Eingestellt am 4.10.2026
Erstmals erschienen im ROCKS-Magazin 2017
Grobschnitt waren ein absolutes Unikat der deutsche Rockszene. Zwischen 1971 und 1989 gab die Band aus Hagen rund 1300 Konzerte und erspielte sich mit ihrer Mischung aus extrem vielseitiger Musik, Theater und schierem Blödsinn eine riesige Fangemeinde. Ein Höhepunkt ihrer Karriere war der Rockpalast Auftritt 1978, der jetzt optimal restauriert in Bild und Ton in einer aufwändigen Box veröffentlicht wurde.
Dass sie von ihren Fans noch immer kultisch verehrt werden, spüren die Musiker schon 2015, als ihr komplettes Oeuvre in einer 17 CDs umfassenden Box auf den Markt kommt und unmittelbar in die Top 25 der deutschen LP Charts einsteigt. »Wir waren völlig baff. Das war überhaupt zum ersten Mal, dass die Band in den Charts war, und das mit einer Box, die im Laden 165 Euro kostet«, wundert sich Gitarrist Gerd Kühn-Scholz alias Lupo noch heute. Die Presse ist irritiert: »Ende Mai rauschte ein Ufo in die deutschen Charts« steht im SPIEGEL zu lesen, und der FOCUS schreibt über seine Geschichte »Grobschnitt – Diese Kult-Band kennt niemand«. »Obwohl wir noch leben, sind wir Feuilleton-Thema. Das bist du ja eigentlich erst, wenn du tot bist«, amüsiert sich Lupo.
Die Geschichte von Grobschnitt ist eine Geschichte aus einer Zeit, »als die Leute noch zu Konzerten gingen, um Abenteuer zu erleben.« Einer Zeit, die sich anders anfühlte, »damals, als man noch keine Absperrgitter brauchte, und Jede und Jeder nach dem Auftritt am Bühnenrand willkommen war«. So hat es der Journalist und Radiomoderator Winfrid Trenkler formuliert. Grobschnitt war eine Band des Volkes, nicht der Feuilletonisten. 1974/1975 beginnt die Zeit der großen Tourneen, wobei Lupo Konzerte unter der Prämisse bucht: In der Provinz eine Fan-Base aufbauen, dann die Metropolen erobern. Das legendäre Begrüßungslied »Es spiel’n für euch heut die tollen Sechs aus Hagen, dem Tor zum Sauerland« klingt wie der trotzige Gegenentwurf zur großen weiten Welt der Hippen und Schönen. Anfangs stellen sich die noch unbekannten Musiker auch schon mal inkognito neben die Kasse, um zu hören, was die Fans denn so über die Kapelle erzählen. Die spielt sich auf die harte Tour nach oben.

Grobschnitt bei der Tour 2008 in der Festhalle Karlsruhe-Durlach

Der Autor mit Lupo nach einem Konzert im Mai 2026 in Karlsruhe.
Vor allem in Norden und Westen der Bundesrepublik erarbeitet sie sich ihren Ruf als Ausnahmeerscheinung mit irren Kostümen, ausgefeilter Musik und bis zu vier Stunden langen Shows: Ihre Tourneen organisieren sie streckenweise wie Betriebsausflüge mit landeskundlichen Exkursionen »Lupo hatte mal eine Pension in Strümpfelbach bei Stuttgart gebucht. Mit einer unglaublichen Wirtin, die uns wie eine Mutter behandelt hat. Die hatte in ihrem Garten einen Apfelbaum, ich denke heute noch an dieses Äpfel. Ich wäre ohne Grobschnitt nie nach Strümpfelbach gekommen« erinnert sich Schlagzeuger Joachim Heinz Ehrig alias Eroc. »Während wir in der Provinz Basisarbeit geleistet haben, wurden andere Bands, die vielleicht bessere Drähte zu Kritikern gehabt haben, in den Himmel gelobt«. Die englische Musikpresse, die in Can, Amon Düül und Kraftwerk die deutsche Musik repräsentiert sieht, ignoriert die Hagener. Die sich nach dem Ende ihrer Mammutkonzerte an den Bühnenrand setzen und mit ihren Fans reden. Falls noch eine Kneipe oder Disco bis vier Uhr morgens geöffnet hat, geht die Party dort mitunter weiter. »Fans, Musiker, Veranstalter, Roadies, das war alles eine große Familie. Das klingt wie aus dem Märchenbuch, war aber wirklich so«, sagt Lupo. »Vierzig Konzerte haben wir allein im besten Club der Welt, dem Quartier Latin in Berlin gespielt.«
Winfrid Trenkler spielt in seiner Sendung „Radiothek“ im WDR 1974 das 33 minütige Stück ›Sun Trip‹, und bekommt dafür riesigen Zuspruch der Hörer. Daraus wird später ›Solar Music‹ das zentrale Opus der Band, das bei jedem Konzert im Programm ist und manchmal eine Stunde lang mäandert. Beim Rockpalast Auftritt am 8. Dezember 1978 in der Dortmunder Westfalenhalle ist es das dritte und letzte Stück, 54 Minuten 32 Sekunden lang. Die Geschichte dieses Opus Magnum beginnt 1968 in der Schülerband The Crew, als der damals 19-jährige Lupo beim Improvisieren ein Thema in D-Moll spielt, das zum Fundament dieser Klangkathedrale wird, die immer wieder neue Metamorphosen erleben wird. »Es gab festgelegte Themen, und dann viele Freiräume« erklärt Eroc das Prinzip. Mal beschließt Keyboarder Mist (alias Volker Kahrs) verschärften Mellotroneinsatz, mal hat Lupo ein neues Echogerät, das die Kreativität beflügelt. »So entstanden neue Muster – und je nachdem, wie gut die sich ausarbeiten ließen – wurden die am nächsten Abend wieder ausprobiert. Das war kein Streben nach der perfekten Version. Diese Experimentierfelder waren der eigentliche Spaß, auf den man sich den ganzen Abend freute. Wir konnten alles spielen, was wir wollten, weil wir eine unglaubliche Routine hatten. Und weil wir uns kannten und einander zuhörten.«
›Solar Music‹ ist wie ein Trip, und darum haben auch viele Fans der Band nicht geglaubt, dass die Musiker auf der Bühne ohne bewusstseinserweiternde Substanzen agieren. »Bis heute!«, schmunzelt Lupo. » Das Gegenteil ist der Fall, zumal uns die langen Konzerte alles abverlangt haben. Die Stücke von unserem Rockpommel’s Land Album und auch Solar Music haben durchaus symphonischen Charakter mit zum Teil genau festgelegten Partituren. Da heißt es voll konzentriert sein und die richtigen Töne treffen. Wenn wir den ersten Ton von Solar Music gespielt haben, kam Nebel von der Bühne, und aus der Halle kam ein Nebel zurück, der ganz anders roch. Und da dachtest du: hoffentlich kommt nicht zuviel bei uns an…« Die Band trinkt unterdessen auf der Bühne Fachinger Mineralwasser mit möglichst wenig Kohlensäure.
Conny Plank spielt für eine Zeit eine wichtige Rolle in der Grobschnitt-Geschichte. Als Toningenieur zunächst, später wächst er in die Rolle des Produzenten hinein. Aber nie in die Rolle dessen, der »seine Schäflein anweist, was sie zu spielen und zu singen haben, sondern in die Rolle des väterlichen Freundes, der die technische Seite etwas besser kennt«, erklärt Eroc. Plank nennt Grobschnitt sein Kurorchester, »weil wir immer so melodiöse und lange Songs gespielt haben, und er hat durch unsere eigenartige Musik gelernt, wie ein Kurorchester ins Studio kommt und von Null auf Hundert beim ersten Mal ›Vater Schmidt’s Wandertag‹ einfach spielt und es ist fertig.«
Mit dem Song beginnt auch das 78er-Rockpalast-Konzert. Er ist ein klassisches Beispiel für den typischen Grobschnitt Humor, gemischt mit ganz subtilen kritischen Untertönen. ›Und so rattern sie auf Rollband 14 West (halt Dich fest), durch einen immergrünen Kunststoffwald (etwas kalt!), Automaten dispergieren ihren Tannenduft (tolle Luft!), untermalt von elektronischer Musik (hach, wie schick)‹ singt Sänger und Gitarrist Willi Wildschwein. Dispergieren? Wie bitte? Eroc lacht laut und ein wenig empört: »Entschuldige bitte! Ich bin gelernter Chemiker! Dispergieren ist eine feine Verteilung von Stoffen in anderen Stoffen. Als ich den Text geschrieben habe, hat mich meine Vergangenheit eingeholt. Dieses technische Wort passte auch zu dieser fiktiven Waldwanderung. Wir haben später bei Conny Plank im Studio auch oft dispergiert. Dabei bestand die Kunst darin, sich inmitten eines Luftsprungs von lästigen Darmwinden zu befreien!«
Einmal geht Plank die Grobschnitt-spezifische Texterei doch zu weit, erinnert sich Lupo: »Wir hatten eine Zeile: ‚Wisch‘ fort den Schleim, er macht Dich blind‘. Conny hörte das, stand auf und tobte: Das nehme ich nicht auf! So einen Scheiß kann man doch nicht singen! Er lief raus und rauchte sich erstmal ’ne Rote Hand. Dann kam er wieder rein und meinte: Des kannsch net mache, wer soll denn des kaufe….«
Grobschnitt-Humor findet seinen Ausdruck auch in vielen Verkleidungen auf der Bühne, in schrägen Tonbandeinspielungen oder nachgerade dadaistischen Ansagen, aber auch in ganzen Show-Teilen, wie etwa den Vorgängen in der Praxis des durchgeknallten Zahnarztes Dr. Salzmann. Manches entsteht spontan, manches entwickelt sich aus spontanen Ideen zu festen Ritualen. »Der Spaß entstand in der Band. Wir waren eine wilde Horde westfälischer Söldner-Musikanten, die ihren Spaß hatten, wenn wir zusammen im Auto durch eine fremde Stadt gefahren sind. Oder in eine Halle gekommen sind, wo der Hausmeister meinte, er wäre der Chef im Ring. « Die Zahnarzt-Show auf der Illegal-Tour 1981 fällt Lichtmann Toni Moff Mollo und Eroc an einem Strand in Dänemark ein. »Toni erzählte mir: Der Salzmann ist mein Zahnarzt. Dem hat meine Mutter mal eine geklebt, weil er mir einen Milchzahn mit dem Finger gezogen hat. Schon war ein verrückter Zahnarzt namens Dr. Salzmann geboren.« Bei Festivals sind Musikerkollegen der anderen auftretenden Bands oft höchst verwundert, wenn die Herren von Grobschnitt ihre vielen Requisitenkisten in die Garderobe schleppen oder gar einige Feuerwerkskörper testen.
Als 1978 die Einladung zum Rockpalast kommt, diskutieren sie lange, ob man da überhaupt auftreten soll. Grobschnitt benutzt eine eigene P.A. Anlage, das Glockenklang-Soundsystem, das speziell für die Band gebaut wurde – nicht unähnlich der P.A., mit der Grateful Dead damals touren. Der Rockpalast ist eine öffentlich rechtliche Institution mit eigenen Regeln und eigener Ton- und Lichttechnik. Und schließlich ist da noch die vertraglich festgelegte Spielzeit von nur einer Stunde. »Wir haben schließlich entschieden, dass letzendlich das Publikum entscheidet, wie lange du spielen darfst und beschlossen, wir lassen es drauf ankommen«, sagt Eroc. Nach zwei Stücken, ›Vater Schmidts Wandertag‹ und ›Come On People‹ ist fast die Hälfte der Spielzeit durch, als sie ›Solar Music‹ als letztes Stück ankündigen. Rockpalast-Redakteur Peter Rüchel, der die Band schon live gesehen hat, ahnt vielleicht, dass die Zeitvorgabe nicht einzuhalten ist, mutmaßt Eroc: »Er hätte wissen können, wie lange das dauert. Aber er hatte es wohl vergessen. Sie hätten also nur die Möglichkeit gehabt, uns den Strom abzudrehen. Aber das hätte mit Sicherheit für Tumulte in der Halle gesorgt und deshalb haben sie die MAZ weiterlaufen lassen.«
Zum Glück für die Fans, die den 85 Minuten langen Auftritt noch heute als Höhepunkt der Bandkarriere feiern. Besonders jetzt, da dieses Fernsehdokument in Form der opulenten Box Solar Movie endlich in hervorragender Qualität vorliegt, dürfte bei ihnen die Begehrlichkeit nach einer Live-Reunion erneut angestachelt worden sein. Lupo äußert sich vorsichtig – mit der Antwort, die er schon 1990, nach dem offiziellen Band-Ende einer Reporterin der Westfalenpost gab auf die Frage, was denn nun mit Grobschnitt werde: »Wir fliegen jetzt ins Universum und manchmal gibt das Universum wieder etwas frei.« »Da müssten wir noch mal jung und voll eingespielt sein. Wenn ich heute mit 65 höre, was ich mit 25 am Schlagzeug gemacht habe, ist es ziemlich dumm, zu erwarten, dass ich das heute noch kann«, meint Eroc. Zudem leben zwei Bandmitglieder der 1978er Besetzung nicht mehr: Bassist Wolfgang Jäger (alias Hunter) ist 2007 gestorben, Keyboarder Volker Kahrs (Mist) im Jahr danach. »Wir wollen mit diesen Wiederveröffentlichungs-Projekten den Leuten etwas geben, womit sie ihre Erinnerungen wiederfinden können. Daran sollen sie sich jetzt erfreuen.« Das Schlusswort hat Lupo: »Was in Zukunft passiert, steht in den Sternen. Vielleicht fliegt ja dann auch noch ’ne Band aus dem Himmel zurück. Solche Geschichten passieren einfach und sind nicht planbar. Aber ich würde jedenfalls gerne noch mal ein neues Grobschnitt-Album veröffentlichen.« Konkret gibt es derzeit allerdings nur einen Plan: Die Wiederveröffentlichung aller Alben auf Vinyl und diverser DVD Livemitschnitte.