Das Blockheizkraftwerk

Timo Gross, Jubez, Karlsruhe, 9.10.2014

Der Blues besteht im Optimalfall aus Geschichten, die das Leben schreibt. Von denen hat der Pfälzer Bluesgitarrist Timo Gross eine ganze Menge auf Lager. „Timo, isch glaab, du hosch enn roschdische Nag’l im Kopp“, habe mal eine Frau zu ihm gesagt, erzählt auf gut pfälzisch seinem Publikum am vergangenen Donnerstagabend im Jubez. Timo Gross mag nicht unbedingt einen rostigen Nagel im Kopf haben, aber seine Stime und sein Gitarrenspiel glänzen gerade so vor Rost und Patina. Erzählt uns nicht, dass der Bluesrock der verschwitzen Machart ein untotes Bierkutscher-Pferd ist, das sich nur noch als Klischee durch eine musikalische Wüstenlandschaft torkelt. Und wenn schon: Timo Gross tritt den Beweis an, dass es hier nicht auf das „was“, sondern auf das „wie“ ankommt. Und erzählt uns auch nicht, dass das einzig und allein der Bonamassa und vielleicht noch der Freischlader könnten.

Nachdem der erst 22-jährige Till Bennewitz allein mit einer akustischen Gitarre glaubwürdig viel Lebenserfahrung in durchaus eigenständige Songs gegossen hat, die Springsteen und Dylan als seine Hausgötter ahnen lassen, entschließt sich Gross, seinen Set akustisch, ohne Mikrofon, an der Bühnenkante sitzend., zu eröffnen. „Jetzt aber Schnauze halten“, ordnet er an, und sie halten und lauschen erotisiert gebannt diesem großartigen Geschichtenerzähler, der eindringlich von „Desire“ singt. Dem man natürlich restlos ausgeliefert ist, wenn er später mit der Stratocaster oder der Telecaster eins wird. Wenn sein fettes, raumgreifendes Lead- und Rhythmusspiel die Gitarre zum Dampfen und quietschen bringt und alle Fragen beantwortet. Auch die, warum die Triobesetzung der Musik am besten steht. Die kann man nur mit der Gegenfrage beantworten: Wo bitte sollte in diesem dichten Sound, noch eine Orgel Platz finden? Nirgends? Eben! Mit der Energie von Gross’ Spiel könnte man ein kleines Blockheizkraftwerk betreiben. 

Er hält sich nicht lange mit der Frage nach Genregrenzen auf. Blues ist immer dann, wenn es echt klingt. Da kann es auch geradliniger Rock sein: „Bound to my Shadow“ hat sogar eine eingängigen Refrain. Den er aber wieder wegwischt und einfach mal die Rhythmusabteilung arbeiten lässt um ein paar gezielte Töne tropfen zu lassen. Dominik Rivinius (Drums) und Manuel Bastian (Bass) folgen dem Chef und vollbringen immer wieder das Wunder, subtil und brachial gleichzeitig oder im schnellen Wechsel zu arbeiten. Egal, ob jetzt gerade Americana-Touch oder ganz klassischer, swingender Shuffle angesagt ist, oder gar ein monolithisches Metal-Monster-Riff sein Haupt erhebt.

„It’s all about love“ heißt das aktuelle Album von Timo Gross, und genauso vielschichtig, überraschend und hakenschlagend die Liebe dem Menschen entgegentritt, ist auch ihr Abbild in dieser Musik. Da darf natürlich auch „der böse Song“ nicht fehlen. „Bitch“ heisst er und das Riff muss Keith Richards dem Pfälzer in einer Nacht des Herzschmerzes unters Kopfkissen geschoben haben.