Love, Peace, Music

Eric Burdon im Tollhaus, Karlsruhe, 3.8.2011

Es hat etwas zu bedeuten, den Abend mit „When I Was Young“ zu beginnen, ganz sicher. So als wollte der inzwischen 70jährige Burdon den Menschen sagen: Seht her, ich bin ein alter Sack, und so hat es angefangen, und was ich heute vor euch ausbreite, ist mein Leben. Der Animals-Hit von 1967 packt denn auch glech soviel Intensität in fünf Minuten zusammen, dass man sich fragt: Was kann da noch kommen. Es kommt viel.

Alte Animals-Songs erstrahlen in neu aufgetragenem Rost, Blues erblüht zu zeitloser Größe. Die Patina klingt echt, und nicht ein bisschen nach einem dünnblütigen 60er-Jahre Aufguss, sondern nach kraftvollem 70er Jahre Classic Rock, über dessen solides Klangfundament Burdon mit dem schelmischen Gestus eines abgeklärten Straßenköters singt. Ein Energiebällchen, das seine Combo lässig mit deinem Drumstick dirigiert.   „Don’t Let Me Be Misunderstood“ definiert den Begriff „heavy“ ganz neu. Von einem federleichten Reggae in der Strophe schalten die Musiker zum schwerem, schleppsndem Refrain mit dem wohlbekannten Unisono-Thema von Orgel und Gitarre. Herausragend der Organist und Pianist Red Young, aus dessen Hammond Orgel man ständig Dampf aufsteigen zu sehen glaubt. Zusammen mit seinem Gegenpart Billy Watts an der Gitarre sorgen sie für jenen archetypisch warmen Sound, der zu Ende der sechziger Jahre von Hardrockern wie Deep Purple zu seiner Vollendung hochgemotzt wurde.

Burdon aber singt wie ein junger Gott. Würde man die Augen schließen und sich das zerknautschte Gesicht und den kleinen, runden Körper des Sängers wegdenken, könnte man einen gerade noch jungen Mann vermuten, der die Stürme des Lebens schon kennt. Burdon mutet sich nichts zu, was er nicht packt und erlaubt sich im Tonfall und Gestik eine gehörige Portion Selbstironie

Ganz eklatant werden die Qualitäten dieser Band, die alle Nuancen trefflich ausloten kann, wenn Burdon mit beiden Händen in die Abgründe des Blues greift. Bei Ray Charles’ „I believe To My Soul“ spielen die Herren mit stoischer Gelassenheit soweit hinten am Beat, dass man fast meinen könnte, gleich kippe die Kapelle selig grinsend über den Rand der Erde ins All. Wie, die Erde ist keine Scheibe? An diesem Abend könnte sie eine sein, würde es der Sänger so befehlen.

Und immer wieder gibt es Raum für weitschweifige, seelenvolle Improvisationen, die zumindest glauben machen, sie seien eben erst, hier und jetzt entstanden. Gasgeben, bremsen, laut , leise: Das ist keine am Reissbrett kontruiertes Kunstmusikprodukt, sondern eine organischer, brodelnder Lavastrom voller Drehungen und Windungen, die aber den Song nie zerdehnen oder zerstückeln. Die lange Version von „River Deep. Mountain High“ kännte gut und gerne noch zehn Minuten so weitergehen, keiner der 1471 Zuhörer würde sich langweilen. „There’s no money left in the bank cause they don’t stop goin’ to fuckin war“ ist Burdons längste Ansprache ans Volk, und die Verbindung von „We Gotta Get Out Of This Place“ und dem Anti – Rassismus Song „Why Can’t We Live Together“ schaftt eine geradezu weihevolle Atmosphäre, die ganz weit weg ist von Kirchentags-Gefühlsduselei. Dass dann sogar das zu Tode genudelte „House Of The Rising Sun“ im Zugabenblock eine kraft volle Huldigung erfährt, bei der sich der Sänger fast in Stücke reisst, wundert da schon niemanden mehr.