Martin Turner (ex-Wishbone Ash), Jubez, Karlsruhe, 1.12.2019

Manchmal kann es für den Fan von Vorteil sein, wenn zwei sture alte Männer sich heillos zerstritten haben. Im Fall Wishbone Ash ist das eindeutig der Fall: Während Gitarrist Andy Powell den langen zähen Krieg um die Rechte am Bandnamen gewonnen hat, darf Ex-Bassist Martin Turner den nur noch als „ex“ seinem eigenen Namen anfügen.

Musikalisch kommt es aufs gleiche raus: Während Powell immer noch neue Musik veröffentlicht und den Klassikern dezent veränderte Arrangements angedeihen lässt, spielt Turners Truppe die Musik von damals weitgehend werktreu und eröffnet dem Nostalgiker unter den Fans dieser Doppelgitarrengetränkten Musik damit ein wahres Paradies.
Wirkten frühere Besetzungen dieser Band oft etwas steif und bemüht, hat Turner jetzt die richtigen Leute um sich geschart, um dieser Musik wieder die Aura der Erneuerer einzuflössen, die sie zur Zeit ihrer Entstehung vor 40 bis 50 Jahren hatte. Da ist der eher unauffällige Gitarrist Misha Nikolic, der den soliden Estrich für seinen Sparringspartner Danny Wilson verlegt, den Gitarren-Experten im Publikum durchaus auf Augenhöhe mit dem einstigen Wishbone Ash-Gitarristen Laurie Wisefield sehen. Nikolic und Wilson zusammen lassen die strahlende Sonne der Doppelgitarrenerotik immer wieder scheinen. Besonders in den sorgsam arrangierten Chorussen der Stück des 76er-Albums „New England“, das den ersten Teil des Konzerts dominiert. Schlagzeuger Tim Brown hat das perfekte Gefühl für die Musik, wobei er – ebenso wie Originaldrummer Steve Upton – sowohl swingen kann wie ein Jazzer, als auch gehörig rumpeln. Warum er dabei aber immer so schaut wie ein Koch, der gerade in seinem Topf eine tote Kröte entdeckt hat, weiß wohl er allein.
Chefkoch Turner indes zeigt Mut, in dem in den Mittelpunkt der Show eben nicht das sicher bekannteste Album „Argus“ stellt, sondern das in weiten Teilen eher ruhige und von amerikanischem Laid Back Gefühl unterspülte „New England“ und das nicht ganz so populäre Frühwerk „Pilgrimage“. „New England“ offenbart, wie diszipliniert und sorgsam ausgetüftelt die Musik Mitte der 70er-Jahre geworden war. Da erscheint der zweite Set nach der Pause geradezu wie ein Hexensabbat wildgewordener Hippies: „Pilgrimage“, fünf Jahre davor entstanden, kannte keine Grenzen: da sind die komplexen „The Pilgrim“ und „Vas Dis“, die jüngere Zuhörer (gäbe es sie denn) in eine Welt verschachtelter Kompositionen entführen könnten, wie sie heute niemand mehr schreibt. Mit Anleihen von Jazz bis Klassik, aber immer mit der treibenden Kraft ineinander verzahnter Gitarren, die hier etwas mehr solistischen Freiraum haben als in den „New England“ Stücken.
Hier nun spielt sich die Band in einen wahren Rausch, auch der 71jährige Martin Turner erklimmt dabei einen Gipfel des Jugendwahns nach dem anderen und erlaubt sogar seinem Drummer, beim feierlichen „Valediction“ die (bravourös gemeisterten) Lead Vocals zu übernehmen. Wer mag, kann die Ansage: „Tomorrow we‘re going home to Brexit Country“ in Bezug setzten zur ersten Textzeile des Songs („leaving is a sin they say“), der dadurch noch mehr Melancholie ausstrahlt. Die sofort verfliegt, wenn gegen Ende noch mal die entscheidenden Kracher des „Argus“-Albums revitalisiert werden.