Paranoider Pointenjäger

Michael Mittermeiergastierte in der Stadthalle, Karlsruhe, 26.2.2005

Die Intromusik ist setzt hohe Maßstäbe: „Paranoid“ von Black Sabbath. Kränker geht es halt nur schwer. Wer gegen Ozzy Osbournes finales Statement zum Irresein anstinken will, hat schon fast verloren. Das ahnt Mittermeier, der beileibe kein Irrer ist, sondern vor allem ein guter Hand- und Mundwerker. Da kann er noch so sehr affenähnliche „silly walks“ durchprobieren, Glubschaugen- und Glubschmünder, ganze Glubschkörper auf die Bühne bringen. Er ist der Mittermeier aus Bayern. Sympathisch, harmlos. Manchmal gut. Er ballt Fäustchen, streckt Finger raus, zeigt viel in die Luft. Und macht viele Geräusche, wie man sie aus Sprechblasen kennt, nur lauter. Gestik und Mimik und Geräusch, so vielfältig sie aufs erste wirken mögen, sind doch reduziert auf das, was man auch von weit hinten im großen Saal noch deuten kann. Das ist legitim, aber nicht eben subtil.

Aber jetzt zu etwas ganz anderem, Mittermeier, dem angeblich „politischer“ gewordenen: Wo ist denn nun das, was den Titel des Programms rechtfertigt? Beiläufige Fragen, ob man George Bush möge oder der Papst noch lebt, scheinen zum Standardrepertoire zu gehören. Das muss wohl erst mal raus, um sich der Berechtigung der eigenen Bühnen-Existenz zu versichern. Vielleicht leben wir ja tatsächlich in einer Zeit, in der politische Zumutungen nur noch mit grobem Hackebeil ins lachen aufgelöst werden können? Mayer-Vorfelder wird zitiert: „Wenn Ihr mich loshaben wollt, müsst ihr mich erschießen“. Und Mittermeier antwortet: „Wo ist das Problem“. Mittermeiers Gags (bei Comedy-Stars darf man doch von Gags sprechen, oder?) sind zu einem Gutteil so voraussehbar wie des Kritikers Erstaunen darüber, dass eben immer noch immer wieder und immer bestens aufgenommen Sätze gesagt werden wie: „Das Auge wählt mit“. Na? Einmal dürfen Sie raten, welche CDU-Bundesvorsitzende damit gemeint ist. Wenn er zitiert, dass es verboten ist „halbtote, verwundete Menschen“ öffentlich im Fernsehen vorzuführen, dann meint er selbstredend den Musikantenstadl. Ach, was haben wir gelacht.

Doch plötzlich, urplötzlich schleichen sich armlange Kakerlaken ins Programm. Eine ganze Bande mexikanischer, ständig Kette kiffender Kakerlaken, mit der er sich in seiner New Yorker Wohnung angefreundet hat. Jetzt, da er nicht mehr auf permanenter paranoider Pointenjagd ist, wird er wirklich gut: Absurd nämlich und auch ein bisschen umnebelt. Und danach gelingen auch wieder die Pointen, vor allem wenn sie Standbilder suggerieren. Ganz ohne Hampelei und ohne Gummimasken-Gesicht entfleucht dem Schandmaul der zauberliche Satz: „Ich glaube, Keith Richards wird eines Tages einfach stehen bleiben. Dann stellen die ihn unpräpariert in die Körperwelten-Ausstellung. Und: perfekt…“ Mehr dergleichen, und man würde Mittermeier eine Entwicklung vom Comedian zum Hochkomiker bescheinigen können, ob das nun politisch ist oder nicht.