Porträtfotos: earMUSIC / Copyright Ben Wolf

Schon im Januar des merkwürdigen Jahres 2020 hatte ich Gelgenheit, für die Titelstory des famosen ROCKS Magazins Ian Gillan, Steve Morse, Ian Paice und Produzent Bob Ezrin ausführlich zu interviewen. Leider nur am Telefon, aber nichtsdestotrotz war es wieder das reine Vergnügen. Gillan hatte ich bereits mehrfach in langen Gesprächen kennengelernt, eine persönliche Begegnung aber immer irgendwie verpasst. Ausnahmslos alle Musiker dieser Band sind aufgeschlossene Gesprächspartner, die auf Fragen nie, nie, nie mit vorgestanzten Standardformulierungen antworten, obwohl sie sicher in ihrer ein halbes Jahrhundert umspannenden Karrier zigtausende Interviews gegeben haben. Vielmehr entwickeln sich aus der Interviewsituation oft wirkliche Gespräche. Vielleicht geben diese (fast) kompletten Transskipte einen Eindruck davon. Ian Gillan hat mir übrigens versichert – und ich glaube es ihm einfah mal – dass unser Gespräch das weltweit erste sei, dass er zum Album führe, über dessen Titel wir erst ganz am Schluss sprachen.

Das Gespräch fand am 17. Januar 2020 statt. Here we go…..

Als ich Ian Paice 2017 traf, erklärte er mir zwar den Sinn der „Long Goodbye Tour“, und dass das Ende offen sei – aber darüber hinaus sah es nicht unbedingt so aus, als könnte es nochmal ein Album geben. Wann hat sich das denn herausgestellt?

Da triffst du den interessantesten Punkt, was die ganze Karriere der Band betrifft. Wir treffen nie Entscheidungen. Alles geschieht – man könnte fast sagen – zufällig. Ich hatte der „Long Goodbye Tour“ diesen Namen gegeben, weil ich sie so lange wie möglich ausdehnen wollte. Ein paar Jahre vorher hatten wir alle gesundheitliche Probleme gehabt. Ian Paice hatte einen leichten Schlaganfall, Roger ging es auch nicht gut. Wir wussten nicht so recht, wie lange wir noch weitermachen könnten. Aber dann ging es wieder allen besser, und wir beschlossen, man könnte sich ja mal treffen und mit ein paar Ideen runspielen. Also trafen wir uns in Bottrop und taten genau das, und da waren schon eine oder zwei Sachen dabei, die absolut fantastisch waren. Das hat dann die Lawine ins Rollen gebracht. Das war im Februar 2019, ich hab‘ es hier in meinem Tagebuch. Es ist erst ein Jahr her, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor.

Roger Glover hat ja auf Facebook geschrieben, man sei sich einig gewesen, „die Flagge der wütenden alten Männer aufzuziehen.“

(lacht) Naja, das ist ein bisschen ironisch. Es ist klar, wenn man in ein so fortgeschrittenes Alter kommt, nimmt man vieles mehr mit Humor. Man betrachtet die Dinge anders als in jüngeren Jahren. Ich erinnere mich an den ersten Tag, als Bob bei den Writing Sessions in Nashville auftauchte. Wir tranken Tee, hatten ein bisschen Gebäck dazu und blödelten so rum. Bob sagte, es könnte ja sein, dass wir alle am Montag tot sind. Also sollten wir einfach die Tatsache feiern, dass wir noch am Leben sind, dann sagte irgendjemand: Dann müssen wir es eben am Sonntag machen. Das hat dann auch seinen Weg in einen der Songs gefunden. Wenn du ein bestimmtes Alter erreichst, dann wirst du noch entspannter. Das heisst nicht, dass du weniger Energie hast. Aber du denkst weniger in Kategorien wie: Sollte ich das tun und jenes lassen? Sondern du sagst dir zunehmend: Scheiß drauf. Das ist ein Gefühl der Freiheit, das eine ausdrucksstärkere Performance hervorbringt. Wir haben unser Mojo wieder gefunden, jeder fährt auf die Arbeit des anderen ab. Es war eine reine Freude, im Studio zu sein und zu sehen, wie die Songs sich entwickeln.

Roger hat gesagt, es besteht ja immerd ie Gefahr, dass man zur Parodie wird, und dass man immer etwas verändern muss. Mein Eindruck: Man erkennt nach wie vor nach zehn Sekunden, es ist Deep Purple, aber es gibt diese kleinen Veränderungen im Detail.

Wieder muss ich sagen: Da passiert nichts bewusst. Die größten Veränderungen sind individuell. Natürlich hat meine Stimme einen Wiederekennungswert, Steves Gitarre auch, und die Rhythmussection würdest du in einem dunklen Raum irgendwo auf der Welt erkennen. Und Don ist Don. Die Grundstimmung hat sich seit 1968 nicht geändert. Die Veränderung kommt durch die einzelnen Individuen und ihre Entwicklung.

Eine Veränderung finde ich offensichtlich: Was die Solisten in der Band betrifft: Inzwischen ist der Keyboarder der Wahnsinnige, der Girarrist eher bodenständig. Das war zu Zeiten von Ritchie Blackmore und Jon Lord andersrum. Oder sehe ich das falsch?

Ich glaube, du hast recht. Don hat immer wieder ganz erstaunliche Ideen. Steve ist natürlich brillant, vor allem darin, wie er die Musik versteht und in sein Spiel umsetzt, und er übt sechs Stunden am Tag, bis heute. Er kann durch sein Instrument sprechen. Dann nimm Don. Schau ihn dir an. Er ist ein ganz erstaunlicher Bursche, er sieht doch aus wie ein Tourist….,

Vor allem seinen Hemden!

Yeah! Genau, aber er ist der durchgeknallte Professor. Er hat immer diese abgefahrene Ideen, auf allen Platten, seit er dabei ist. Das fing schon bei Bananas an, da ist er wirklich aus der Deckung gekommen, und sein Solo auf der Bühen muss man gesehen haben. Es ist jeden Abend ein absolutes Highlight. Er macht in jeder Stadt etwas Besonderes, und die Menschen spüren, dass es für sie ganz persönlich ist, und die Reaktionen sprechen Bände.

Wenn man die drei Alben, die Bob Ezrin produziert hat, anhört: Gibt es da eine Entwicklung, eine Veränderung in der Zusammenarbeit? Bob kannte euch am Anfang – bis auf Steve – nur als Musiker, dann später erst als Menschen. Und jetzt?

Naja, die Beziehung, die Zusammenarbeit hat sich weiterentwickelt. Wir fühlen uns mit Bob jetzt sehr wohl, das ist eine Beziehung von gegenseitigem Respekt schon von Anfang an. Das hatte zu tun mit seiner Reputation, seinem guten Ruf und seinen musikaischen und technischen Fähigkeiten. Beim zweiten Mal kannten wir uns ja schon etwas besser, aber es gab immer noch dieses Gefühl, dass er vor allem versuchte, das Beste aus jedem herauszukriegen… aber jetzt ist die Atmosphäre noch einmal viel entspannter. Schon allein das ermöglicht wieder Veränderungen. Es hängt immer alles von den Menschen ab. Auch davon, wo sie zusammenkommen, wo man aufnimmt. Es macht einen Unterschied, ob man auf Hawaii oder in Deutschland ist. Keine Ahnung warum, aber es ist so. Es sind die kleine Dinge, die dich umgeben. Mein Cottage in Nashville – das war eine Riesen-Inspiration. Was Bob betrifft: Es fühlt sich jetzt an, als wäre er ein Mitglied der Band. Es gibt keine langen Auseinandersetzungen, es heisst „ja“ oder „nein“.

Du bist nicht der Typ, der sich hinsetzt und einen Text am Stück schreibt, das muss wachsen wie die Musik, und mit der Musik. Wie gehst Du dabei vor?

Das hier ist mein erstes Interview, das ich für diese Platte führe. Wenn du einen Song schreibst, denkst Du an keines dieser Dinge, die du mich gerade fragst. Nein, man nimmt sich nicht vor, über ertwas Bestimmtes zu schreiben. Es it ein natürlicher Fluss. Notizen zu machen ist ganz wichtig. Ich habe immer einen Stift dabei, auch wenn ich schlafe. Das habe ich auch als Schulkind so gemacht. Unsere Lehrer haben uns immer ermutigt, ein Notizbuch dabei zu haben, damit wir uns später an die Ideen erinnern können. Das ist auch wichtig, wenn man Texte schreibt. Ich notiere alles, was mich glücklich macht und alles, was mich nervt. Oder auch interessante Beiträge im Fernsehen, in der Zeitung oder etwas, was ich in Gesprächen aufschnappe. Selbst am Flughafen. Das ist großartig, denn es verleiht den Dingen Farbe. Dazu gehört auch, dass du aufschreibst, was der Typ, mit dem du gerade geredet hast, anhatte. Dadurch wird das Bild, dass du malen willst, erst perfekt. Das kommt aber alles später. Zuerst versuche ich, ein Gefühl für den Song zu kriegen, noch ganz ohne Text. Und dann fällt mir vielleicht eine Phrase ein. Aha, dass ist es, schön, prima. Vielleicht ist es nur die Hookline, nicht der ganze Song. Und dann, wenn ich um zwei, drei oder vier Uhr morgens am Ufer des Cumberland River in Nashville sitze, blättere ich in meinen Notizen und singe zu dem Track, den sie tagsüber aufgenommen haben. Dann entwickelt sich etwas. Manchmal geht es aber auch vollkommen daneben.«

Zum Beispiel?

NimmNothing at all”. Das habe ich als erstes gehört, als sie in Bottrop an der Idee arbeiteten. Ich dachte: Das ist unglaublich, dass mag ich total. Ich habe mir den Track jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen angehört, das hat mir eine solche Freude bereitet. Unglaublich. Die Musik ist so frech und verführerisch. Also habe ich mich in die Recherche über Leprechauns gestürzt, und einen Text über einen Leprechaun (Anmerkung: ein Kobold aus der irischen Mythologie) geschrieben. Aber dann kam diese andere Idee, ich habe alles zerrissen und fing wieder von vorne an. „Nothing At All” handelt jetzt von dem einen wahren Gott: Mutter Natur. Die ist die alte Lady in dem Song. Da heisst es dann: Die alte Lady lächelte, und dann blies sie alle Blätter von meinem Baum.

“The Power Of The Moon” hat auch etwas zu tun mit der Inspiration durch die Natur, was steckt dahinter?

Ich verfolge sehr intensiv, was da in der Welt abgeht, und „The Power Of The Moon“ rührt an eine Stimmung, die ich ein oder zwei mal mit der Gillan Band hatte. Ich habe über die Kraft des Mondes nachgedacht und die ganze Debatte über Klimawandel und erneuerbare Energien. Ein wichtiges Thema, und ich dachte mir: Die mächtigste Energiequelle, die wir haben, ist nicht die Sonne, sondern der Mond. Er hat die Kraft, den Meeresspiegel zweimal am Tag steigen zu lassen. Wenn man sich das zunutze machen könnte, statt das halbe Land mit Windrädern vollzustellen und mit Solarzellen! Der Mond, dieses hübsche kleine Ding, das um den Planeten kreist, das ist so einfach und schön.

Du bleibst aber meistens gerne im Vagen, um Interprätionsspielraum zu lassen.

Ja, ich liebe das. Ich habe einige stark ausgeprägte Meinungen zu politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Themen. Mich interessieren unheimlich viele Dinge. Aber wenn ich darüber schreiben will, denke ich oft: Min Gott, ist das langweilig, wenn ich anfange zu predigen und den Leuten meine Meinung aufs Auge drücke. Also finde ich es besser – um mal den Vergleich mit einem Maler zu bemühen: Mach‘ es impressionistisch. Benutze Sätze und Wendungen, die den Hörer ins Thema hineinziehen, und vielleicht entdecken sie ja selbst etwas für sich. Ich will den Leuten nicht vorschreiben, was sie zu tun haben. Dieses politische Zeug mit erhobener Faust war nie mein Ding. Ich nenne das, was ich mache hintergründig. Es gibt sogar drei Ebenen. Das macht beim Schreiben unheimlich viel Spaß. Und, ganz wichtig: Wenn du die Worte nicht verstehst, müssen sie trotzdem gut klingen.

“What The What “geht in eine andere Kategorie. Das ist ein einfaches Rock’n’Roll-Ding mit Kneipenatmosphöre. Was steckt dahinter?

Ich habe mir gesagt, lass uns eine Geschichte erzählen über die Pubs und was mit ihnen passiert ist. Es gibt keine Folkmusik mehr in London, kein Mensch kann mehr Klavier spielen. Es ist unglaublich, dass das alles innerhalb nur einer Generation verschwunden ist. Aber ich wollte nicht, dass es einen negativen Beigeschmack bekommt. Ich wollte erzählen, wie gut es vorher war.

Man fühlt die Atmosphäre, man sieht förmlich das auf dem Boden verschüttete Bier….

Absolut!

Und man riecht den Zigarettenrauch!

Ja, klar. Irgendwelche ägyptischen Zigaretten. Ich hab‘ ja vielleicht schon mal erzählt, dass ich meinen ersten Joint geraucht habe, als ich 38 Jahre alt war.

Ich bim 63, und habe bis jetzt nie einen Joint geraucht…

Da hast Du wirlich nichts verpasst, das kann ich Dir versichern!

Zurück zum Album: Der Titel Whoosh dürfte aber wieder vielen Leuten ein Rätsel aufgeben. Kannst Du denen auf die Sprünge helfen?

Ich brauche ja wohl nicht sagen, dass am Anfang jeder irgendwelche Titel vorgeschlagen hat. Zu der Zeit hat jeder über die Erderwärmung geredet. Und ich dachte mir: Mein Gott, wenn die Menschheit ausgelöscht wird, in fünfzig Jahren oder so, dann wird das nur ein Wimpernschlag sein – die Zeit, in der wir auf diesem Planeten waren. Wir kamen, wir haben ihn ruiniert, und wir sind wieder gegangen. Und das ist eben wie Whoosh! Und auch ein bisschen wie die Karriere von Deep Purple. Es kommt uns wie eine lange Zeit vor, aber es sind ja tatsächlich nur 50 Jahre. Einfach Whoosh! Es kommt und geht, so wie die vorübergehende Existenz der Menschheit auf dem Planeten. Mit einer ironischen Reverenz an die Karriere von Deep Purple. Nimm das also bitte nicht ernst! Es ist nur ein hübsches Wort.

Ich nehme grundsätzlich nie etwas ernst, was Du sagst….

Guter Mann!

Mal weg vom aktuellen Album. Dein Arbeitspensum scheint mir unglaublich. Ich gehe mal davon, dass Du einen 48-Stunden-Tag hast…. Kann das sein?

Ich wache auf, trinke eine Tasse Tee und beginne mit dem Schreiben. Dann checke ich die Mails, und da sind im Schnitt 25 Angebote am Tag dabei. Da geht es um Filme, um Bücher, Konzerte. Ab und zu rufe ich dann meinen Manager an, und sage ihm: „Da ist eine gute Idee, sollen wir das machen?“ Besonders gerne mache ich „Rock Meets Classic“, das geniesse ich, und um ehrlich zu sein: es ist nice and easy. 48 Stunden-Tag? Das trifft es schon irgendwie. Ich finde das sehr aufregend, und derzeit habe ich so viele Projekte, dass ich noch einen Miarbeiter einstellen musste. Ich brauche einfach Helfer, um das alles zu bewältigen.

Vor ein paar Jahren habe ich mit Roger über Rapture Of The Deep von 2005 gesprochen. Das Album, mit dem er unmittelbar nach der Produktion überhaupt nicht zufrieden war. Was wohl vor allem an der dünnen Produktion kag. Wäre es denn nicht möglich, von diesem Album, das ja einen Haufen starke Songs hat, einen Remix zu machen? Mich jedenfalls würde es freuen….

Nein, dazu fehlt einfach die Zeit, obwohl ich das wirklich gern tun würde. Es gibt ja immer wieder Telefonate und E-Mail zum Thema Remixe. Um ehrlich zu sein: Was einmal gemacht ist ist gemacht, egal ob gut oder schlecht. Aber ich stimme dir zu: Dieses Album war weit davon entfernt, so gut zu klingen, wie es hätte sein sollen. Aber die Songs sind gut, auch der Titelsong: „I told you once about a place that I had accidentally stumbled upon“, das ist doch eine hübsche erste Zeile…