Die Seilschaft, Pforzheim, Kulturhaus Osterfeld, 8.5.2026
Es nicht wirklich viele Menschen, die den Wg zu Konzert der Orignal-Band des 1998 verstorbenen „singenden Baggerfahrers“ Gerhard Gundermann gefunden haben. Doch ein Publikum wie das im Malersaal des Kulturhauses Osterfeld wünscht sich jeder Künstler: Die Pforzheimer feiern „Die Seilschaft“ bei ihrem Unplugged-Konzert ab, als gelte es, ein Stadion-Publikum zu übertrumpfen. Die Musik, die sich zwischen Rock und Folk, zwischen kraftvollen Mutmacher-Nummern und verhaltener Melancholie bewegt, zündet auch in der akustischen Variante, zumal sie so die Aufmerksamkeit der Zuhörer noch mehr auf die Songtexte und die Geschichten lenkt, die Sänger Christian Haase in den Zwischenmoderationen erzählt.
Ob Gundermann-Klassiker oder Songs vom 2021 veröffentlichten Album „Dein Paket“: Alles fügt sich zu einer homogenen Einheit zusammen, die auch keine weiteren Erklärungen für das West-Publikum baucht. Da ist zum Beispiel das neuere „Saltimbocca“ Diese Geschichte von einem einsamen Mann, der doch gern mal seine Kochkunst auf zwei statt nur einem Teller präsentieren möchte und dem man wünscht, dass doch mal jemand vorbeikäme und sich ein Pfund Kaffee oder ein paar Eier borgen möge. Wenn Christina Haase im „Klassiker“ „Hier bin ich geboren“ singt: „Hier hab ich meine Liebe verloren und hier kriege ich sie wieder zurück. Hier liegt mein Vater unter der Erde, meine Mutter liegt auf`m Balkon“, dann versteht das jeder. Egal, ob er in Pankow oder Pforzheim geboren ist.
Eine besondere Qualität dieser hoch emotionalen Musik ist, dass sie nie Gefahr läuft, in Kitsch abzugleiten. Christian Haase kann nichts für diese Stimme, die ihn quasi von Natur aus vor Gefühlsduselei bewahrt, aber dennoch: Wer Emotionales so auslebt wie er in „Wenn man liebt“, der hat mehr drauf, als sich nur auf sein zuverlässiges Organ zu verlassen. Da stimmt jede Nuance, jede Betonung, jeder Blick. Wer das mit allen Sinnen hört und sieht und davon unberührt bleibt, muss tot sein. Wenn man dann noch das Glück hat, in einem so intimen Rahmen die Interaktion der Musiker aus nächster Nähe beobachten zu können, spürt man den Spaß doppelt, den diese höchst professionelle, aber in keinem Moment zur Routine erstarrte Band hat.
Gegen Ende des Konzerts fallen alle Barrieren zwischen Bühne und Saal, zwischen Band und Publikum . Ganz besonders in dem Moment, als Christian Haase sich ohne Mikrofon auf den Bühnenrand setzt und mit dem Publikum sindt: „Immer wieder wächst das Gras, wild und hoch und grün, bis die Sensen ohne Hass, ihre Kreise zieh′n“. So geht das und nicht anders. Nach fast drei Stunden Netto-Spielzeit endet ein Konzert, das Melancholie, Lebensfreude, Trauer und Spaß auf eine Weise zusammengebracht hat, dass man sich in den Armen liegen möchte und mit jenem nicht Geheimrat aus Gerhard Gundermanns Geburtsstadt Weimar dem Moment zurufen möchte: „Verweile doch, du bist so schön“.