Panteón Rococó, Karlsruhe, Tollhaus, 12.12.2019

Der wohl bekannteste politische Slogan, in dem das Wort „tanzen“ vorkommt, ist „Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist es nicht meine Revolution“. Zugeschrieben wird er der Anarchistin und Feministin Emma Goldman. Vieles spricht dafür, dass sie ihn nie gesagt hat.

Was nichts daran ändert, dass er sich auch gut als Banner auf der Bühne bei einem Auftritt von Panteón Rococó machen würde, und prima passen würde zur Totenkopfflagge des FC St. Pauli, die da tatsächlich zu sehen ist.

Getanzt wir schon vorm Konzert am vergangen Donnerstag im Tollhaus. Es ist vor allem die spanischsprachige Karlsruher Community, die eine halbe Stunde vorm ersten Ton in antitzipierende Bewegung gerät. Dazu laufen auf der Video-Leinwand gar zu schöne, gar zu bunte Fotos der mexikanischen Heimat der Kapelle. Sie sehen aus wie aus einer GEO-Fotoreportage, und man fragt sich unwillkürlich: können das Symbolbilder für die aufrührerische, antirassistische Botschaft der Band sein, die sich vor 25 Jahren aus Solidarität mit der zapatistischen Bewegung in Mexico in Bewegung setzte?

Man täusche sich nicht: Die Energie, dieses mit der geballten Faust in der Stimme, aber immer friedlich gegen alles Böse in der Welt ansingen ist immer noch da, nur eben immer perfekter und aufwendiger inszeniert. Da lodern Flammen auf der Videowand, da stolpert die Band in Schwarz-Weiss durch Berlin und St.Pauli und versucht dabei finster auszusehen, während die leibhaftigen Musiker ihre perfekt inszenierte Mischung aus Ska und Rock, Cumbia, Mariachi und Ranchera, Reggae, Dub und noch ein paar Zutaten abfeuern und das alles mit der noch immer subtil spürbaren Punk-Attitüde. Nur eben präziser und angeschärft durch einen markanten Bläsersatz. Kaum hast Du dich an diese Klangfarbe gewöhnt, befiehlt die blitzende, blinkende Videowand „Hey, Hey let‘s go“, und du bist für Sekunden in einem Ramones-Konzert.

Der Gesangsstil des Zeremonienmeisters Luis Román Ibarra alias Dr. Shenka hat einen Touch von Rap, und die immer fühlbare Präsenz einer Botschaft, unterstrichen durch höchst sportlichen Körpereinsatz, zu dem der Rest der Kapelle wellenförmig wogt und wirbelt. Wem das Wort gegeben, der brülle es hinaus: Die Texte eines Panteón Rococó Konzertes dürften ein dickes Buch füllen, mindestens – und was gesungen wird, klingt meistens – unabhängig vom gerade unterfütterten musikalischen Kontext – wie ein Beschwörungsritual. Erklärt wird davon nichts. Wer kein Spanisch versteht, ist hier auf der Verliererseite. Ausser den üblichen Ritualfragen à la „How do you feel“ gibt‘s so gut wie nichts auf Englisch. Was wiederum als Beweis angeführt werden kann, dass die Inhalte dieser Art Revolte sich eben auch im Zuge der direkten Induktion durch Bewegung vom Bein übers Herz und schlussendlich ins Hirn pumpen lassen. „Hell Yeah!“ steht auf des Sängers T-Shirt. Vielleicht reicht das ja auch als Botschaft, die Berge versetzen kann.