Eingesteltt am 7.10.2026.

Ein paar kurze Schlaglichter auf den 7. Oktober. Drei Jahre ist der 7. Oktober 2023 her. Der Tag, an dem die islamistische Terrororganisation Hamas „versucht hat, das ganze israelische Volk und mit ihm alle Juden zu vernichten, und sich für den Anfang mit zwölfhundert ihrer verstümmelten, verbrannten, geschändeten Leichen zufriedengeben musste“. So schreibt Maxim Biller gleich zu Beginn seines neuen Romans „Schwarze Samstage“. Und was lesen wir heute auf der FB-Seite der Sendung ttt? Achtung, anschnallen: „Am 7. Oktober 2023 überfiel die Hamas Israel. Rund 1.200 Menschen wurden getötet, 251 als Geiseln nach Gaza verschleppt – der blutigste Tag für Jüd:innen seit dem Holocaust. Die Reaktion Israels, der Krieg in Gaza, forderte laut UN bis heute über 74.000 Tote. 2,1 Millionen Menschen in Gaza sind vertrieben, weite Teile des Gebiets sind zerstört.“ Ja, Sie haben richtig gelesen. Vornehm gesagt, nennt man so etwas Äquidistanz.Es ist einfach – auch wieder vornehm gesagt – pietätlos, geschichtsvergessen und widerlich. Aber leider auch ein Beispiel für die Schräglage mancher „Medienschaffender“. Ach, es gibt eine bestimmte Kulturszene, die an Eintrübung der Wahrnehmung beim Thema Israel so sehr leidet, wie bei keinem anderen Thema. Zum Beispiel hier: „NAZA, der Dokumentarfilm, der nicht nur phonetisch Nazis und Gaza verbindet, schaut radikal nur in eine Richtung und wird dafür gefeiert“, schreibt die Journalistin Esther Schapira. Für dieses Machwerk gab es dann 25 Minuten Standing Ovations einer mitleidlosen Schickeria. Bei Champagner und Häppchen.

Und draussen in der Welt sonst so? Ein sehr weisser Rapper namens Macklemore zieht über die Konzertbühnen der Welt und verkleidet sich dabei mit künstlicher Hakennase, einem Bart und einem Melonenhut als üble Karikatur eines Juden, die er aus dem „Stürmer“ oder dem „Völkischen Beobachter“ abgeguckt haben könnte. Er hüllt sich bei seinen Auftritten gerne auch mal in eine Regenbogenflagge und spendet für „Palästina“. Also für die Hamas. Wobei er – gehüllt in diese Flagge – in Gaza nach zehn Minuten ein toter Mann wäre. Seine Palliwood-Show zog er bereits imVorprogramm von Ed Sheeran ab. Immerhin reagierte die jüdische Sängern Pink mit einem klaren Stinkefinger auf den Hassprediger. „Schrecklich, jüdische Fans kauften Tickets, um letzte Nacht Ed Sheeran zu hören, nicht um von Macklemores Anti-Israel-Propaganda überfallen zu werden. Stattdessen kam Macklemore mit Kufiya auf die Bühne, rief ‚Free Palestine!‘, warf Israel fälschlicherweise einen Genozid vor und machte einen Mainstream-Event zu einem politischen Albtraum gegen den jüdischen Staat.“ Macklemore hat inzwischen zur Belohnung für seine Hass-Propaganda seine Shows in Riesenarenen in Paris und London innerhalb von Minuten ausverkauft. Hat Roger Waters eigentlich schon ein Lied zusammen mit ihm geträllert, denke ich da unwillkürlich. Wäre doch eine Idee. The Jew Haters All Star Band. Den Namen spendiere ich kostenlos. Ah, ich sehe gerade: Die Macklemore-Show in Dublin ist auch ausverkauft. Gut, das wundert mich nicht in einem Land, in dem Du schon mal Lobreden auf den Führer zu hören bekommst, sobald Du dich als Deutscher outest. Dazu passt auch die irische Fussball-Nationalmannschaft. Die verhöhnt mit ihrem Verhalten die Opfer des Hamas-Terrors und die deutsche Social-Media-Antisemiten-Trollarmee klatscht seit Tagen begeistert Beifall.
Irgendwo in Dunkeldeutschland lehnen CDU und AfD gemeinsam die Verlegung von Stolpersteinen ab. Aber als Ausgleich gibt es ja „Juden in der AfD“. Das muss doch reichen, um diese ach so normale Partei vom Vorwurf des Antisemitismus freizusprechen. Dann ist doch alles okay, oder? Der Kanzler schweigt zudem dazu, dass offensichtlich CDU-Abgeordnete der AfD zu einem Landtagspräsidenten verholfen haben. Aber klar, und noch einmal, Herrgottsack: Antisemiten gibt es doch nur bei den Linken? Darauf hatten wir uns doch geeinigt!

A propos Linke: die Linke im Deutschen Bundestag schreibt am Jahrestag der Hamas-Massakers »Der 7. Oktober ist ein Tag der Trauer«, nur um zu ergänzen: »Was in Gaza passiert, ist ein Völkermord«. Die Grünen Großbritanniens stimmten unmittelbar vor dem 7. Oktober auf dem Parteitag für einen Antrag, der Zionismus offiziell als eine Spielart des Rassismus bezeichnet. Und ich kenne Menschen, die verdursten lieber, als den hervorragenden Rotwein von der Golan Heights Winery zu trinken. Man trinkt doch keine israelischen Wein. Schon gar nicht von einem Weingut, dessen halbe Belegschaft in Gaza gegen Terroristen kämpft, während der Rest sich um die Qualität des Weins kümmert. Gott bewahre! Hätte ich ihnen das noch gesagt, sie wären vollends durchgedreht. Ach, und Amnesty International hat doch einen „Genozid“ im Gaza-Streifen errechnet. Wegen dieser „israelkritischen“ Haltung habe ich schon vor 20 Jahren meine Fördermitgliedschaft für den Verein eingestellt. Für das Geld kaufe ich lieber noch mehr Wein von den Golan-Höhen. Oder spende an die Amadeo Antonio Stiftung. Die konsequent linken wie rechten Antisemitismus bekämpft. Vielleicht spende ich wieder für Amnesty, wenn sie auf Bielefeld-Kritik oder Insekten-Bekämpfung umsatteln.

Vor ein paar Wochen spielte ich mit dem Gedanken, die Jüdische Allgemeine zu abonnieren, die hier am Bahnhofskiosk nur zwischen so unappetitlichen angebräunten Druckerzeugnissen wie Compact oder Tichys Einblick feilgeboten wird. Ich erzählte einer jüdischen Freundin davon, und sie riet mir dringend, die Variante im undurchsichtigen Schutzumschlag zu wählen. Das gibt es wirklich und das lässt tief blicken. Denn, so meinte sie, wenn ich mich als Abonnent dieser Zeitung kenntlich mache, brächte ich mich in Gefahr. Erschreckend. Eine andere jüdische Freundin hat mir erzählt, sie sie kürzlich aus der Linkspartei ausgetreten. Aus den selben Gründen wie schon Klaus Lederer und andre respektable Linke zuvor. Grüne und SPD in Berlin haben sich immer noch nicht entschieden, ob sie nun mit einem Landesverband der Linkspartei kooperieren wollen, der gesichert geruchsintensive Spuren von Antisemitismus aufweist. Ich habe indes mal den Berliner Appell von Peter Altmeier, Joschka Fischer und Wolfgang Thierse unterschrieben, der vor einer solchen Koalition warnt. Wohl wissend, dass mit der Berliner CDU wenig Staat zu machen ist. Und auch durchaus im Bewusstsein, dass ich in Baden-Württemberg ein stabiler Grünen-Wähler bin und bleibe.

Ob es hilft? Nicht hilfreich, aber sehr lehrreich ist die Lektüre von Maxim Billers eingangs zitiertem neuem Roman „Schwarze Samstage“, der eigentlich kein Roman ist. Sondern eine flammende – aber auch etwas resignierte – Anklage gegen alle als „Israelkritiker“ schlecht getarnten Antisemiten. „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!‘“ sagte der einst der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix, Jahrzehnte vor dem Hamas-Massaker. Wie recht er doch hatte. Dabei ist es vollkommen egal, was Israel tut oder lässt, was Juden tun oder lassen. Das Gerücht über Juden funktioniert immer noch. Sie werden einfach gehasst. Die Journalistin Esther Schapira schreibt dieser Tage in der Jüdischen Allgemeinen über das „gefräßige Ungeheuer Judenhass“ : „Das gefräßige Ungeheuer fragt nicht, wer welche Petition unterzeichnet oder wer auf welcher Demo war. Viele der Opfer des 7. Oktober haben sich für ihre palästinensischen Nachbarn engagiert. Für ihre Mörder spielte das keine Rolle, denn Juden werden nicht gehasst, für das, was sie denken oder tun, sondern für das, was sie sind. Israel wird nicht bekämpft wegen seiner Politik oder seiner Grenzen, sondern wegen seiner schieren Existenz. »From the river to the sea« – die »Freiheit Palästinas« meint die Auslöschung des jüdischen Staates“.

In Woody Allens legendärem Film „Manhattan“ sieht man einen Party-Dialog zweier New Yorker Intellektueller. Sagt der eine: „Du, ich habe einen Aufsatz gegen den Antisemitismus geschrieben“. Worauf der Andere eher beiläufig antwortet: „So? Wie schön! Ich bevorzuge Baseballschläger.“ Der Film wird bestimmt demnächst verboten. Zumindest in New York, der jüdischsten aller Millionenstädte mit dem „israelkritischsten“ aller Bürgermeister. Wundern würde es mich nicht. Mich wundert bald überhaupt nichts mehr. Ich gucke jetzt mal „Fauda“ weiter und trinke eine guten Roten vom Golan. Das hilft für zwei, drei Stunden. Wenn man danach ein paar Tage das Internet abschaltet, die Zeitung vorm Lesen in den Müll befördert und den Fernseher in den Gerümpel-Keller verbannt, vielleicht auch länger.