Carrington-Brown mit der Brexit Operette „Turnadot“ im Tollhaus, Karlsruhe, 14.2.2020

Dieser verfluchte Brexit und seine Folgen: Jetzt könne nicht mal mehr das Ensemble einer „Royal Imperial Victorian Opera Company“ aufs Festland gelangen, verkündet die Lautsprecheransage dem bereits auf Schmunzeltemperatur amüsierten Publikum im Tollhaus, auf dessen Bühne viele Stühle stehen.

Die meisten allerdings werden leer bleiben, denn nur zwei Mitglieder der obskuren Truppe hätten es geschafft, namentlich Carry Puddleton und Larry Longstaff, wegen ihrer deutschen Pässe. Diese beiden müssten halt nun zu zweit mit ihren Stimmen und einem Cello Puccinis Oper „Turandot“ aufführen.

Natürlich tun sie das nicht, und natürlich sind sie auch nicht Carry und Larry, sondern das britische Duo Colin Brown und Rebecca Carrington. Die auch im echten Leben seit einiger Zeit deutsche Pässe besitzen. Jetzt nehmen sie die „Turandot“ als Ausgangspunkt, um den Irrsinn des Brexit auf die Schippe zu nehmen. Oder doch nicht? Erwartungshaltungen werden gleich mehrfach unterlaufen. Klar, es gibt keine Oper, das merkt man schon daran, sie aus „Turandot“ nun „Turnadot“ machen. Aber ist es wirklich die in den Programmankündigungen versprochene Brexit-Operette? Jein. Der Brexit ist nur der mühsam zusammengeklöppelte Faden, entlang dem sich eine Nummernrevue aufreiht, in der die Beiden ihre ganzen musikalischen, humoristischen und darstellerischen. Kompetenzen zeigen. Wenn man allerdings diesen Etikettenschwindel nachsichtig übersieht, hat man an diesem Abend viel Spass.

Das Duo machten mit seinem beschwingten Brexit-Song gleich zu Anfang klar, wo es steht: „Brexit, it‘s a catastrophe. Britains now think they are free“ singen sie, und es klingt wie ein Tanz auf dem Vulkan. Nur mit viel Humor kann man diese Katastrophe überleben, das ist der Tenor dieses Abends. Wer wie Rebecca Carrington so vollkommen entfesselt und anarchisch Cello spielen kann, dass es wirklich kein Orchester braucht, hat schon mal die Schmunzler auf seiner Seite. Und mit der oft vollkommen überdrehten Opernstimme dann auch die vor Lachen Brüllenden. Gatte Colin Brown dagegen gibt meist den gesetzten Entertainer, der mit sehr britischem Understatement die Eruptionen seiner Partnerin begleitet.

Nur mässig lustig allerdings ist es, Theresa May in Tahina Hay umzubenennen und nach China aufbrechen zu lassen, um ihren Geliebten Cravid Dameron zu suchen. Witziger ist da schon, Boris Johnson alias Horris Mommsense als eine Art Wischmopp zu inszenieren, der die beiden Reisenden, dummes Zeug redend, als nur mühsam abzuschüttelnde Epaulette verfolgt. Nach und nach wird die Reise ein wunderbar vielschichtiges Spiel mit Klischees über alle bereisten Länder. Ob es die Liebe à la francaise ist, die spanische Exaltiertheit in Gefühlsdingen, der schottische Hang zum Trunke oder eine Max Raabe-Parodie, vorgetragen mit vollkommen emotionsloser Stimme – immer liegt der Reiz in der bis ins Groteske durchgezogenen Übertreibung. Wenn das denn gelegentlich in Klamauk ausartet – sei‘s drum. Dann ist es eben Klamauk royale. Schliesslich steht ja auch auf den T-Shirts, die das Paar im Werbeblock bei der Zugabe feilbietet: „God save the queen – and fuck Brexit!“