Eingestellt am 11.10.2026

Warum denn nun das? Einfach mal aufgepasst, verwirrtes Lesepublikum. Also: Ob das nun Folgende eine wahre Geschichte ist? Irgendwann 1977 schreibt Genossin Inge Sakowsky, Leiterin der Abteilung Unterhaltungskunst beim Kultusministerium der Deutschen Demokratischen Republik an Peter Meyer, den Keyboarder der Puhdys: „Sehr geehrter Herr Meyer: der Minister für Kultur hat für die Puhdys aufgrund ihrer langjährigen kontinuierlich gewachsenen künstlerischen Leistungen und ihres erfolgreichen Wirkens im In- und Ausland ein Sonderhonorar bestätigt. Danach haben die Puhdys die Möglichkeit, bei künftigen Vertragsabschlüssen für vier Musiker und zwei Techniker ein Honorar in Höhe bis zu 3.000 Mark zu vereinbaren. Wir freuen uns, Ihnen das mitteilen zu können und sind gewiß, dass alle Gruppenmitglieder auch weiterhin mit viel Initiative und schöpferischem Wirken an der musikalischen Entwicklung der Puhdys beteiligt sein werden“. Nun, Genossin Sakowsky, die Puhdys sind fünf Musiker. Trotz dieses peinlichen Fehlers ist diese Honorarerhöhung selbstverständlich ein großer Schritt nach vorne für die Band, die sich mit ihrem „liedhaften Rock“ zu dem Zeitpunkt schon acht Jahre lang große Verdienste um die musikalische Entwicklung der eigenständigen sozialistischen Unterhaltungskultur erworben hat.

Vier Jahre zuvor hatte ich in Budapest einen großen Schritt nach vorne gemacht: ich betrat erwartungsvoll das dortige DDR-Kulturzentrum. Schliesslich war ich pubertierender Amateurmarxist und liess mich mehrfach die Woche beim Einkauf von der kommunistischen Gemüsehändlerin meines Vertrauens über die rasenden Fortschritte des Sozialismus in der DDR auf dem Laufenden halten, kaufte regelmässig die UZ, die Prawda der DKP und hörte zur weiteren Absicherung der wissenschaftlichen Erkenntnisse Radio Moskau. Dort war allerdings nie von der eigenständigen sozialistischen Rockmusik der Werktätigen die Rede, die es aber angeblich existieren sollte. Hier nun, in Budapest wurde sie in ihrer ganzen Strahlkraft präsentiert.

„Sturmvogel“ hiess das geschmackvoll verpackte Produkt. Das Cover zeigte fünf Herren in formschönen weissen Anzügen, fest auf weißen Plateausohlen einher stehend. Obzwar sie den Eindruck machten, als habe man sie nach einer hart durchzechten Nacht vor die Kamera geschoben. Die Blicke eher verlegen dem Fotografen zugewandt, die Frisuren ordentlich toupiert, beinahe perückenhaft. War es das, was der Genosse Erich Honecker gemeint hatte, als er verfügte „Niemand in unserem Staate hat etwas gegen eine gepflegte Beatmusik?“ Drehte man das Cover um, sah man zwei eher ungepflegte Gestalten, die aussahen wie Figuren auf einem Fahndungsplakat: Die Herren Wolfgang Tilgner und Burkhard E. Lasch, verantwortlich für die Texte der Puhdys. Texte, die schwanger gingen mit überirdischer Poesie. Gehaltvoll wie mindestens zwei Öltanks, beflügelt von der Strahlkraft einer zu erwartenden frohen Zukunft nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen des Marxismus-Leninismus.

Die beiden also hatten unter anderem „Reise zu Mittelpunkt der Erde“ betextet, mit Zeilen wie „Als wir in den Leib der Erde drangen, schieden wir nicht mehr die Nacht vom Tag. Wir gruben uns in Frost und Felsen, um uns ein Meer von Blitzen lag“. Beim Überqueren des Meeres der herumliegenden Blitze reifte dann wohl die Erkenntnis des Refrains: „Uns trieb die Sehnsucht, uns trieb nicht Ruhm und Geld, uns trieb die Sehnsucht zum Mittelpunkt der Welt“. Was sonst auch? Ist doch Ruhm und Geld dem sozialistischen Menschen in seinem selbstlosen Forscherdrang vollends schnuppe. Dazu blitzt es und donnert es musikalisch gar wohlgefällig. Uriah Heep und Sweet wären neidische auf diese schneidenden Engelschöre gewesene, die da das bieder-sämige Gerumpel der Kapelle umflorten. Feinmotorik war eindeutig nicht das Ding der Berliner.

Purple Haze im Dezember 1986 in der Waldseehalle Forst

Stattdessen füllten sie ihr Album mit bedeutungsschwangeren Miniopern, geformt aus Braunkohle, Würzfleisch, Letscho und weiteren Sättigungsbeilagen, dargeboten von gelernten Fliesenlegern, Ofensetzern, Tischlern und Universalschleifern. Der westdeutsche Musikmanager Peter Schimmelpfennig, der am 9. November 1976 die Puhdys zu ihrem ersten Westauftritt in die Hamburger Fabrik geholt hatte, sagte über die Band, die weit über 20 Millionen Alben abgesetzt hat: „Es gibt ja Leute, die sagen, das sei keine richtige Rockmusik, kein richtiges Rockkonzert. Das stimmt eigentlich. Puhdys Konzerte sind eher Volksfest“.

Fotos: Markus Schaible

Ein solches Volksfest durften wir ziemlich genau 10 Jahre danach eröffnen. Da nämlich rauschten die Puhdys in die Waldseehalle Forst bei Bruchsal, um dort die doch erstaunlich zahlreichen Westfans zu beglücken, uns war dabei die Rolle der Vorband zugewiesen. Das kannten wir schon. Wir kannten auch die Einschränkungen, die der Vorband gern mal das Leben schwer machten: Kurze Spielzeit, kein Soundcheck und auf der Bühne gerade mal so viel Platz wie in einer Telefonzelle. Der Auftritt selbst durfte dann im Dunkeln stattfinden, aus den Monitorboxen kam weisses Rauschen statt Musik. Im Saal dagegen war es so leise, dass das Publikum sich problemlos flüsternd unterhalten konnte. Wie würden das die Superstars aus dem Osten handhaben?

Der Autor an seinem vergleichsweise eher bescheidenen Sonor Phonic Drumset. Fotos: Markus Schaible

Am Nachmittag rauschten sie an in ihren verstaubten Volvo und Citröen-Limousinen. Denen als erster Sänger Dieter Birr entstieg. Festen Schrittes und Händedrucks begrüßte er uns mit „Tachchen, ick bin Maschine“. In der folgenden Stunde wuchteten die Roadies die Boxen und die Instrumente der Puhdys auf die Bühne. Gegen Schlagzeuger Klaus Scharfschwerdts Sonor Signature Doublebassdrum-Kit nahm sich mein Arbeitsmaterial geradezu bescheiden aus. War ja auch eine Preisklasse tiefer.

Wir durften loslegen. Es gab genug Zeit für Zeit genug für einen Soundcheck, es gab 90 Minuten Spielzeit. Alle Kraftreserven der üppigen PA durften in Anspruch genommen werden, auch die üppige Lampenbatterie blieb nicht kalt. Und dann war noch dieses kleine Kabel, das dem Toningenieur der Puhdys fehlte und das er sich von unserem Mischer ausgeliehen hatte. Nach dem Ende der Veranstaltung gab er es uns zurück mit den Worten „Will mich ja nich´ bereichern“. Von diesem Moment an hatte ich einen Soft Spot für diese rustikale Band und dachte nun immer öfter über die Frage nach: Wie können wir in einem Land, das Bands wie die Puhdys hervorbringt, selbst auf die Bühne kommen?