Eingestellt am 5.11.2026
Eigentlich passt alles: Die Seilschaft hat ihre Unplugged-Tour unter dem doppelbödigen und doppelsinnigen Titel „Gegen den Strom“ auf einer Live CD festgehalten. Aufgenommen an einem der wohl schönsten Orte für ein solches Konzert, dem traditionsreichen Steintor-Varieté in Halle. Aber was ist das? Die Seilschaft – reduziert auf akustische Instrumente? Kann das gutgehen? Fehlt da nicht was, etwa die elektrisierenden und krachenden Gitarrenriffs, die gelegentlich dampfende und aufbrausende Hammond Orgel? Dass gern auch mal messerscharfe Gebläse? Eigentlich nicht. „Gegen den Strom“ ist einfach anders, verschiebt die musikalische Farbpalette, legt mehr Wert auf die feinen Töne. Was auch deshalb funktioniert, weil ein Gutteil des musikalischen Materials schon in den elektrischen Vorlagen eine subkutane bis offensichtliche Folklore-Tönung hat, und sich damit zur Deindustrialisierung anbietet. Dass gute Songs sogar mit noch weniger Instrumentierung in „Lagerfeuerversionen“ funktionieren würden, ist immer schon mehr Weisheit als Binse.
Dass die Musiker:innen ein gutes Händchen dafür haben, dem Publikum aufmerksames Zuhören abzuringen, gehört eh zur DNA dieser ganz besonderen Band. Hier, in diesem fast schon intimen Rahmen, könnte man eine Stecknadel fallen hören. Die Musik, die sich zwischen Rock und Folk, zwischen kraftvollen Mutmacher-Nummern und verhaltener Melancholie bewegt, zündet auch in der akustischen Variante, zumal sie so die Aufmerksamkeit der Zuhörer noch mehr auf die Songtexte lenkt. Eine besondere Qualität dieser hoch emotionalen Musik ist, dass sie nie Gefahr läuft, in Kitsch abzugleiten. Christian Haase kann nichts für diese Stimme, die ihn quasi von Natur aus vor Gefühlsduselei bewahrt. Aber er weiß das, und weiß sie in jedem Moment richtig einzusetzen. Da ist kein falsches Pathos, das kippt nie in kalorienhaltige Hochdramatik. Die dezenten Arrangements tun ihr übriges. Mario Ferraro legt die Grundierung mit feinziseliertem Gitarrenspiel ohne Egomanie. Michael Nass beherrscht die Kunst, seine Keyboards so unaufdringlich klingen zu lassen, dass man sie erst bemerken würde, würden sie denn fehlen. Dann allerdings würden sie sehr fehlen. Andy Wieczorek setzt mit seinen diversen Blasinstrumenten die in diesem Kontext eher pastellfarbenen Tupfer und die Rhythmusabteilung Tina Powileit am Schlagzeug und Christoph Frenz (Bass) spielt zurückhaltend und baut doch ein allzeit präsentes stabiles Fundament. Dass Frenz auch mal auf seinem Bass rumturnt, sieht man zwar nicht, aber man ahnt und spürt es unterschwellig in den flotteren Nummern.
Dabei fügen sich Gundermann-Klassiker und Songs vom 2021 veröffentlichten Album „Dein Paket“ zu einer homogenen Einheit zusammen. Die Dramaturgie des Konzerts wirkt, als käme sie ganz aus sich heraus aus einem Wechselbad der Gefühle. Da ist zum Beispiel das neuere „Saltimbocca“ Diese Geschichte von einem einsamen Mann, der doch gern mal seine Kochkunst auf zwei statt nur einem Teller präsentieren möchte und dem man wünscht, dass doch mal jemand vorbeikäme und sich ein Pfund Kaffee oder ein paar Eier borgen möge. „Wenisgstens bis Morgen“ macht Tempo und animiert zu einem imaginären Tänzchen, bevor der Alltag wieder einkehrt – wovon auch der Text spricht: Ein Mutmacher gegen jede Form von Depression mit einer Portion Ironie. Da folgt dann auf das herbstverhangene „Rau weht der Abendwind“ die lebenspralle Sehnsucht nach betrunkenen Küssen in „Auf Dich und das Leben“. Und dann ist da noch „September“. Der Song, der vielleicht die Grundstimmung des Konzerts, des Albums auf den Punkt bringt: „September ist die vorletzte Chance, das Herz noch einmal blank zu ziehen. Bevor die Winde weh’n und der Blues kommt und die Eisblumen blüh’n“. Da nimmt die Band das Publikum mit offen Armen mit, in die man sich nur allzu gern fallen lässt. Ein Konzert, das Melancholie, Lebensfreude, Trauer und Spaß auf geradezu magische Weise zusammenbringt.
Das Album zeigt eine reife Band, die noch immer etwas zu sagen hat und dabei den Zeigefinger nur zum Bedienen der Instrumente erhebt. Das war es schon? Keine Kritikpunkte? Doch: Nach 51 Minuten ist alles vorbei, du erwachst wie aus einem Traum und denkst: Ein Doppelalbum wäre angemessener gewesen, um Raum zu schaffen für den ganzen Zauber eines solchen Abends. Nicht nur wegen der Musik. Man hätte gern auch zumindest eine der Geschichten gehört, die Christian Haase erzählt. Denn die Seilschaft ist auch eine Geschichten-Erzähler-Band par excellence. Aber sei’s drum: das wahre Erlebnis ist eben doch das Konzert – dort wo es passiert. Die Konserve ist eine schöne Erinnerung oder ein Appetithappen für das nächste Konzert.