Noch witziger mit Publikum

Cartoonist Ralph Ruthe mit seiner „Shit Happens!“ Show, Karlsruhe, Tollhaus, 17.11.2016

Warum will ein Cartoonist auf die Bühne? Zudem einer, der engen Kontakt mit seinen Fans über alle sozialen Medien pflegt? Ganz einfach: Auf Facebook hört er das Publikum nicht lachen, wenn ein Gag gezündet hat. Genau von diesem Lachen bekam Ralph Ruthe bei seiner Show „Shit Happens“ am Donnerstagabend im Tollhaus schon fast eine Überdosis. Ruthe, der offensichtlich auch von einer Überdosis Arbeitswut getrieben ist, mischt auf der Bühne Filme und Standbilder seiner Cartoons und plaudert aus dem Nähkästchen. Zweimal singt er sogar – und kommentiert danach „Ich hab’ nicht gesagt, dass ich gut singe“. Die zentralen Figuren des Abends stammen aus den „Shit Happens“-Cartoons. Allesamt liebenswerte Figuren, die Ruthe da erschaffen hat. Figuren, die man gern neben sich auf der Couch sitzen hat und die etwas Teddybärenhaftes ausstrahlen – selbst die größten Pechvögel oder gehirnbefreite Kerle wie „Uwe der Truckerbär“, der auf seinen langen Fahrten mit stoischem Gesichtsausdruck mithilfe eines Pümpels masturbiert.

Ruthes Humor ist ähnlich harmlos wie der von MAD, dem Magazin, für das er Ende der 90er-Jahre arbeitete. Seine Cartoons und Videofilme sollen Spaß machen, schaffen manchmal den spontanen Lacher, bei anderen wieder muss der Betrachter etwas länger rätseln, bis er den Witz entdeckt. Die funktionieren als flüchtige Projektion weniger gut, dafür muss man schon das Buch in der Hand halten, auf dass das Amüsement gedeihe. Ruthes Show ist nicht zuletzt eine Art Vorlesung über die Entstehung seiner Werke und die Funktionsweise seine Humors. Dass er seine Ideen aus genauer Beobachtung von Alltagssituationen bezieht, ist eine vorhersehbare Erkenntnis. Interessanter ist schon, wie sich Figuren im Laufe der Zeit entwickeln, von puren Gag-Vehikeln zu „Persönlichkeiten“ mit ausgeprägtem Charakter werden. Oder, wie der Comic zum bewegten Bild wird. „Als ich meinen ersten Comic gekauft hatte, dachte ich mir: Das ist ja wie Film auf Papier“, erzählt er. Damit ging es schon im zarten Knabenalter los. Für seine erfolgreichen Youtube-Videofilme klaut er auch mal eine Idee, das gibt er offen zu. Seine „Biber und Baum“-Filmchen habe den amerikanischen Comic Coyote und Roadrunner zum Vorbild. Coyote will Roadrunner fressen – das ist die ganze Handlung. Ruthe wollte etwas ähnliches, allerdings hätte er die Kosten für derlei aufwändig animierte Filme nie stemmen können. Also erfand er den statischen Baum und seinen Feind Biber, der ihn fressen will. Das kann auch ein Zwei-Mann Team aus Zeichner und Animateur bewältigen, und es ist mindestens genauso lustig wie die rasenden Tiere. Wirklich lustig ist aber auch, was dem Cartoonisten gelegentlich auf Facebook widerfährt. Die merkwürdigste Frage, die ihm je gestellt wurde, war: „Wir die Show unangenehm? Also sexual?“ Kurze Zeit später habe er mit seiner Show in Osnabrück gastiert, als sich ein etwa zehnjähriger Knabe an dieser Stelle erhob und rief: „Das war ich!“ Worauf dessen Vater sich vor Scham am liebsten versteckt hätte. Mehr kann man als Humorist wohl kaum erreichen.