40 Jahre Rodgau Monotones

Erschienen im Juni 2018 in den Badischen Neuesten Nachrichten

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1984 war’s, da produzierte der damalige Wolf Maahn-Schlagzeuger Jürgen Zöller eine hessische Chaoten-Kapelle im Studio. Musiker, Zufallsgäste, Freunde standen um die Mikrofone und sangen oder brüllten „Erbarme! Zu spät, die Hesse komme!“ Danach flog der Produzent in den Urlaub nach Barbados, kehrte nach ein paar Wochen zurück und staunte nicht schlecht, dass der Song mittlerweile zur Stadionhymne bei der Eintracht Frankfurt geworden war.

Auch heute, im Jahr des 40. Bandgründungsjubiläums, ist das Stück Markenzeichen der Rodgau Monotones und zugleich die inoffizielle hessische Nationalhymne. Eigentlich, erzählt Gitarrist Ali Neander, war das alles andere als ernstgemeint. „Damals gab es BAP und die Spider Murphy Gang schon, und ‘Die Hesse komme’ war als Verarsche gedacht, als Antwort auf den Regionalismus – und dann ist uns passiert, was gern mal passiert. Der Hesse ist identitätsmässig sein eigene Verarschung, und deswegen hat es einfach gepasst.“ Ironie der Geschichte: Nicht einmal die Hälfte der Band sind geborene Hessen.

Obwohl die Texte der Band immer nur wenige hessische Brocken enthalten, strahlen sie dieses spezielle Flair aus, das Bilder von Trinkhallen und dem leichtderangierten Volk davor, am besten in quietschgelben Badelatschen und gesegnet mit einer gewissen „Schoppigkeit“, entstehen lässt. Eine homöopathische Dosis Dialekt reiche auch vollkommen, schmunzelt Ali Neander, denn: „Mit einem perfekten Handkäs’ und zwei schlechten Witzen biste auch als Syrer innerhalb von drei Wochen ein perfekter Hesse. Da musste nicht auf eine jahrelange Dynastie zurückschauen.“

Mitte der 80er Jahre sah es ganz so aus, als würde die Band in die deutsche Rock-Oberliga aufsteigen, aber so ganz hat das dann doch nicht geklappt. Immerhin hatten sie im Oktober 1985 eine Auftritt im heiligen Gral der Rockmusik im Deutschen Fernsehen, dem Rockpalast.

„Das war aber leider schon der Schwanengesang. Die hatten an dem Abend gar keine richtigen internationalen Headliner, und das waren praktisch wir. Das hat und ein bisschen überfordert. Wir hatten ja gedacht, wir spielen mit einer mega-bekannten Band, Aerosmith oder so.“ Nach der Wende erfuhren sie, dass sie nach dem Rockpalast-Konzert immerhin in der DDR weltberühmt waren. „Da gab es s in Thüringen und der Leipziger Gegend Bands, die unsere Song nachgespielt haben!“

Sie machten weiter, auch nach dem Ausstieg von Henni Nachtsheim, der seit 1990 mit Gerd Knebel als Comedy-Duo Badesalz Erfolge feierte. Jetzt allerdings ging es nicht mehr darum, in den Charts zu punkten. Die Band war nicht mehr Lebensmittelpunkt sondern hochprofessionelles Hobby – und hat vermutlich genau deshalb bis heute durchgehalten, mutmasst Ali Neander.

Nach einem Jahr Pause stand neben Sänger Peter Osterwold als zweite Leadstimme statt Nachtsheim die damals gerade 20 Jahre alte Kerstin Pfau. „Ich fühlte mich da aufgehoben“, erinnert die sich. „Ich musste mir keine großen Gedanken machen – ich wurde einfach mitgenommen. Da ist die Sonne, guck mal, und da wächst Du hin. Für mich ist das wie eine Ursuppe, wie ein Mutterboden. Wo man erstmal rumgammeln kann, und dann keimt man lustig aus. Jedes mal, wenn ich wieder da bin, ist das ein Auftanken, auch wenn ich erstmal einen Schreck kriege: Oh, ist das laut!“

Auf die Lautstärke und die Bodenständigkeit der Musik ist Verlass: Die Rodgau Monotones sind bis heute eine erdige, in der Bluesrock-Tradition von Bands wie ZZ Top verwurzelte Kapelle mit dem zusätzlichen hohen Spaßfaktor. „Rodgau Monotones ist wie Kasperletheater“, versucht Ali Neander die ungeschriebene Bandphilosophie in Worte zu fassen. „Das ist für mich die einzige Möglichkeit, wie man Rock im alten Sinne noch auf der Bühne zelebrieren kann: Du machst diese ganzen großen Posen, aber alle kapieren: Das ist doch nur ein Holzkrokodil und eine Stoff-Oma.“

Die Band veröffentlicht regelmäßig neue Musik, 2015 erschien das bislang letzte Studioalbum „Genial“. Sie spielt ausgesuchte, rare Konzerte in meist vollen Hallen – immer unbestuhlt. „Wir müssen nix, wir sind eigentlich ganz entspannt, und wir sind noch nicht in die Kleinkunst abgedriftet. Unsere ganzen ehemaligen Kollegen – Klaus Lage, Wolf Maahn, Ulla Meinecke – die spielen jetzt in so Kleinkunstläden für 40 Euro am Abend vor sitzendem Publikum. Das kann ich mir bei uns noch nicht so richtig vorstellen.“