Mitch Ryder & Engerling, Karlsruhe, Tollhaus, 6.3.2020

Mitch Ryder ist wieder da, wo er vor fast auf den Tag genau vor vier Jahren eine orgiastisches Konzert gefeiert hat. Da schlurft er auf die Bühne und wirkt gerade so, als müsse man ihm beim blossen Herumstehen helfen. Als wäre er nicht gerade erst 75 geworden, sondern mindestens doppelt so alt. Oder ist es etwas anderes?

Irgendwann murmelt er keckernd: „They let me out of the insane asylum“. Ganz in schwarz, mit tief ins Gesicht gezogenem Hut schleicht er sich ans Mikrofon und beginnt zu singen. Vielleicht kokettiert er auch nur mit seinem Alter, die Stimme jedenfalls ist präsent wie eh und je. Zu Beginn vielleicht noch etwas unsicher, dann aber zunehmend intensiver, lauter, manchmal auch wütend. Er röchelt, schreit, und singt auch „schön“ im unnachahmlichen Ryder-Stil, der die ganze Last und das ganze Elend mitnimmt, aber auch jederzeit subtilen Humor mitschwingen lässt.

 

Schon mit dem saftig matschenden Eröffnungs-Rocker „The Thrill Of It All“ ist klar, dass des Meisters Magie sich auf seine schlagkräftige Band Engerling verlassen kann – dereinst die beste Blues-Rock-Truppe der DDR. Deren beides Gitarristen Heiner Witte und (der Dauergast) Gisbert Piatkowski ein so ausgeprägt stilsicheres Gefühl für die richtigen Sounds an der richtigen Stelle, für den ausgeklügelten Doppelgitarren-Wahnsinn und bei Bedarf für die vornehme Zurückhaltung haben, dass man immer wieder von Gänsehaut befallen wird.

Ryder straft mit seinem „Ain‘t Nobody White Can Sing The Blues“ den Titel Lügen, verweist mit dem Stones-Cover „Heart Of Stone“ das Original in die Regionalliga, versetzt mit dem stoisch auf ewiger Wiederholung eines Licks beharrenden „One Hair From Desaster“ versetzt das Publikum in einen Zustand sanfter Hypnose. „The Promise“ nähert sich dem Motown-Sound der 70er Jahre, und dazu schlägt der Zeremonienmeister sehr versonnen und sehr vorsichtig ein sehr kleines Tamburin. Es sieht aus, als streichle er mit großer Zuneigung ein winziges Tier, vielleicht eine kleine Stadtmaus?

Und dann ist da wieder der Ryder, der seinen Hut zieht vor Kollegen wie dem 2003 verstorbenen Robert Palmer. „Der trug Anzüge, liebte die Frauen und starb in Paris, dort wo

wir alle hingehen, um in einer Badewanne zu sterben“, kommentiert Ryder, um anschliessend eine höchst lebendige, knochentrockene Bearbeitung von Palmers „Simply Irrestistible“ dröhnen zu lassen. Noch heftiger gerät „Betty‘s Too Tight“, das das akustische Ebenbild eines sehr gut belegten Schwartenmagenbrötchen mit extrascharfem Senf ist, den das nun vollkommen entgrenzte Gitarrenduo beifügt, während Ryder von der Jugendliebe singt, die sich leider als Kerl herausstellte. „Nachdem ich nun die Transgender-Bewegung beleidigt habe, werde ich ein sexistisches Lied singen“. Der Mann nimmt einfach nichts ernst. Schliesslich rät er seinen Fans zum Abschied noch: „Don‘t drink Corona beer.“

Die Zugabe fasst – wie vor vier Jahren – noch einmal die ganze Magie des Abends zusammen: Den Blues, den Humor, das Mysteriöse, das schamanenhafte und als Signalflagge für all das die alleinseligmachende Kraft der Gitarren, auf deren Schockwellen thronend Ryder sich im Doors-Cover „Soul Kitchen“ Jim Morrison anverwandelt. Möge er noch lange Abstand zu Pariser Badewannen halten.