Triumphales Konzert der Dorfcombo, Tollhaus, Karlsruhe, 31.1.2020

Alle sind von diesem Abend überwältigt, noch vorm ersten Ton. Die über 1200 Fans im ausverkauften Tollhaus sowieso, Tollhaus-Geschäftsführer Bernd Belschner würde am liebsten gleich den „ersten Sold Out Award 2020“ an die Band verleihen. Dort, wo sonst die internationale Musikwelt auftritt, steht an diesem Tag eine Truppe aus Rheinstetten, die sich nach ihrem offiziellen Ende 2005 Schritt für Schritt in die Öffentlichkeit zurückrockt.

Sänger und Bassist Ralf „Fummel“ Maurer, noch ein Überwältigter, hat sich vorgenommen, an diesem Abend nicht zu oft „geil“ zu sagen, was angesichts der verzückten Fans nur schiefgehen kann.

„Jetzt geht‘s los“ singen die schon, bevor die acht Mann auf der Bühne ihre musikalische Druckbetankung mit dem gleichnamigen Motto-Song ins Werk setzen. Druck macht die Band dank doppelter Gitarrenspitze (Peter „Straps“ Fitterer und Friedemann Winter) und dreiköpfigem Bläsersatz (Bernd Merz, Thomas und Matthias Paha), klingt es wie „seinerzeit“: Mit alles und scharf. Die Band hat nichts von ihrem ursprünglichen Stallgeruch verloren – sie klingt auch heute noch eher nach Bier und Bratwurst als nach Prosecco und Kanapees.

Nichts daran ist peinlich, genauso wenig wie die von Fummel als „ein bisschen pubertär“ angekündigte Brachialbalz-Hymne „Bettmann“, die so knackig auf den Punkt kommt wie früher. Wie überhaupt die ganze Band zusammenspielt, als sei sie ständig auf Tour, kleine Schludrigkeiten inbegriffen und auch irgendwie gewünscht. Denn Dorfcombo-Musik ist auch heute ein Gegenentwurf zur aalglatten Perfektion moderner Pop- und Rockmusik. Die neuen Stücke wie das fett rockende und tutende „Nein Brüllen“ hauen zudem in die gleiche Kerbe wie früher. Soll man sich jetzt darüber Gedanken machen, ob das aus der Zeit gefallen oder zeitlos ist? Gott bewahre!

Die wogende Masse feiert jedes Stück, als wäre es ein Top Ten Hit gewesen. Da mag die Dramaturgie des Konzerts noch so rätselhaft sein mit ihren ständigen Wechsel zwischen laut und heftig und dann wieder ganz kuschelig menschelnd. Da erinnert man sich schwelgend bei der Ballade, „Tulpen aus Amsterdam“ an die schüchterne Verliebtheit von damals. Romantisch verklärt und das noch mit einem eher nicht so schüchternen Gitarrensolo unterstrichen. Es sind diese Momente, in denen „damals“ der Saal mit einem Meer von Feuerzeugen erleuchtet worden wäre. Gerade wie beim „Autolied“, in dem Keyboarder Michael Winter von der Deutschen unverbrüchlicher Liebe zum fahrenden Untersatz singt. Da hätte es gereicht, er hätte den ersten Akkord gespielt, das Publikum hätte den Rest alleine erledigt.

„Das ganze Dorf tobt wie ein heißer Vulkan
Denn diese Show macht wirklich alle an.
Denn die Dorfcombo spielt heut Nacht“, heisst es gegen Ende, und es bewahrheitet sich wieder einmal das Verdikt, das dereinst von einem Kritiker ausging: dass nämlich die Dorfcombo zuvörderst, noch vor der Musik, ein Zustand sei. Der blödsinnige Glückseligkeit verheisst und diese Versprechung auch einlöst. Mittlerweile Generationen übergreifend.

 

Dazu gibt es auch schon einen wunderschönen Leserbrief – der gute Chancen hat, zum Leserbrief des Jahres gekürt zu werden!

Ich gebe zu, mein Artikel hat nicht gerade ein hohes Niveau, die Überschrift des Berichtes in den BNN leider auch nicht. Der Titel “Blödsinnige Glückseligkeit”, den der Redakteur Thomas Zimmer für seinen Bericht wählte, kann nur einem blödsinnigen Hirn entsprungen sein. Herr Zimmer beleidigt nicht nur die begeisterten Zuhörer samt Band, sondern missachtet auch so manchen feinsinnigen, brandaktuellen Text, den man bei vielen Megabands schmerzlich vermisst. Der Artikel vermittelt ansonsten ein gelungenes Stimmungsbild des Abends. Das Niveau des Schreibers tendiert aber dann wieder auf die “Bier und Bratwurst” Ebene der Fußballstadien. Ich selbst habe die Band zum dritten Mal gehört. Zwar mit leichtem Ohrensausen aber auch mit Gänsehaut. Und ein Glas Sekt statt Prosecco hat wunderbar zu dem Abend gepasst. Blöderweise schreibt man Prosecco mit cc und nicht mit oo, Herr Zimmer.