Church Of The Cosmic Skull

Church Of The Cosmic Skull

Science Fiction

Kozmik-Artefactz I 18.5.2017

Geheiligt sei der Wahnsinn

Die irre Truppe aus Nottingham verkauft sich auch auf ihrem zweiten Album als bewusstseinserweiternde Privatreligion im Geist des alleinseligmachenden Hippie-Gottes (oder auch Satans?) und kreiert ein reizvolles, farbenfrohes Crossover-Werk aus progressivem Rock, Psychedelia, orchestralem Intelligenz-Pop und Stimmungen zwischen erfrischender Witzigkeit und Düsternis. Das alles in einer fetten, aber an 70er Jahre-Klangästhetik angelehnten Produktion. Man hört Einflüsse von Queen, Abba, aber auch Anklänge an vergessene Düsterkapellen wie Black Widow. Die Briten erstaunen dabei immer wieder durch ihr Talent, den Hörer zu überraschen. So wechselt der Titelsong ständig zwischen Prog und Pop-Frohsinn. Ein finsteres, trockenes Riff und darauf engelsgleicher, aber auch mysteriöser Gesang prägt Revolution Is An Act Of Love‹. › Cold Sweat‹ besticht durch üppige Gesangskunst mit Ohrwurmcharakter. Ihre komplette musikalische Weltanschauung bringt die Band im längsten Track ›Paper Aeroplane & Silber Moon‹ auf den Punkt. Nach einem feierlichen Intro startet eine Achterbahnfahrt voller Tempi-Wechsel zwischen aufgeregtem Prog-Gefrickel und lichtdurchfluteten Refrains.

7 ½/10

Circus Maximus

Circus Maximus

Havoc

Frontiers Records / VÖ: 18.3.2016

Zuviel von allem

Die norwegischen Prog-Metaller verfolgen mit ihrem vierten Album den Weg weiter, den sie mit Nine 2012 eingeschlagen hatten: weg vom Klein-Klein instrumentaler Zuckerbäckerei, mehr wuchtige, donnernde Riffs, und manchmal auch ein Hauch Pop wie in der Power-Ballade Loved Ones. Eine Breitwand-Melodie, deren Wirkung sich sicher noch prunkvoller entfaltet hätte, wäre das Arrangement etwas luftiger. Das ungeschriebene Gesetz aber lautet meist: Zuviel von allem. Und so matschen sie ihre Songideen allzu oft mit den immergleichen Breitwand- Gitarren, den Riffs aus dem Basis-Baukasten des Prog-Metal-Gitarristen, den vorhersehbaren rhythmischen Floskeln und den gar allzu klischeehaft wabernden Keyboard-Klängen zu. Selten nur erlauben sie sich einen Ausflug in schräge, abgedrehte Harmoniewelten (wie im Titelsong) oder wirklich inspirierte Wendungen, Tempiwechsel und solistische Eskapaden wie im achteinhalb Minuten langen After The Fire. Man ahnt wohl: Die Herren können interessante Songs schreiben, aber mit etwas mehr Arrangement-Finesse wäre mehr rauszuholen.

6 1/2 / 10

Clempson, Clem

Clempson, Clem

In The Public Interest

Repertoire Records / VÖ: 23.8.2013

Selbstbewusster Sideman

„Der Blues kam zu mir und fragte: Darf ich mit dir Tanzen?“ singt Clem Clempson in ›Dancing With The Blues‹ – und setzt damit das Motto für dieses facettenreiche Werk. Mit der handzahmen Version von ›I Don’t Need No Doctor tut sich der ex-Colosseum und Humble Pie-Gitarrist zwar nicht unbedingt einen Gefallen – aber der Rest seines ersten (!) Soloalbums ist solider, anrührender Bluesrock der alten Schule, gespielt von hörbar motivierten Routiniers (u.a. Reggie Worthy am Bass und Adrian Askew an der Orgel). Da ist alles drin vom schleppend-klassischen Midtempo-Groover (›Think About Me‹) bis zur ausnahmsweise ein gutes Stück vom Blues weg angesiedelten blinkenden und blitzenden Instrumentalnummer ›Leopold’s Great Escape‹. Auch beim wildesten Tanz übertreibt Clempson nie, sein Gitarrenspiel ist auch in der Ekstase noch verhältnismäßig sparsam und erdig. Genauso wie sein Gesang sympathisch und glaubwürdig rüberkommt. Die Gastsänger sind da nur das Sahnehäubchen, aber was für eines: Ein Höhepunkt ist erwartungsgemäß Maggie Bells furioser und kalkuliert versauter Gastausftritt in ›Route 69‹. Genauso macht Chris Farlowe mit seiner Performance aus einer musikalischen Standardsituation eine Perle.

7/10

Colosseum

Colosseum

Colosseum Live (Re-Release)

Esoteric Recordings / VÖ: 29.7.2016, Originalveröffentlichung 1971

Wenn man Anfang der 70er-Jahre von Jazzrock sprach, war auch immer von Colosseum die Rede, die in diesem unscharf umrissenen Genre das mithin breiteste stilistische Spektrum zuliessen. Der Drummer Jon Hiseman, eine zum Rock hingezogener Jazzer, der den Pomp des Double-Bassdrum-Sets auch mit Musik füllen konnte. Die Band, die in ihren langen Stücken vom erdigen Blues hin zu orgelbetriebenen progressiven Rock-Verschachtelungen vorstieß, getragen von der glasklaren Orgel Dave Greenslades, und kontrastiert vom Dick Heckstall-Smiths Saxofon, das ihnen den Jazz einhauchte, und überall hin durfte, nur nicht zum gepflegten Wohlfühl-Gebläse. Das ursprünglich 1971 als Doppelalbum erschienene Livedokument war das letzte Lebenszeichen der Band, die sich danach auflöste und erst 1994 reformierte. Ursprünglich als einfache CD zu haben, wird es jetzt erweitert um eine Bonus-Scheibe, die bislang nicht Gehörtes aus jenen Anfang 1971 in Manchester und Bristol Konzerten enthält: Jon Hisemans Schlagzeugsolo Time Machineund die komplette Valentyne Suite, die bis heute ein Kernstück eines jeden Colosseum Konzertes ist. So verschachtelt komponieren, und so inspiriert spielen, als habe das alles einen zwingenden emotionalen Zusammenhang – das ist die Stärke der Band. Es sind wilde Aufnahmen. Ausdruck und Spielwut triumphieren, auch wenn gelegentlich die Stimme wackelt und manche Passage nicht ganz so leichtfüssig swingt, wie es der Komposition angemessen wäre. Im Booklet, das die Geschichte der Band und die Umstände der Aufnahmen erzählt, wird Jon Hiseman mit den Worten zitiert: »Die ganze Band hat das Gefühl, dass wir erst bei der Reunion 1994 die Sachen so spielen konnten, wie sie ursprünglich gedacht waren. Dennoch: 45 Jahre danach bricht sich hier eine geradezu unheimliche jugendliche Energie Bahn«. Genaus das macht das Album – inklusive der Bonustracks – immer noch zu einem der aufregendsten Live-Dokumente dieser Zeit.

9/10

Comedy Of Errors

Comedy Of Errors

House Of The Mind

Plane Groovy / 30.6.2017

Neues vom Kunsthandwerkermarkt

Es sind ewig vorhersehbaren Melodien dieser Zuckerbäcker-Prog-Songskollektion, die weitgehend sinnfrei aneinander gepappten Versatzstücke, die keine wirklich innere Dramatik der einzelnen Songs erkennen lassen. Besonders im fast 15 Minuten langen Titelsong wird das deutlich. Da galoppiert der Rhythmus wie schon Millionen musikalische Pferdchen vor ihm, die Leadinstrumentalisten nudeln routiniert ihre sauberen Triolen-Soli ab, aber von Erregung kein Spur. Aseptisches Kunsthandwerk regiert – und dann versucht die Band in den letzten zwei Minuten des Epos auch noch den ganz großen finalen Schlussakt. Viele haben schon probiert, ein neues ›Suppers Ready‹-Finale zu schaffen, und sind bei ›Grendel‹ gelandet. Der zweite lange Song Song Of Wandering Jacomus schält sich langsam aus dem Nebel und beginnt unverzüglich gefühlig zu schunkeln, bevor ein Chor anhebt, der an die einfallslosesten Spätwerke von Yes erinnert, irgendwo zischen Kinder- und Weihnachtslied. Wenn man es schließlich noch schafft, einem potenziell lebhaften Beinahe-Folk-Song (›One Fine Day‹) komplett das Lebenslicht auszublasen, dann ist endgültig aller Tage Abend.

5/10

Cooper, Alice

Cooper, Alice

Along Came A Spider

SPV / VÖ: 25.7.2008

Gruseln muss sich da keiner. Auch wenn Alice auf seiner 25ten Studioproduktion die Geschichte eines pathologischen Serienkillers aus der Innensicht erzählt. Wobei „erzählt“ stark übertreiben ist. Subtilität ist nicht des Sängers vornehmste Aufgabe. Lieber malt er Plakate, als wirklich gänsehauterregende Stories zu nölen. Ja, man erkennt das Bemühen, den Alice der 70er Jahre musikalisch wiederzubeleben, gekoppelt mit einer modernen Rock-Attitüde. Was rauskommt ist meist klobiges Gerumpel ohne griffige Hooks, die Strophen zugedengelt mit vielfach recycelten Riffs und nervigen Offbeats. Ja selbst den Balladen fehlt diese sonst mindestens halbwegs markerschütternde hinterhältige Coopersche Schlüpfrigkeit. Allenfalls „Salvation“ kann man sich gut in Alices schön ausgeleuchtetem Bühnen-Horrorkabinett wünschen. Das Fiese, das muss auf diesem Album allein die Stimme hergeben, die Musik tut es nicht. Das allein reicht aber nicht, um für Erschütterung und Läuterung in Shakespeare-Dimensionen zu sorgen. Und mindestens das darf man von Alice doch erwarten, oder?

6/10

Datura4

Datura4

West Coast Highway Cosmic
Naturalsounds Records I VÖ: 17.4.2020

Die Wüste vollgeorgelt

Datura4 ist eine verschworene Bande von Veteranen der australischen Rockszene. Mit ihrem vierten Album legen sie einen Trip vor, der nach ständiger, ruheloser Bewegung in einem riesengroßen Land klingt. Exakt so, wie es der Titelsong verspricht – und hält: Bremsen, Gas geben, bremsen. Soundmässig in den 70er Jahren angesiedelt, schachteln sie Gitarrenriff um Gitarrenriff um einen warmen Hammondorgelsound. Nicht immer, aber immer öfter. Wolfman Woogiehat das knarrende Flair der frühen Tage von ZZ Top, entspannte Gitarrenlicks werden beantwortet von einer aus den Tiefen des Raumes kommenden Bluesharp. Und heult da nicht irgendwo ganz weit weg ein Koyote, der aber dann doch lieber eine Orgelsolo Platz macht? Mother Medusa ist furztrockner Hardrock. Einzig deutlich zu lässiger Gesang schmälert den Genuss. Der wiederum passt zum spacigen ›You’re The Only One‹, das – mit dezenten Slide-Gitarren betupft – klingt wie eine sirrende Luftspiegelung bei 50 Grad plus. Rule My World ist der krasse Kontrast: Dreckiger Kneipenbluesboogie, wie ihn einem hartnäckigen Gerücht zufolge nur Australier können. Ebenso wie das fies schleppende, ächzende, rumpelndeYou be the Fool‹. Zum Finale zieht mit Evil People pt.1 eine Psychedelia-Karawane durch die Wüste. Für den Song hätten sie Tito Larriva als Gastsänger verpflichten sollen, der hätte das formvollendeter geröchelt.

8/10

Dee Expus

Dee Expus

King Of Number 33

Edel / VÖ: 23.03.2012

Großes Kino für Traditionalisten

Sieben Minuten, die süchtig machen: ›Me And My Downfall‹ setzt die Duftmarke für das Album: eine mächtige Gitarrenwand, atmosphärische Keyboards, zwingender Rhythmus – hergestellt von einem Drummer, der als Mensch funktioniert, nicht als Leistungssportler. Musik, die nach Größe strebt, ohne pompös oder angeberisch zu wirken. Letzteres ist vor allem Sänger Tony Wright zu danken, dessen warme, sanfte Stimme gar keine Hysterie sondern allenfalls Nachdruck erlaubt. Auf dem zweiten Album der Band um Andy Ditchfield (Produzent, Komponist, Texter, Gitarrist und Keyboarder) ist erstmals Marillion-Tastenmann Mark Kelly zu hören. Während der in seiner Stammband eher verhalten wirkt, kann er hier auftischen: Volle Breitseite inklusive tutenden und hupenden Synthesizer Soli, im Kontrast mit Ditchfields hardrockigen Gitarrensoli. Trotz der Neuverwertung vieler bekannter Klischees klingt das Album geradezu brutal frisch. Und das, obwohl es zu allem Überfluss auch noch ein halbes Konzeptalbum ist, ein sehr britisches zudem: Im 27 Minuten Langen Titelsong geht es um einen durchgeknallten, der sowohl von Linienbussen als auch von den Royals maisch besessen ist.

8/10

Deep Purple

Deep Purple

Now What?!

Ear Music / Edel / VÖ: 26.04.2013

Die jugendliche Frische des Alters. Part One

Das neunzehnnte Studiowerk ist schon jetzt ein Klassiker – und die Band war sich der Stärke des Songs offenbar bewusst: Seit Jahrzehnten gab es auf der Bühne nicht mehr so viele aktuelle Songs zu hören wie auf der Tour zum Album. Was sicher auch der Tatsache geschuldet ist, dass Produzent Bob Ezrin genau das eingefangen hat, was Deep Purple so stark macht: die schiere Improvisationswut und das einzigartige Zusammenspiel dieser noch immer hoch inspirierten Musiker. Das Album klingt monumental, aber nicht angeberisch. Heavy und zugleich transparent. Man höre die dampfende, Feuer und Lava spuckende Schweineorgel im Opener „A Simple Song“, man höre den erotisierenden Groove von „Bodyline“, in dem Ian Gillan demonstriert, wie cool seine Stimme klingt, wenn er einfach mal ein paar Töne tiefer ansetzt. In solchen Momenten ist die Deep Purple (nicht zum ersten Mal) die beste Jazzcombo des Hardrock. Dann wieder findet man in „Hell To Pay“ eine Reverenz ans Klassiker Album „In Rock“, „Blood From A Stone“ ist das schiere Gegenteil: Düstere Atmosphäre, Gillan als Mahner in der Wüster, und von ferne weht Doors-Flair. „Above and Beyond“ ist das progressiv-verschachtelte Tribute an Jon Lord, und mit „All The Time In The World“ hätte man in einer anderen Zeit die Popcharts geknackt. An Humor fehlt es auch diesmal nicht: Die schaurig-schöne Alice Cooper-Hommage Vincent Price (oder ist es eine Persiflage?) zaubert dem Hörer ein Schmunzeln ins Ohr. Nehmen wir einmal an, „Now What?!“ wäre das letzte Album der Band (was diese bestreitet), es wäre eine mehr als würdiges Vermächtnis. Nochmal: Ein Klassiker. Ehrlich, keine Übertreibung!

10/10

Deep Purple

Deep Purple

Whoosh!

earMusic / Edel I VÖ: 7.8.2020

Die Krone des Hat-Trick

Welche Band, bei der die Mehrzahl der Mitglieder im achten Lebensjahrzehnt sind, erfindet sich noch neu? Deep Purple tun es. Auch für dieses dritte von Bob Ezrin produzierte Werk gilt: man kennt die Zutaten, aber sie wurden wieder einmal neu gemischt. Whoosh! erweiter die Bandbreite noch einmal, bleibt aber immer noch Hardrock klassischer Schule. Wobei auf starke, eingängige Refrains noch mehr Wert gelegt wurde als bei den Vorgängeralben. Unterm Strich sind das rund 55 Minuten Herzenswärme, Gefühl und Altersweisheit, gespielt mit der Energie einer jungen Band. Gesungen von einem Sänger, der immer mehr interessante Nuancen aus seiner tiefergelegten Stimme herauskitzelt. Die Höhepunkte sind schnell benannt: Das schwerblütige Riff von ›Throw My Bones‹, die augenzwinkerende Selbstreferenzialität, mit der Steve Morse in ›No Need To Shout‹ das ›Stormbinger‹Riff umkreis, der gutgelaunte nostalgische Kneipen-Rock’n’Roll von ›What The What‹. ›Nothing At All‹ verbindet Blues-Touch mit fast sakraker Orgel-Gitarren-Einheit. Es könnten auch die Kronjuwelen sein, die Don Airey da klimpern lässt. Drop The Weapon‹ zeigt, dass dass auch mittelprächtige Songs durch die Ausführung veredeln kann. Gillans höchst pointierter Gesang, die Instrumente sehr dicht auf engem Raum agierend. Dancing In My Sleep ist so tanzbar wie es eben geht, aber aber von Strophe zu Strophe zu Strophe wird mehr gerockt, und der vermeintliche Ausreisser eingenordet. ›We’re All The Same In The Dark überrascht mit cleanem Gitarrensolo und Southern Twang, das nah am Original gebaute Remake von ›And The Address‹ (im Original auf Shades Of Deep Purple) könnte ein Hinweis sein, dass sich der Kreis mit Whoosh! schließt. Sollte dies nun tatsächlich das letzte Album des 52 Jahre alten Quintetts sein, es wäre nicht nur ein würdiger, sondern ein glanzvoller Abgang.

9 ½/10