Eingestellt am 29.9.2026

Raik Adam, sein Bruder Andreas und Dirk Mecklenbeck gehörten zu einer Gruppe Hallenser Heavy Metal-Fans, die sich schon als Schüler an den Verhältnissen in der DDR aufrieben und begannen, sich gegen Indoktrination und Willkür des SED-Staates aufzulehnen. Nachdem sie Wahlen boykottiert und den Wehrdienst verweigert hatten, sahen sie als einzigen Ausweg, ihre „ständige Ausreise“ zu beantragen. Einer nach dem anderen verliess die DDR. 1989 waren alle Freunde in West-Berlin wieder vereint und begannen von dort aus, die Mauer zu attackieren. Mit gezielten Aktionen, die Aufsehen erregten. So setzten sie beispielsweise einen Wachturm der Grenztruppen in Brand oder beschädigten mit Bolzenschneidern den Grenzzaun. Über ihre Geschichte haben sie zwei Graphic Novels veröffentlicht. Mit Raik und Dirk habe ich im August 2026 über die „Musikalischen Möglichkeiten“ im Halle der 80er-Jahre gesprochen.

Was hatte die Hallenser Musikszene in den 80er Jahren für Leute wie Euch zu bieten? Gab es überhaupt Orte, ab den Ihr interessante Konzerte erleben konntet, nicht nur im Metal-Bereich?

Raik: Man hatte bestimmte Läden, da ist man einfach hingegangen. Egal, was gespielt wurde. Man war ja schon froh, dass man drin war und das das Bier in Strömen floss. Da war Druckbetankung angesagt. Da gab es etwa zwei Studentenclubs – den Turm und den Bauernclub. Das waren normale Diskotheken, da lief zeitgemäße Musik, vielleicht mit so einem kleinen Einschlag Richtung Folk und Blues. Hippie-lastig und nicht ganz so Madonna-mäßig wie in den FDJ-Diskos. Da trafen sich vor allem die Blueskunden und die Hippies. Die waren die meist älter als wir, wir waren eher die jüngsten Besucher. Dann fällt mir noch das Puschkin-Haus im Paulusviertel ein, eines dieser vielen Kulturhäuser, von denen hatten wir ja genug. Da gab es einen großen Veranstaltungssaal, schön mit Parkettboden. Da spielte jeden Samstag so ’ne Band. Das war die Hausband, spezialisiert auf Stones. Die wurden immer älter, aber das Publikum wurde immer jünger. Denn merke: Im Osten waren die Leute ab 30 schon alt und verspiessert. Die waren verheiratet, oder sogar schon geschieden. Nach dem Wehrdienst waren die meistens sowieso durch. Die Armee hat die Leute fertig gemach. Die kamen als andere Menschen zurück, die waren auf Linie gebracht.

Dirk: Es war generell schwierig. Wir waren ja in der Zwangslage, dass wir da sehr offen sein mussten, und mitnahmen, was im Angebot war. Da konnte man nicht groß überlegen ob man hingeht, weil man die Alternativen nicht hatte. Im Gegenteil. Ich war mal zum Beispiel bei einem Jazz-Punk-Konzert im Volkspark. Den Namen der Truppe habe ich vergessen, aber das war eine absolute Katastrophe. Der Saal war bei Minusgraden im Winter ungeheizt, und die Band hat einen Riesenalarm gemacht. Die haben das schrecklichste Zeug von sich gegeben aber in diesem Genre war das mein einziges Konzert. Wir haben uns auch Blueskonzerte angeschaut, und ich habe seinerzeit Saga gesehen, die habe in irgendeiner Halle in Halle/Neustadt gespielt. Das war die erste Westband bei uns, die man international kannte.

Raik: ich habe sogar mal 1985 die Climax Blues Band gesehen Das war aber die einzige Westband, die mich zumindest etwas interessiert hat. Die hatten im Clubhaus der Gewerkschaften gespielt. En Riesengebäude, das natürlich auch von der FDJ bespielt wurde. Altbau direkt am Bahnhof, in dem heute eine Spielbank drin ist. Fünf Minuten weg von dem Ort , wo heute da Zukunftszentrum Deutsche Einheit entsteht. Die hatten im Keller ein Disco mit normaler Discomusik, aber es .Da gab es jährlich zwei große Veranstaltungen, die nannte sich „Rummel“, und da hat sich die FDJ richtig was einfallen lasen und ins Zeug gelegt. Ein ganzes Wochenende spielten in allen Räumen Bands, die ganze DDR Elite war ma Start. Da war man dann dabei. Das war natürlich vor aölem auch ein prächtiges Besäufnis. wenig Konzerte ich würde mal sagen, auf der Freilichtbühne Peissnitz, waren im Sommer drei vier Rock-Konzerte. Da haben wir Omega gesehen und Transit, eine DDR-Band, die auch Udo Lindenberg coverte.

Welche DDR-Bands waren denn für euch generell eher okay, welche eher tabu?

Dirk: Sagen wir mal so: Wenn es musikalisch in etwas wenigstens etwa unserer der Richtung entsprach, konnte man schon hingehen. Die etablierten DDR-Band wie die Puhdys haben uns natürlich nicht interessiert.

Raik: Das Image der Puhdys als Staatsband war schon Scheiße. Da konnte die machen, was sie wollten. Obwohl: Zugegeben, einmal haben wir die Puhdys gesehen. Da waren wir so 13, 14. Das war 1977. Dirk wohnte direkt am Hallmarkt und ich im Paulusviertel. Die Puhdys spielten ein Gratiskonzert auf dem Marktplatz. Dirk kriegte das mit und ist wie ein Bekloppter zu mir nach Hause gerannt: „Raik, die Puhdys spiel auf dem Marktplatz!!!“. Dann ist er wieder wie ein Bekloppter zurückgerannt. Das DDR-Fernsehen hat das damals übrigens mitgeschnitten, Du findest das heute noch auf youtube Das war unser erstes Rockkonzert!

Dirk: Aber das das war zugleich mit Sicherheit, das letzte Mal, dass ich die Puhdys gesehen habe. Ich wüsste nicht, das ich die danach nochmal erlebt hätte.

Raik: Genau, ich auch.

In manche Läden seid Ihr nicht mehr reingelassen worden. Warum?

Raik: Das lag an dem PM 12. Einem vorläufigen Personalausweis, der unter anderem an politische Gegner ausgegeben wurde. Als wir dann den hatten, sind wir in die FDJ Clubs und die Studentenclubs nicht mehr reingekommen. Dort gab es sowieso immer Ausweiskontrollen, um vor zu sortieren. Es sollten eben hauptsächlich Studenten Einlass finden, und samstags war die Nachfrage war immer größer als das Angebot. Spätestens mit dem PM 12 war dann sowieso Ende.

Wie sahen denn die Setlisten der Bands aus? Es galt ja die offizielle Regelung dass 60 Prozent der gespielten Musik aus sozialistischen Ländern sein musste, die restlichen 40 aus den „NSW“, dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“.

Dirk: Was die Metal-Szene betrifft, wurden da zu 90 Prozent Westbands gecovert, queerbeet. Wenn die eigenes Zeug hatten, haben sie auch davon was gespielt, aber das Volk wollte ja logischerweise die „Originale“ hören. Deswegen ging man ja hin.

Raik: Am Anfang waren es praktisch ausschliesslich Coverbands. Aber als Metal auch im Radio gespielt werden konnte, haben die angefangen, ihre eigenen Songs zu komponieren. Die hatten aber die Vorgabe auf deutsch zu sein. Wir heben aber immer auf die Covers gelauert, und die wurden zeitnah geliefert. Im Metal war das Verhältnis nie 60/40. Übrigens: Auch in den FDJ-Discos war das Verhältnis West/Ost-Musik 80/20. Die hätten uns dort niemals mit mit 60 Prozent Ostmusik bei der Stange gehalten.

Bleiben wir mal bei der Metal-Szene. Das ist ja schwerpunktmäßig euer Ding….

Raik: Den ganzen Metal Zirkus haben wir in Halle angeleiert. Nicht als Musiker, sondern als sichtbare Fans. Wir waren die ersten, die so erkennbar durch die Stadt marschiert sind.

Dirk: Es gab die eine oder andere Konfrontation, entweder mit den Bürgern oder auch der Ordnungsmacht.

Raik: Davon abgesehen: In Halle war ja wenig für Metal-Fans geboten. Wer Metal-Bands live sehen wollte, der musste nach Bitterfeld in den „Stern“. Als Hallenser Metal-Fan war das Pflicht.

Das war aber auch manchmal ein Abenteuer? Stichwort: Die Transportpolizei.

Raik: Die Transportpolizei war immer präsent. Wenn du mit einer besoffenen Horde unterwegs warst, haben die sich die Chance nicht nehmen lassen, dich zu vermöbeln. Das war eine Schlägertruppe. Reiterhosen, hohe Stiefel, blaue Uniforme und immer Schäferhunde dabei und ständig latent gewaltbereit. Die haben uns erwartet. Wenn wir in Bitterfeld aus dem Zug gekommen sind, war dann so ein ganzer Schwung Transportpolizisten, die uns zum „Stern“ eskortiert haben, einmal quer durch Bitterfeld. Sobald jemand nur blöd geguckt hat, wurde der ‚entnommen“. Da haben die nur drauf gewartet. Komischerweise waren die nach dem Konzert gegen Mitternacht verschwunden. Dann hatten wir freie Hand. Dann sind wir durch die Stadt gezogen ohne Einschränkung, stockbesoffenen und laut. Dann gehörte uns für mindestens eine Stunde Bitterfeld.

Dirk: Wir hatten ja Zeit. Der nächste Zug fuhr erst am nächsten Morgen um fünf oder sechs Uhr. Die Stunden dazwischen musste man ja irgendwie sinnvoll verbringen.

Raik: Genau, und das haben wir ja auch gemacht. Da gab es im Bahnhof dieses 24-Stunden-Kino da sind wir rein….

Dirk: … und da wurden rund um die Uhr russische Trickfilme und solches schräges Zeug gezeigt, was uns nicht wirklich interessiert hat. Wichtig war: Es war einigermassen warm, obwohl es im Winter auch meistens ungeheizt war. Aber es war immer noch wärmer als draussen.

Raik: … und dann hat sich das Metal-Publikum auf den Boden gelegt und durchgepennt bis zum ersten Zug in der Frühe.

Punk war ja auch eine wichtige Szene abseits der „staatskonformen“ Musik in der DDR. Was habt ihr in Halle davon mitgekriegt?

Raik: Punk lief zu 99 Prozent über die Kirche. Das war in Halle die Christuskirche. Da sind die Punks untergekommen. Das Interessante an der Punkszene ist: Dieser Subkultur-Kram war ja was Emanzipatorisches und die sind in diese kirchlichen Strukturen rein gegangen, wo Erwachsene waren, die dann diese Rahmen-Räume geschaffen haben für die. In meinen Augen war das aber immer Betreutes Punksein. Die Metal-Szene dagegen hatte null Zugang zur Kirche. Wir sind zwar alle christlich sozialisiert, alle getauft, alle im evangelischen Kindergarten gewesen, wir haben die volle religiöse Breitseite mitbekommen. Aber für uns galt immer: Anders sein zu wollen geht nicht mit Kirche. Aber die Punks haben sich da recht wohl gefühlt und haben dieses Angebot auch genutzt. 1984 habe ich nur ein einziges Konzert mitgekriegt. Es wurden später sicher mehr, aber es war überschaubar. Ansonsten haben die sich da zur offnen Jugendarbeit getroffen. Kann sein , das es auch betreutes Trinken war.

Dirk: Bei dem Konzert, das ich erlebt habe, waren die Bands vom Sound her so miserabel. Man konnte überhaupt nicht unterscheiden, on das nun die oder die Band war… aber auf jeden Fall waren alle komplette breit.

Gab es gute Szenetreffs abseits von Konzert-Orten?

Raik: Man hat sich auch in ganz normalen Kneipen getroffen, wo man nicht gleich rausflog. Zum Saufen. Bei den Punks noch mehr als bei uns, die waren ja noch viel schlimmer. Kneipen, in denen man möglichst lange drin bleiben konnte. Da gab es in Halle eine ganze Menge. Die Kneipendichte war groß.

Dirk: Aber in den normalen Diskotheken, in den man ja auch manchmal gelandet ist, war ständig Stunk. Du konntest davon ausgehen, dass es an drei oder vier Tagen in der Woche irgendwo geknallt hat. Immer.

Wer gegen wen?

Dirk: Das war reiner Zufall und eine Frage des Alkoholpegels. Wenn jemand aus dem falschen Stadtteil kam oder sonstwie fremd war. Irgendeinen Anlass gab es immer. Da flogen gleich die Bierkästen…

Die ganzen Kästen?

Dirk: Leere Kästen.

Raik: Halle war eine extrem proletarische Stadt. Die richtig harten Proleten, wie man sich das ausmalt. An Steintor gab es solche Kneipen. Da habe dich alle vorgewarnt, überhaupt reinzugehen.

Dirk: Ich kannte Leute, die sind da durch die Schaufensterscheibe geflogen. Und da gehörte wirklich was dazu, in so einem Laden so unbeliebt zu sein. Man hatte ja nicht die Wahl. Mitunter musste man in Lokalitäten, von den man wusste: Nicht ganz ungefährlich. Aber allein da hinzugehen? Schwierig. Das „Zentral“ war so ein Sammelpunkt für die ganzen Ex-Knaster. Es wurde auch mehr oder weniger geduldet, weil die Bullen wussten: Die sind alle da drin, da haben wir sie unter Kontrolle.

Raik: Es gab ja auch keine Sozialarbeit in der DDR für solche Leute, oder irgendwelche Eingliederungsgeschichten. Wenn die aus dem Knast kamen, rutschten die sofort wieder in ihre alten Milieus rein.

Gab es eine Kneipe, in der ihr euch wirklich wohlgefühlt habt?

Dirk: Ja, die hieß „Zum Schwager“, aber Offiziell „Altes Bootshaus“ und lag direkt an der Saale. Wir kannten den Betreiber, deswegen kamen wir da ständig hin. Wir sassen oft am Stammtisch, der wusste auch dass wir Ausreiseanträge gestellt hatten. Der war sehr aufgeschlossen und wir konnten noch lange in die Nacht weiterfeiern. Später haben wir erfahren, dass der Typ ein Stasispitzel war. Und da war uns im Nachhinein klar, dass der uns in unserem Zustand relativ gut aushorchen konnte über alles, was denn nun gerade so angesagt war. Und wir waren natürlich extrem redselig aufgrund der geistreichen Getränke. Schade. Das war eine coole Location mit einem ziemlich bitterem Beigeschmack.

Jetzt noch die entscheidende Frage: Hättet Ihr euch – vorausgesetzt ihr wärt im Frühjahr 1990 noch in Halle gewesen, ein Konzert einer vollkommen unbekannten Westband namens Purple Haze angeschaut?

Dirk: Das kommt au den Tag an. Also wenn es am Wochenende keine Alternativen gab.. …

Raik: Bei dem Rahmen Bürgerfest im Paulusviertel wären wir auch aufgetaucht. Aber gesucht hätten wir euch wohl nicht. Zu der Zeit waren wir ja in Westberlin. Und da waren alle aus dem Osten. Im Prinzip war der Osten im Frühjahr 1990 jedes Wochenende komplett leer. Wir sind ein paarmal nach Halle runtergefahren. Dort, wo man früher sich rein gedrängelt hat, zum Beispiel in unserer alten Kultkneipe „Seemannsklause“: Wir kamen Freitagabend rein und wir wegen die einzigen Gäste. Ich habe den Kneipier gefragt, und er meinte: Geht seit Monaten so, seit dem Mauerfall eigentlich. Da waren die alle unterwegs. Purple Haze hat echt schlechte Karten gehabt zu der Zeit.