Anna Mateur, Tollhaus, Karlsruhe, 8.3.2020

Wer sie zum ersten Mal erlebt, kriegt vielleicht eine Schreck: Sie kommt auf die Bühne als gewichtige Langeweile. „Schon wieder Karlsruhe“. Sie seufzt und ächzt, beiläufig erwähnt sie „ein Corona-Toter in Deutschland, wir spielen heute nur zu zweit“.

Und schon taucht die Dresdnerin in eine geradezu apokalyptische Stimmung. Man hört unterschwellig das fiese Raunen neurechter Diskurse, während sie stimmlich und gestikulierend eskaliert. Im Theater will sie etwas sehen, was sie versteht, im Museum etwas auf dem Bild erkennen, „zum Beispiel einen Hirsch“.

Mateur singt mit dieser rauchigen, eher tiefen Stimme, die jederzeit ins Irrsinnige kippen kann. Ganz entfernt verwandt mit Nina Hagen, aber nicht so nervenzerfetzend. Dafür geht sie inhaltlich und darstellerisch an die Grenzen, gerne auch ohne Musik. Eine skurrile Ansprache an die „Kamerrrraden“: Statt Hitler jetzt eben Hilter, so wollen es die Kameraden, statt Entartung Renate. Es steigert sich in einen Wortschwall, der an Charlie Chaplins „Großen Diktator“ erinnert. Das ist noch steigerungsfähig, wenn verstellte Stimmen Pflegeroboter in einem Altenheim spielen.

Fast möchte man die abgegriffene Plattitüde vom „Lachen, das im Hals stecken bleibt“ anwenden, aber nein: Das Lachen muss raus, gleichwohl ist das, was die Künstlerin aufführt, eine in Teilen höchst absurde, in Teilen sehr konkrete Collage des Unwohlseins angesichts gesellschaftlicher Verwerfungen.

Da ist immer wieder dieser hinterhältige Schrecken, den man minutenlang ahnt, bevor er offenbar wird. Der sich offenbart in einer feierlichen Ansprache des Typs: „Gemeinde hat endlich ein tolles Bauprojekt fertiggestellt, das uns alle retten wird“, inklusive dem üblichen Honoratioren-Hype. Man ahnt, was kommt: Es handelt sich um einen Swingerclub, für dessen zuckersüsse musikalische Lobpreisung Anna Mateur sich mal eben schnell in eine maskierte Domina verwandelt. „Alles sauber und maskiert, es wird im Takt penetriert“ ist garantiert kein Radiohit.

Nicht zu unterschätzen ist die Rolle ihres Gitarristen Tim Efert. Der versierte Jazz-Musiker liefert seine Kunst mit der stoischsten Mine ab, die sich nur denken lässt. Umso amüsanter, verstörender und erheiternder wirken daneben die Eruptionen und Eskalationen der Sängerin. Nachdem Efert mit einem eigenen, kunstvoll verschlungenen Instrumental mit dem schönen Titel „Teerpappe in Klinkeroptik“ brilliert hat, tritt die Mateur als Zirkuskünstlerin mit einer Nummer auf, die mit „Ekstase in Hoola-Hoop-Reifen beschrieben werden könnte“. Es ist lustig, einerseits. Wäre da nicht die Anspielung auf die DDR-Sportschule: „Mir wurde das Rückgrat gebrochen, damit ich besser schwingen kann.“

Wirklich nur amüsant ohne dystopische Anmutung ist der Blick in die Karten, zu der sie gegen Ende per Papierflieger-Entscheid eine Zuschauerin auf die Bühne bittet. Das vertreibt alle vorherigen Schatten. Bis sie dann als letzte Zugabe Joachim Witts „Der goldene Reiter“ singt. Da ist es wieder, dieses Frösteln.