Mothers Finest im Substage, Karlsruhe, 7.11.2019

»It‘s The Groove, Stupid«, möchte man all jenen zurufen, die da meinen, Mothers Finest hätten verlernt, packende Songs zu schreiben. Natürlich haben die Unkbolde in gewisser Weise Recht. Denn fast alles, was die Band in den vergangenen 20 Jahren veröffentlicht hat, ist songschreiberisch eher Mittelmass. Aber wen stört das, wenn er Jahr für Jahr, Tournee für Tournee wieder einen solch geballte Packung an raffiniert verschachtelten Funk-Rhythmen, Metal-Riffs und nach alter Hippie-Schule ausgedehnten Gitarren-Inprovisationen in die Fresse gedrückt bekommt?

Was ist schon Zeit und Alter, wenn man diese Band mit beinahe jugendlicher Frische, ja Aggressivität zu Werke gehen sieht. Vor allem Sängerin Joyce »Baby Jean« Kennedy ist noch immer dieses agile, hypnotisierende Blicke verschiessende und stimmlich fast alle Höhen erklimmende Unikat, das das Bühnengeschehen dominiert. Der Rezensent jedenfalls hatte sich, als er selbst noch ein junger Hüpfer war, 70jährige Frauen immer ein bisschen anders vorgestellt. Kennedy bringt sogar gegen Ende des Konzerts das im Durchschnitt auch nicht mehr so ganz junge Publikum zum ekstatischen Hüpfen.

Sie kann sich aber auch auf ihre Hintemänner verlassen: Das Gitarrengespann John Hayes und Moses Mo steht dabei für knochentrockene, von keinerlei Effektgerät befleckte Rhythmusarbeit, gelegentlich durchbrochen von meist irrlichternden, auch irren – weil vollkommen sinnfreien – Soli. Da sind sie wieder, die bekifften 70er-Jahre. Das Gefühl, dass alles möglich ist. Die Botschaft ist eindeutig: So lasset denn fahren alle Konventionen. Moses Mo reizt dabei die Rockstar-Klischees bis zum Exzess aus. Aber wenn er die Gitarre mit den Zähnen ziseliert, sollte auch der letzte merken: der will nur spielen. Auch Bassist Juan van Dunk, der Jerry Seay alias Wyzard auf dieser Tour vertritt, hilft geschmeidig beim Herumwuchten tonnenschwerer Riff-Blöcke. Es fehlt ihm allenfalls ein Quäntchen Aggressivität, die den Stamm-Bassmann auszeichnet. Spätestens im dritten Song Truth Will Set You Freeentfaltet sich die hypnotische Wirkung dieser Stilmischung aus turmhoher schwarzer und weisser Musik, die ohne Umwege auf den Unterleib zielt. Der Song lässt den Wunsch nach einer Lautstärke aufkeimen, die bis jetzt noch nicht erfunden ist, und die alles Leben im Umkreis von mehreren Kilometern auslöschen würde.

Glenn Murdock, die zweite, männliche Leadstimme der Band, wirkt im Vergleich zu seiner Partnerin immer ein wenig farblos. Aber auch er bekommt seine 15 Minuten Ruhm: Zum einen als souveräner Publikums-Dompteur in der scharfkantigen Version des Klassikers Mickey‘s Monkey‹, zum anderen in I Believeaus dem Jahr 2003, das hier – befreit vom Elektronik-Quark der Studioversion – als trotzige Hymne stampft und schlingert und zugleich – oh Wunder – die Anmutung eines beschwörenden Gospels eingepfiffen bekommt.Auch einen Hauch von Gospel hat das leise, verhaltene Intro des einen, entscheidenden Hits Baby Love‹, das die Erwartung steigen lässt, bis der große schwarze Vogel mit Namen Riff im Solarplexus der Zuhörer einschlägt. »There is no other to compare with you« singt Baby Jean ins explodierende Gitarrengewitter, und man möchte ihr den Satz als Kompliment zurückschreien. Aber sie wird es in all dem herrlichen Lärm nicht hören.