Gegen die Stürme des Lebens angesungen

Layla Zoe im Jubez, Karlsruhe, 12.10.2018

„Gemini“ heisst das aktuelle Doppelalbum der kanadischen Sängerin. Und fürwahr: Diese Zwillinge, die die in jeder Hinsicht große Schmerzensfrau am Mittwochabend im Jubez auf der Bühne gebar, sind keine eineiigen, obgleich sie beide dem Schoß der großen Bluesgöttin entschlüpft sind, deren Lehrmeister bekanntlich das Leben ist. Zoe hat dies Stimme, die imstande ist, alle Stürme des Lebens abzubilden und wird deshalb nicht ganz zu Unrecht immer wieder mit Janis Joplin verglichen.

Der eine, melancholisch-nachdenkliche Zwilling heisst „Fragility“, der andere, „Courage“ genannt, geht dahin, wo es weh tut: Er poliert dem Zuhörer stets ohne Umwege auf höchstem Niveau die Fresse. Sie wollte etwas anderes machen, alle Freiheiten nutzen, sagt Zoe – und in der Tat nimmt sie sich die unverschämte Freiheit, das gesamte Werk in fast exakt der Reihenfolge live zu präsentieren, wie es aufgenommen wurde. Es ist ein trotziges Bekenntnis zu der einem Album immer noch innewohnenden ganz eigenen Dramaturgie und zugleich der Mut, dem Publikum vollkommen neue Songs vorzusetzen – das Album wurde erst vergangene Woche veröffentlicht.  Mit bedächtig gesetzten Flageolett-Tönen setzt Gitarrist Jan Laacks die Stimmung für den akustischen Teil, der auch mal die Grenzen des Blues in Richtung Americana verschiebt. Mit „I Can’t Imagine My Life Without You“ zollt sie einem ihrer Helden, Bob Dylan, Tribut. Und weil es in diesem Konzertteil auch ums Erzählen erlebter Geschichten geht, kommt ihr Song „Mumbai“ über einen Konzerttrip nach Indien mit seinen flirrenden, geheimnisvollen Gitarrenschlieren doppelt anrührend.

Ein englischer Blogger hat die elektrische Seite des Albumprojekts als „emotionalen Vorschlaghammer“ bezeichnet, und liegt damit genau richtig. Die Wut, die Verletzlichkeit, das Aufbäumen gegen alle Unbillen der Welt – all das transportiert diese ebenso erschütternde wie erschütterte Stimme so direkt, dass man sich immer wieder die Ohren reibt und fragt: Kann man das spielen? Ist das echt? Und wenn es echt ist, warum zerreisst es diese Frau auf der Bühne nicht unmittelbar? In Jan Laacks steht ihr ein Gitarrist zur Seite, der dort, wo Finsternis gefragt ist, noch mehr Finsternis auffährt. Das braucht’s, wenn die Frau da vorne singt: „Miscommunication, blackouts time, weakness, cowardice, oh – and lies. Time can’t heal everything. No, not this time“. Dort aber, wo tänzelnde Filigranarbeit gefragt ist, die auch mal einen Sonnenstrahl durchlässt, ist Laacks mit seiner Gitarre ebenso präsent. Der Mann weiss in jeden Moment, wie er klingen muss. Ob er in „Weakness“ mit Riffs groß wie Containerschiffe auf die Zuhörer eindrischt, oder im raffiniert arrangierten Funk des Titelsongs „Gemini“ feinziselierte Netze spinnt: Er bietet der Sängerin jederzeit eine breite Treppe, um ihre Gefühlsgipfel zu erklimmen. Und wenn sich „Ghost Train“ recht unüberhörbar an Hendrix’ „Crosstown Traffic“ anlehnt, ist das nur folgerichtig. Es kommt aus der gleichen Quelle.