Am 28.Februar 2020 erscheint Coat Of Arms. Es ist das erste Wishbone Ash-Studioalbum mit dem Gitarristen Mark Abrahams, der Muddy Manninen ersetzte. Das neue Album vereint die typischen Wishbone Ash-Markenzeichen vom melodischen Gitarrenchorus bis zum gepflegten Abrocken – und lässt viele Reminiszenzen an die Vergangenheit zu. Ich habe kurz vor Weihnachten – nicht nur darüber – mit Andy Powell ausführlich telefoniert.

Ich denke, diese kleinen musikalischen Referenzen kommen tatsächlich von Mark, unserem neuem Gitarristen. Es ist ja sein Debüt auf einem Studioalbum. Und er ist eben der Typ, der mit unserer Musik aufgewachsen ist, seit er neun Jahre alt war. Er ist sehr viel jünger als ich, und er liebt Wishbone Ash, von daher ist es nur folgerichtig, dass immer wieder Anklänge davon in seinem Spiel zu hören sind. Das ist ganz ähnlich, wie es bei mir lief, als ich anfing zu spielen. Bei mir war es zum Beispiel Peter Green, auf den ich mich bezog. Es geht auch nicht um Kopieren, Es ist eher so, dass man beim Hören denkt: Dieses Gefühl kenne ich, das hatte ich schon mal… Es ist diese Atmosphäre. Es ist aber wirklich einfach so entstanden, wir hatten nicht bewusst vor, eine Brücke zur Vergangenheit zu schlagen. Das würde auch nicht wirklich funktionieren…

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Was bringt Mark in die Band ein? Was ändert sein Spiel am Sound der Band, und umgekehrt: Wie beeinflusst der Sound der Band sein Spiel?

Es ist sein Ton. In erster Linie ist er ein Klang-Monster der bestmöglichen Art. Er hat sehr gute Ohren, gerade wenn es um authentische Sounds auf der Gitarre geht. Er könnte leichte den Fuddler geben, aber die Art, wie er die elektrische Gitarre angeht, ist eher Old School. Er ist ein richtiger Vintage-Fanatiker, was die Instrumente betrifft, was die richtigen Tonabnehmer betrifft. Alles, was wir damals gemacht haben, weil wir es zum ersten Mal gemacht haben – all das will er genau wissen. Und was das Songwriting betrifft, hört man die Einflüsse seiner Helden.

Es war aber auch eine Inspiration für mich, denn es war wie ein Blick in den Spiegel: ich sah die Musik, die wir ganz zu Anfang gemacht hatten. Es passiert mir ja sogar manchmal, dass ich beim Autofahren einen Song höre und denke: Oh, das klingt gut, könnte von mir sein. Und dann schaue ich nach, und merke: Oh, das ist Wishbone Ash… und ich habe es einfach vergessen. Wir haben ja so viele Alben produziert. Das dritte, was ich über ihn sagen Foto: kann: Auf der Bühne macht er mir jeden Abend Feuer unterm Hintern. Er ist jung, er ist ein kraftvoller Gitarrist, und das ist stimulierend für die Band. Auch im Studio war er sehr fokussiert. Als Muddy nach zwölf Jahren gegangen ist, brauchten wir einfach frisches Blut.

Als wir uns vor fünf Jahren in Köln getroffen haben, hast Du erzählt, dass Marks Vorgänger Muddy Manninen nicht so scharf aufs Tourleben war. „Das erste Mal, als er mit uns in Amerika unterwegs war, fing er nach einer Woche fing an zu klagen: Ich werde diese Tour nicht zu Ende spielen können. Mir tut das Kreuz weh“, so deine Worte damals….

Mark dagegen liebt es zu reisen. Muddy war da immer ein bisschen widerstrebend, das hat vielleicht auch ein bisschen was mit der finnischen Mentalität zu tun. Finnen können einfach manchmal etwas düsterer sein. Er war auch immer selbst sein größter Kritiker… Ich glaube, er war nie glücklicher, als wenn er Musik komponierte. Ich habe für ihn immer so eine Bild im Kopf als eine Art Professor. Wenn er nicht in einer Band wäre, wäre er sicher ein Professor für Rockmusik geworden. Er hat damals immer gerne dagesessen, eine Pfeife geraucht, Vinylalben aufgelegt, sie analysiert und dabei von vergangenen Zeiten geträumt. Mark ist schon eine andere Sorte Tier. Viel praktischer veranlagt, nach der Devise „Ich will Rock, und ich will mehr davon…“

Einiges auf dem aktuellen Album hat ein gewisses amerikanisches Flair, eine Art Relaxtheit, die seinerzeit auch das New England Album (1976) prägte, das ihr ja in den USA aufgenommen hattet. Kann dieses Gefühl auch etwas damit zu tun haben, dass Du schon seit Jahrzehnten in den USA lebst?

Das ist sicher nichts, was bewusst passiert. Ich sauge alles auf, was um mich herum passieret. Aber ich denke, viele der Akkordfolgen, die wir benutzen, sind sehr englisch. Nimm den Song „Floreana“ zum Beispiel. Das ist sehr europäisch, auch der Text. Das ist eine deutsche Geschichte. Aber natürlich spielt auch Amerika eine Rolle im Bandsound. Auch bei „Argus“ war das schon so. Die eine Seite war sehr englisch, die andere eher amerikanisch, weil wir damals gerade angefangen hatten, in den USA zu touren. Songs wie „Time Was“ und „Blowin‘ Free“ hatten schon so etwas sonniges, positives amerikanisches. Zumindest war das damals mein Gefühl von Amerika.

Dass „New England“ amerikanisch klingt, hast Du sehr genau beobachtet – aber das war nicht bewusst so geplant. Und heute ist es so, dass wir ein halbes Jahr unterwegs sind, und ich mich als Weltbürger. Deshalb kann ich auch schon die Idee des Brexit nicht ertragen. Ich mag dieses europäische Lebensgefühl, ich mag auch alles, was an Amerika gut ist. Ich finde, das gehört alles dazu, und ich fühle mich als Kommunikator….

Schlägt sich deine politische Haltung auch in der Kunst nieder? Ein Songtext wie „Empty Man“ bezieht sich ja eindeutig auf Donald Trump….

Genauso ist es. Ich bin ein sehr politischer Mensch. Ich bin doch wie alle anderen. Ich lese Zeitung, ich sehe fern, ich spüre, was in der Luft liegt. Und das wird ja wieder noch verstärkt durch die sozialen Medien. Alle wachen morgens auf, schalten ihr Smartphone an, und: Bämm! Da ist sie wieder, die Realität.

„We Stand As One“, der Opener des Album, hat alle Trademarks des Wishbone Ash-Sounds in fünf Minuten: Die Gitarrenlinien, die Melodie und eine Art…. Ich nenne das jetzt mal „disziplinierte Heavyness“

Das gefällt mir! „Disziplinierte Heavyness“. Das ist gut…

Ich weiss ja schon, dass ihr nicht am Reissbrett Songs entwerft, die einem bestimmten Schema entsprechen. Aber es ist doch nicht schlecht, wenn man immer einen Song pro Album hätte, der alle Markenzeichen der Band auf den Punkt bringt, oder?

Klar wäre das gut. Aber man plant das nicht. Als wir „We Stand As One“ fertig hatten, da merkten wir: schau an, das ist der, der genau das alles hat. Mark hatte diese kleine Gitarrenmelodie, ein ziemlich offensichtlicher Ohrwurm. Dann dieser heavy Chorus dahinter… und schon hat man ein typisches Wishbone Ash-Ding. Da war klar: Damit muss das Album anfangen, das kann an keiner anderen Stelle kommen.

Lass uns mal ein bisschen weiter zum Thema „Disziplin“ ausholen. Mein Eindruck ist immer, dass eure Musik, auch live, immer – auch an den aufregendsten Stellen – extrem diszipliniert gespielt wird. Es franst fast nie aus. Das ist anders als bei fast allen anderen Bands mit mehreren Gitarren. Das ist jetzt keine Frage, sondern eine Beobachtung. Ich kann es nicht genauer formulieren. Kannst Du etwas dazu sagen?

Hmmm. Wenn wir ein Trio wären, dann wäre es recht einfach für mich, etwas unbekümmerter, waghalsiger zu spielen. Das wäre dann auch richtig aufregend für vielleicht 15 Minuten. Aber unsere Musik braucht eine Form – und vor allem Dynamik, Ich bin der Meinung, dass etwas Aufregendes nur dann entsteht, wenn es mit Disziplin kontrastiert wird. Gerade wenn man zwei Gitarren hat, kann es ziemlich schmerzhaft für den Zuhörer werden, wenn man nicht genau auf die Sounds achtgibt, wenn man dem Publikum nicht ab und zu die Möglichkeit zum Durchatmen gibt, um dann mit explosiver Energie zurückzukommen. Das ist auch der eigentlich progressive Faktor der Wishbone Ash-Musik. Wir haben ja unsere Wurzeln schon im Blues und Folk, aber die Arrangements sind wohlüberlegt, daher die Disziplin. Das ist sicher nichts Schlechtes, man darf es nur nicht übertreiben. Es muss sich die Waage halten, und ich hoffe, das kriegen wir hin. Was die explosiven Anteile der Musik betrifft: als wir anfingen, haben wir viel gejammt. Schon, weil wir einfach nicht genug Songs hatten.

„Jail Bait“ oder „Where Were You Tomorrow?“ von „Pilgrimage“ sind klassische Beispiele dafür….

Ja, genau. Wir können so etwas, und wir sollten das im Auge behalten.

Dein Sohn Aynsley hat an diesem Album wieder mitgearbeitet. Als Texter, Arrangeur, Songschreiber. Wie funktioniert diese Vater-Sohn-Beziehung?

Zuallererst: Aynsley ist kreativ, er hat ein richtiggehendes künstlerisches Temperament. Ich liebe ihn, ich bin sehr stolz auf ihn und ich arbeite gern mit ihm zusammen. Das ist Familie! Er ist ein sehr betont unabhängiger Geist. Er war ein schwieriges Kind. Aber er ist – genauso wie Mark – eben mit dieser Musik aufgewachsen. Die war ständig um ihn herum bei uns zuhause. Und wie viele Kinder dieser Generation hat er sich irgendwann an meiner Plattensammlung bedient. Er hat sich alles rausgezogen, was ihn interessierte, er hat Schlagzeug spielen gelernt … und überhaupt die Musik kennengelernt. Also hat er in gewisser Weise die gleichen Einflüsse wie ich aufgesogen, plus den Einfluss meiner Band. Wir brauchen gar nicht darüber reden, er versteht das auch so. Genau wie Mark, manchmal sogar besser als ich. Ursprünglich war ja geplant, dass er mir bei einem Soloalbum hilft, das war vor drei Jahren. Wir fingen an, Demos zu machen. Aber es kam nie zu diesem Album., weil ich zuviel andere Arbeit mit Wishbone Ash hatte. Wir hatten „Empty Man“, „Deja Vu“ und noch ein paar Sachen als Demo aufgenommen. Aynsley hat mich schon ein bisschen vorangetrieben, mir einen kleinen Tritt in den Hintern verpasst. Ich könnte ja jetzt auch sagen: ich habe genug Alben aufgenommen, es reicht jetzt, aber dann sind da eben die Jungen. Neben Aynsley Mark, und mit Joe ist es genauso. Als Joe in die Band kam, brachte er auch diese jugendliche Energie mit. Diese Jungs sind hungrig! Und ich kann – wie ein Schauspieler – einfach mal wieder mein jüngeres Ich spielen. Es wird ja oft gesagt, dass das einer der größten Fehler ist, den alte Menschen machen können. Aber ich glaube schon, dass das in der Musik okay ist, bis zu einem gewissen Grad. Schliesslich weiss man ja, wie sich das alles anfühlte, als man jung war und wie und wann man das herauskitzeln kann. Ein Teil von Dir ist immer 20. Das lässt einen klarer erkennen, was getan werden muss. Und das Gute an dieser Band ist eben, dass sie sich dadurch ständig neu erfindet. So was kann man auch nicht alleine bewältigen. Weisst Du, wenn ich zuhause bin, kommen vielleicht mal ein paar Freunde vorbei und wir spielen Gitarre. Wenn ich alleine bin, dann stehe ich nicht jeden Morgen auf und nehme als erstes eine Gitarre in die Hand. Es ist einfach anders, als es mit 18 war.

Ihr habt ja bei den Tourneen eine Riesenauswahl von Songs, die Ihr spielen könnt. Und ausser „The King Will Come“ und noch zwei, drei Nummern von „Argus“ ist ja wohl nichts wirklich Pflicht. Gibt es Diskussionen über die Setlist in der Band? Nimmt man auf vermutete Publikumserwartungen Rücksicht?

Es spielt alles mit rein. Ein bisschen denkt man darüber nach, was das Publikum erwarten könnte. Natürlich wollen wir, dass das Publikum zufrieden ist. Dann sucht man nach ganz alten Songs, die uns auf der Bühne Spaß machen könnten – wenn man ihnen etwas Neues abgewinnen kann. Drittens denkt man über die Dramaturgie des ganzen Abends nach: ist das jetzt zu soft, oder zu aufregend, wird da zuviel improvisiert? Also: Es geht um den Flow der Setlist.

Gibt es Konzertklassiker, die weit nach den wirklich erfolgreichen Zeiten entstanden sind? Für mich wäre „Faith, Hope & Love“ so einer….

Ja, das ist großartig. Ich neige dazu, dir da Recht zu geben. Der Song wurde wirklich nicht allzu oft gespielt. Das ist eine Rockhymne, mit dem Zeug zum Klassiker.

… und der Text bedeutet ja jedem etwas, der mal eine Gitarre oder ein Schlagzeug angefasst hat, auch wenn er nie sein Geld damit verdient hat.

(lacht) Oh ja, das ist wahr. Der Aspekt ist da auch drin…. Zu den Konzertklassikern würde ich auch „Everybody Needs A Friend“ zählen. Der Text ist von Martin Turner. Wishbone Ash sind ja bekannt für Balladen, also sollten wir den auch mal wieder spielen.

A propos: Ich habe kürzlich Martin Turners Band gesehen, und das war viel besser als ich erwartet hatte, er hat jetzt richtig gute Leute in der Band…

Ja, er ist wirklich besser geworden in letzter Zeit… Ich habe den Eindruck, er betreibt das jetzt ein bisschen ernsthafter (lacht laut). Das war nicht immer immer so. Aber bei allem Respekt für seine Musiker – du wirst nie das Gefühl kriegen, das du von Andy Powell kriegst. Das mag jetzt sehr egozentrisch klingen, aber dieses spezielle Rock-Excitement, das ich darauf habe, das ist unter anderem das, weswegen die Leute kommen und was sie hören wollen.

Er spielte auf der Tour „New England“ und „Pilgrimage“. Wie findest Du die Idee solcher Shows? Du hast ja mal „Argus“ und mal das „Live-Dates“-Album komplett aufgeführt.

Dass Martin das gemacht hat, finde ich mutig. Er war ja damals die Stimme von Wishbone Ash. Ich bin da immer etwas unsicher. Wir haben kürzlich „The Pilgrim“ und einige andere Songs von „Pilgrimage“ gespielt. Mir ist es aber lieber, diese Songs in ein Set zu integrieren. Man opfert ein bisschen die wilde, die Rock‘n‘Roll-Seite, weil man sich zum Sklaven des Versuchs macht, ein Album eins zu eins aufleben zu lassen. Da könnte man auch dem Publikum sagen: Setzt euch ins Auto und hört euch das Album an. Ich bin nicht wirklich ein Freund davon. „Argus“ funktioniert ganz gut, damit kann man das machen. Ich habe mir kürzlich Steve Hackett angeschaut. Ich mag die Genesis-Sachen, nicht alles, aber das meiste. Im ersten Teil der Show spielte er „Selling England By The Pound“. Okay, aber für mich sind das zwei Paar Stiefel, ob man sich ein Album von vorne bis hinten anhört oder ob man eine Setlist für einen Gig zusammenstellt. Ein Live-Set hat den gleichen Stellenwert wie ein Album, auf seine eigene Art.

Es spricht wohl auch dagegen, dass praktisch keine Band ihre Alben eins zu eins auf der Bühne gespielt hat, wenn sie gerade neu veröffentlicht waren.

Ja, natürlich haben wir das nie gemacht, das hätten wir uns nicht getraut. Das hätte uns den Todesstoß versetzt.

Trotzdem: Wenn Du mich fragen würdest, würde ich Dir „There‘s The Rub“ empfehlen….

Okay, ich denke drüber nach. (kichert leise in sich hinein).

Nein, war nur so eine Idee.

Ich mag das Feedback, und die Tatsache, dass unsere Musik da draussen was bewirkt. Auch, dass Biff Byford von Saxon kürzlich „Throw Down The Sword“ aufgenommen hat. Das gefällt mir.

Da muss ich Dir noch die Story erzählen, die ich Dir möglicherweise schon mal vor fünf Jahren in Köln erzählt hatte. Das war, als „Throw Down The Sword“ ganz frisch war. Wir waren 16, und hatten Religionsunterricht. Und plötzlich fing die ganze Klasse an, wie auf Verabredung dieses Thema zu summen. Lauter und immer lauter. Bis die Lehrerin in Tränen aufgelöst rausrannte…

Oooh…. Kinder können so grausam sein. Na ja, das kann schon furchterregend sein…. Aber es ist eine großartige Story!