP

BAP

Volles Programm

EMI / VÖ: 25.11.2011

1991 erschien eine BAP Live CD mit dem irreführenden Titel „Affrocke“: Zu poliert, zu zahm. Zwei Drittel dieser neuen Box würden den Titel viel eher verdienen. Ein Drittel der Box besteht aus dem Konzert Niedeckens mit der WDR Bigband, das man als Fan von BAP, der Rockband, eher mit Respekt zur Kenntnis nimmt. Ganz anders die Band-CD von der „Klassiker“-Tour: Hier wird der Sound der Musik gerecht. Es gibt fette Gitarren, breitbeinig und doch modern, turmhohe Drums und vor allem großes Vertrauen in die neuen Songs, was man insbesondere Wolfgang Niedecken anhört, während sich Spielwut und Drive Herrn Springsteens Kapelle nähern. Die DVD (aufgenommen am 30. März an Niedeckens 60. Geburtstag auf der kleinen Bühne eines Rheinschiffs) zeigt auch optisch, wie gut diese Band eingespielt ist und selche spitzbübische Freude sie dabei hat. Da ist keine eingefahrene Routine nirgends, unmittelbarer Ausdruck geht immer vor. In diesem Kontext, bei dem die neuen Songs abgefeiert werden wie Klassiker, wird auch gleich altes neu erfunden:Novembermorje“ etwa: Rhythmisch begradigt, und mit einem furiosen Violinsolo von Dauergast Anne De Wolff aufgehübscht. Zur Zugabe entern Fury In The Slaughterhouse die Bühne, man gibt gemeinsam (vermutlich ungeprobt) „All The Young Dudes“, und es klingt so chaotisch wie weiland Mott The Hoople in ihren Anfangstagen.

9/10