Deep Purple

Deep Purple

Live in Rome 2013

earMusic/ Edel / VÖ: 20.12.2019
Mut zum neuen Material

Wer eines der Konzerte der Tour nach dem grandiosen Album Now What?! miterlebt hat, staunte über den geradezu revolutionären Mut, das aktuelle Material in der Setlist unterzubringen. Bis zu sechs der neuen Songs bekam das Publikum seinerzeit zu hören. Den Anfang dieses in Rom aufgenommenen Konzerts aber macht das Dreierpack ›Fireball‹, ›Into The Fire‹ und ›Hard Lovin Man‹. Das vorführt, wer der Meister des Wahnsinns im Ring ist: Don Airey, der in ›Fireball‹ ein vollkommen neues Solo abschießt und ›Hard Lovin Man‹ den akkuraten Gegenpart zu Steve Morses aggressiver Gitarrenerotik liefert. Die alten Songs machen aber auch ein Problem deutlich, unter dem die Live-Performance der Band nicht erst seit 2013 leidet: Ian Gillan packt einfach die wirklich hohen Töne nicht mehr. Manchmal zieht er sich dabei ehrenhaft tiefergelegt aus der Affäre, manchmal möchte man schon fast Mitleid mit dem unüberhörbar sich qäulenden Frontmann haben. Dafür singt der das schwierige ›Perfect Strangers‹ nahezu perfekt und mit anrührender Wärme. In dieser Version beweist auch Steve Morse, dass er Don Airey in Sachen Wahnsinn Konkurrenz machen kann. Die Klangkaskaden, die das Zentralriff umflächeln, kommen irgendwo aus einer ganz anderen Welt voller anfliegender Raumschiffe. Dafür verleiht er dem musiklischen Treppenwitz ›Vincent Price‹ eine massive Heavyness, dass man sich fast fürchten könnte, müsste man nicht dauernd lachen angesichts dieser offensichtliche Alice Cooper-Parodie. ›The Mule‹ – inklusive kurzweiligem Drumsolo – klingt nach Sturm und Drang. Das exakte Gegenteil ist ›All The Time In The World‹ Nicht unbedingt ein Paradestück für die Bühne, schafft es hier doch einen intimen Moment. Da singt der große Philosoph Gillan die unsterblichen Worte »Sometimes I just sit and think, and sometimes I just sit. (Manchma sitze ich da und denke, und manchmal sitze ich nur da).« In diesem Augenblick strahlt seine Stimme genau das aus, was sie in tieferen Tonlagen so gut kann: Vertrauen, Gelassenheit, Zuneigung, Altersweisheit.

8/10

Deep Purple & Friends

Deep Purple & Friends

Celebrating Jon Lord – The Rocker

Edel / VÖ: 24.09.2014

Ein großes Aufgebot an Musikern kam im April diesen Jahres in der Royal Albert Hall zusammen, um das Lebenswerk Jon Lords zu feiern. Auf dem Doppelalbum sind neben der aktuellen Deep Purple Besetzung unter anderen Glenn Hughes, Bernie Marsden, Micky Moody, Phil Campbell (The Temperance Movement), Bruce Dickinson zu hören. Modfather Paul Weller, der als erster zum Mikro greift, dürfte nicht gerade eine sichere Bank bei Deep Purple Fans sein. Doch ist er mit seinem rotzigen Charme genau richtig für den Sixties-Pop von Lords damaliger Band The Artwoods. Genauso passend die Wahl von Phil Campbell für zwei Paice Ashton Lord-Songs. Der Mann hat das Tresen-Timbre des Tony Ashton hörbar inhaliert. Glenn Hughes und Bruce Dickinson arbeiten sich an You Keep On Moving ab, und können es dabei leider nicht lassen, am Limit zu singen. Das klingt nach Hahnenkampf und Dickinson ist überdies nicht der Mann, Soul zu singen. Viel wichtiger als Detailkritik ist die Freude über die bewegenden Momente dieses einmaligen Abends, derer es reichlich gibt: Hughes’ sehr persönliche Ansage zu This Time Around‹, Gillans zittrige Stimme, als er im Deep Purple Set Above And Beyond ankündigt und die Zuhörer um absolute Stille für das Intro bittet. Der Rest ist Deep Purple Normalstandard, routiniert und doch immer wieder mit überraschenden Ideen: So etwa ›Lazy‹, das gleichzeitig an Leichtigkeit und Intensität gewinnt durch die Geige von Stephen Bentley-Klein, und die ungebrochene Improvisationsfreude dieser lautesten Jazzcombo der Welt in einem neuen Licht erscheinen lässt.

8/10

Downes Braide (DBA)

Downes Braide (DBA)

Live in England

Magical Thinker Records I VÖ: 29.11.2019

Tanztee im Prog-Café

Die Zusammenarbeit von Keyboarder Geoff Downes (Yes, Asia, Buggles) mit dem amerikanischen Multi-Instrumentalisten, Komponisten und Produzenten Christopher Braide hat bislang drei Studioalben hervorgebracht. Das vorliegende Live-Album dokumentiert die Premiere des Projekts vor Publikum – mit Songs aus ihren gemeinsamen Werken plus ein Häppchen Asia hier, ein Häppchrn Buggles dort. Wenn denn ein Konzertmitschnitt den Verächtern des musikalischen Spektrums von Progressive Rock bis AOR Argumente liefern könnte für all ihre Schmähungen: Hier ist er. Pathetischer und aufgeblasener Poprock mit ein paar progressiven Elementen, und dabei in der Umsetzung vollends leblos. Denn beim Betrachten der beigefügten CD lernen wir: Das hier ist kein Konzert, sondern vielmehr »Knöpfchen drücken mit gelegentlicher Solobegleitung und Gesang«. Neben Downes und Braide agieren (gelegentlich) Bassist Andy Hodge und Gitarrist Dave Colquhoun, – aber es gibt keinen Drummer, der etwas echtes Leben in diese hüftsteife Vorstellung bringen könnte. Zudem auch das programmierte Schlagzeug billig klingt, und sich so bestens mit dem wallenden orchestralen Plastik aus der Dose verträgt, das Downes und Braide ermöglicht, bei der Arbeit kaum einen Finger krumm zu machen. Auch der Gast David Longdon (Big Big Train), der als Sänger und Flötist einen Auftritt hat, agiert deutlich unter seinen Möglichkeiten.

4/10

Dukes Of The Orient

Dukes Of The Orient

Freakshow

Frontiers I VÖ: 04.09.2020

Biedere Hausmannskost

Das zweite Album der Band, die sich mit einigem Recht in der Nachfolge der Version von Asia sieht, der John Payne als Sänger vorstand. Deren Fans werden auch dieses Werk goutieren. The Dukes Return ist biedere Hausmannskost, geradliniger Mainstream Rock, der nicht besser wird durch ein schwülstiges Bordell-Saxophon-Solo von Eric Tewalt, indes Sänger Payne gleichzeitig erregt, angestrengt und müde klingt. Der im übrigen durch notorisches Gekrächze irgendwie Street Credibility vortäuscht, was im meist plüschigen Sound-Ambiente wie ein Fremdkörper wirkt. Der Titelsong allerdings hat wenigstens einen Hauch progressiver Kantigkeit – sogar Keyboarder Erik Norlander, sonst bekannt für ausufernde Klanglandschaften, hält sich hier eine Weile zurück, dafür tutet das Saxofon umso schwülstiger. The Monitors ist der Hit, den Asia mit Payne nie landen konnten – wobei der Refrain verdächtig nach Magnum klingt. Der Rest ist mehr oder weniger origineller Pomp-Rock mit vorhersehbaren Melodien, üppigen Arrangements und bedeutungsschwangeren Texten, die beiden letzten Songs etwa, The Ravens Cry und Until Them klingen, als habe ein angehender Musical-Komponist hier erste Gehversuche unternommen.

5 ½/10

Epitaph

Epitaph

Long Ago Tomorrow
MiG Music I VÖ: 26.04.2019
Kalorienhaltige Backmischung

50 Jahre Epitaph: das bedeutet 50 Jahre verlässliche, grundsolide Musik. Nicht immer originell, aber gerade in jüngster Zeit mit möglichst breiter stilistischer Vielfalt ausgestattet.Mehr ansehen

Etheridge, Melissa

Etheridge, Melissa

Memphis Rock And Soul

Universal / VÖ: 7.10.2016

Back To The Roots

Melissa Etheridge wllte zurück zu den schwarzen Wurzeln der Musik, die sie schon als Kind unter dem Etikett ›Race Music‹ fasziniert hatte. So wie diese Künstler wollte sie singen. Sänger und Sängerinnen, die Spuren in Etheridges Gesangsstil hinterlassen haben, auch wenn ihre Musik bislang von ihren Fans eher als genuin weiß wahrgenommen wurde. Und so hält die Überraschung darüber nur kurz an, wie natürlich und scheinbar mühelos sie sich Songs des Stax-Labels angeeignet hat. Sam & Daves Hold On I’m Coming vermählt die gitarrenbefeuerte Breitbeinigkeit, die man von ihr kennt, mit einem fulminanten Bläsersatz und einer ausdrucksstarken Gesangs-Performance, die die Erregteit der Vorlage nicht kopiert, sonder neu interpretiert. Johnnie Taylors Who’s making Love besticht durch rhythmische Eindringlichkeit und die raffiniert gesetzten Bläser, während sie Otis Reddings. I’ve Been Loving You Too Long mit Inbrunst vorm Abgleiten aufs Plüschsofa bewahrt und John Mayer als Gast ›Rock Me Baby‹ mit einem drahtigen Gitarrensolo veredelt. Die Produktion von Boo Mirchell ist kraftvoll, aber nicht überlebensgroß. Dass unter den 12 Stücken auch einige eher obskure, vergessene sind, ist ein zusätzliches Verdienst der Künstlerin, die damit erklärtermaßen ihr Publikum zum Entdecken der Originale animieren will.

8 ½/10

Europe

Europe

Walk The Earth

Hell & Back Records / VÖ: 20.10.2017

Jetzt mit weniger Kohlehydraten

Eine Hymne ist Pflicht pro Album: ›Walk The Earth‹ schreitet gravitätisch das vertraute, traditionelle Europe-Terrain ab: Vom Orgelschwellkörper zum Riff zum großmächtigen Joey-Tempest Gesang. Der singt nicht, der deklamiert, während die Kapelle das gewohnte Breitwand- Kino durchexerziert. Aber danach beginnt eine teils doch recht schräge Achterbahnfahrt, bei der die Schweden immer wieder die Grenzen dessen auslosten, was sie ihrem Publikum glauben zumuten zu können. Schroffes Riff im Kontrast mit süffigem Refrain, dazu ein paar überraschende Breaks und orientalisch anmutende Stimmung im Gitarrensolo – so funktioniert ›The Siege‹. Ähnlich kontrastreich läuft es bei ›Election Day‹. Für die mellotrongeschwängerte Ballade ›Pictures‹ muss der Geist David Bowies Joey Tempest und den Seinen im Traum erschienen sein und ›Wolves‹ ist wahrscheinlich das finsterste Stück Musik, dass sie in ihrer Karriere versucht haben. Ein ungut leiernder Riff aus der Hölle, dazu ein fieses Brummen in entrücktem Klanggewand, auf dass das Blut in den Adern gefrieren möge, mit John Norums seltsam irrlichterndem Gitarrensolo als Exorzismus. Nein, eine biedere Altrocker-Gemütlichkeit will sich einfach nicht mehr einstellen. Das ist verdienstvoll, wirkt aber streckenweise etwas überladen. ›GTO‹ hat klingt zwar vordergündig wie eine dieser typischen Uptempo-Nummern mit Double-Bassdrum-Gebolze, aber wird unterspült von leicht disharmonischen Soundeffekten. Und ›Haze‹ ist richtig böser Metal mit verstolpertem Metrum, so böse wie diese netten Männer eben mal können. Am Schluss wird es endlich noch mal hymnisch. Auf klassischer Grundorgel baut sich ›Turn To Dust‹ sehr effektvoll um ein ständig wiederholtes Thema zum eindrucksvollen Ohrwurm auf – hochmelodiös, aber gänzlich zuckerfrei.

8/10

Europe

Europe

Bag Of Bones

ear Music / VÖ: 18.04.2012

Vorwärts in die Vergangenheit

Ja, und es geht doch! Hatte man bei Last Look At Eden (2009) den leisen Verdacht, sie könnten wieder für Momente in Richtung 80er Jahre Pomp zu schielen, setzen sie nun ihren modernisierten Sound des 21. Jahrhunderts kraft voll fort. Das heißt bei ihnen: Der klassische Hardrock der 70er Jahre feiert konsequent wie noch nie fröhliche Urständ – nicht unbedingt originellem, aber mit blödsinnig glücklich machendem Ergebnis.

Um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, startet das Album gleich mit dem scharfkantigen ›Riches To Rags‹: Ian Haughland macht den Bonham, Norum feuert ein wohldurchdachtes Soli: Kurz, schnell, auf den Punkt. Damit ist die Duftmarke gesetzt für den Rest.

›Not Supposed To Sing The Blues‹ ist der Anker des Album. Hier ist alles drin: Ein schwerer Midtempo Riff zwischen Purple und Sabbath angesiedelt, eine orientalische Led Zeppelin Bridge, die die Brücke zu einem hochmelodiösen Europe-Refrain baut, dann wieder ein schmurgelndes, gurgelndes, wahwah-furioses Norum-Solo – und Joey Tempest auf der Höhe seiner Kunst: der Mann, der nicht unbedingt die archetypische Stimme eines Hardrockers hat, aber doch mit den Jahren immer mehr Blues-Timbre und damit Glaubwürdigkeit gewinnt. Der autobiographische Text verweist auf Led Zeppelin, AC/DC und fragt, ob einer wie er denn überhaupt den Blues singen dürfe. Spätestens mit My Woman My Friend mit seiner breitwandig inszenierten Melancholie sollte die Frage beantwortet sein. Dazu die beiläufigen effektvollen Gitarrenlicks, von unten beheizt (wie auf dem ganzen Album) die schweinischste Schweineorgel, zu der ein Mic Micaeli fähig ist. Ja, eine Ballade gibt’s auch: ›Bring It All Home‹. Man vergleiche mit ›Carrie‹, dann weiss man, was ein musikalischer Reifeprozess ist.

9/10 Thomas Zimmer

Fish

Fish

The Moveable Feast – European Tour 2013-2015

Choolate Frog Records / VÖ: 5.12.2016

Emotionales Gewitter

Live-Dokumente aus dem Hause Fish sind immer gnadenlos ehrlich: Beiden Konzerten (Karlsruhe 2013 und Würzburg 2014) hört man auf vier CDs den emotionalen Überdruck an, mit dem sich der Künstler in den Ring wirft. Fishs Gesang ist immer gelebtes Leben, in jeder Sekunde. Die solide arbeitende Band trägt ihren Sänger auch durch schwierige Passagen, bei denen die Stimme brüchig wirkt. Das Karlsruher Konzert mag in Sachen Emotion eine Länge vorn liegen, war die badische Metropole doch damals des Sängers Zweitheimat. Die interessantere Setlist allerdings findet sich im Würzburger Konzert, in dessen Mittelpunkt die komplette High Wood Suite aus A Feast Of Consequences steht. Noch akzentuierter, noch gravitätischer als in den Studiofassungen wirkt die Konzertdarbietung. Faszinierend ökonomisch gesetztes Riffing erzeugt Lustangst und Großkino-Grusel. „Slainte mhath“ – die erste Reminiszenz an Marillion-Zeiten – wirkt anschließend fast wie eine fröhliche Melodie. Das Intro zu „Vigil In The Wilderness Of Mirrors“ wird zu einer furiosen, aber auch resignierten, gesprochenen Anklage gegen alles Böse – und gleichzeitig Bestandsaufnahme der eigenen Ratlosigkeit angesichts der Kriege überall in der Welt, vorgetragen in grundsympathischem deutsch-schottischen Kauderwelsch. „Ich bin 56 Jahre alt, ich habe mehr Angst als ich hatte vor zehn Jahren“, sagt er. Man mag das für pathetisch halten. Glaubhaft ist es allemal. Denn bei Derek William Dick gibt es keine Trennung zwischen dem Menschen und dem Bühnentier, zwischen privat und politisch. Das kommt rüber. Dazu gibt es 20 Seiten atmosphärisch bebilderte Liner Notes von Fish persönlich.

9/10

Fish

Fish

A Feast Of Consequences

Eigenvertrieb shop.fishheads.com / VÖ: 15.9.2013

Ein kapitaler Hecht

Stimmlich wieder deutlich besser in Form, mischt der alte Schotte Politisches, Historisches und Persönliches zu einem Album, das den Vergleich mit seinem Solo-Erstling nicht scheuen muss. Die Stimmung ist weitgehend düster, von Anfang an: „Perfume River“ birgt ein Geheimnis, das es uns nicht gleich verrät, aber in Schlieren von akustischen Gitarren und hinterhältigem Rhythmus andeutet. Ein perfekter Alptraum in einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Inszenierung hütet sich vor Über-Arrangements, das dramatische kann alleine die Stimme tragen, die nun auch wieder die Nuancen meistert. Und die es auch braucht, um das zentrale Epos des Albums, das mehrere Songs unter dem Titel The High Wood zusammenfasst, adäquat rüberzubringen. Diese Suite ist inspiriert durch einen Besuch des Künstlers auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs. Man hört förmlich das Unheil durch die Wälder stampfen. Faszinierend ökonomisch gesetztes Riffing erzeugt Lustangst und Großkino-Grusel, Chöre wie aus einem Finster-Musical marschieren durch den Solarplexus des Hörers und im Hintergrund lauert der Kashmir-Spirit des altvorderen Zeppelins. Der Sänger schlägt sich mit hörbarem Weltekel durchs Unterholz. Er kann aber auch ganz anders: „Blind To The beautifiul“ ist eine betörend spröde Singer- Songwriter Ballade, veredelt zudem durch eine herrlich unsentimentale Violine (Adrian O’Rourke) die auch an anderen Stellen des Albums positiv auffällt. Und wenn dann mal einfach gerockt wird („All Loved Up“), klingt es selbstbewusst und stolz. Aber nie banal.

9/10