„Ihr kennt mich wahrscheinlich als Geddy Lee, aber mein Geburtsname war Gershon Eliezer Weinrib, nach meinem Großvater mütterlicherseits, der im Holocaust ermordet wurde“. Nicht die Worte, mit denen üblicherweise eine Rockstar-Autobiographie beginnt. Geddy Lee, 1953 geborener Bassist und Leadsänger der größten Band des Landes, der Progressiv-Rocker Rush, hat die Geschichte seiner Familie in der 2023 erschienen Autobiographie „My Effin’ Life“ erzählt. Eine Geschichte, die für sein späteres Leben und Handeln prägend war und ist. „Ich habe das Gefühl, wir leben in einer Zeit, die offenbar vergessen hat, was passieren kann und auch wird, wenn der Faschismus sein Haupt erhebt“, schreibt er vor dem Hintergrund des Schicksals seiner Familie, einer Familie polnischer Juden. Weil nicht jeder ein Buch über das Leben eines ihm vielleicht unbekannten Musikers – der auch noch seltsame Musik macht – lesen will, erzähle ich euch jetzt, was im den ersten Kapiteln dieses aussergewöhnlichen Buches steht.
Lees Vater Vater Moshe Meir Weinrib (in Kanada als Morris Weinrib anglisiert) kam aus Ostrowiec Świętokrzyski. Über den Holocaust hat er mit seinen Kindern nie gesprochen. Offensichtlich hatte er für sich einen Weg gefunden, mit seinen Dämonen umzugehen. Anders als seine Mutter Malka Rubinstein (in Kanada Mary), die mit ihren Kindern offen über ihre schrecklichen Erlebnisse in der Nazizeit sprach. Was den jungen Geddy (der in der Toronto von Nachbarskindern auch mal als ‚dreckiger Jude‘ beschimpft wurde) regelmässig zu nachvollziehbaren Gewaltfantasien anregte: „Ich wünschte mir dann, Hitler würde mir auf magische Weise erscheinen und ich könnte ihn mit brutaler Gewalt bezwingen, mit bloßen Händen zusammenschlagen und erwürgen – so wie es Quentin Tarantino gefallen würde“. An heutigen pädagogischen Massstäben gemessen ist Malkas Verhalten ein absolutes No Go, aber der Sohn hat Verständnis dafür, von seiner Mutter mit den Grausamkeiten konfrontiert wurden zu sein. Das Wissen um den Holocaust weiterzugeben sei ihr ein Anliegen gewesen, damit die Welt diese Verbrechen nie vergisst. Und schliesslich: „Wem sonst hätte sie es erzählen sollen? Einem Therapeuten? Das war keine Option für Menschen ihrer Generation. Hätte ich so etwas vorgeschlagen, sie hätte sicher geantwortet: Wie? Ich soll Geld zahlen, um das einem Fremden zu erzählen?“

Familienschicksale

Auch Malkas Schwester und Mutter haben überlebt. Viele Mitglieder der väterliche Seite der Familie wurden ermordet. Nur drei der sechs Geschwister Moshes überlebten den Holocaust. Malka Rubinstein, die aus einer Familie orthodoxer Juden stammte, war in Warschau auf die Welt gekommen. Mit 14 erlebte sie den deutschen Überfall auf Polen und die kurz danach beginnende Judenverfolgung. Sie lernte Moshe im jüdischen Ghetto von Starachowice kennen, bevor beide als Teenager nach Auschwitz und Dachau deportiert werden. In Auschwitz wurde das Paar getrennt. „Nach den Aufzeichnungen des Lagers über Neuzugänge wurden 1298 Frauen und 409 Männern an diesem Tag Nummern auf den Arm tätowiert. Meine Mutter war nun offiziell Sklave #A14254. Ab jetzt sprachen die Nazis die Gefangenen nur noch mit ihren Nummern as, niemals mit ihren Namen, um sie noch mehr zu entmenschlichen.“ Die tägliche Angst vor der Selektionsrampe, die Menschenversuche des Dr. Mengele in Auschwitz-Birkenau. All das hat Malka ihren Kindern detailliert beschrieben. Ebenso den Horror von Bergen-Belsen, wohin sie im Oktober 1944 gebracht wurde. Aber sie berichtete auch von einem deutschen Kommandanten, der ihr heimlich Antibiotika besorgte, als sie an Typhus erkrankt wr. Der Mann erschoss sich unmittelbar nach der Befreiung. Die Einnahme des Lagers durch britische Truppen erlebte sie so: „Wir mussten Holz stapeln, wir waren alle am verhungern oder krank und ich bemerkte beim Blick durch ein Fenster, dass die Deutschen mit erhobene Händen da standen. Ich habe sogar noch einen Witz gemacht. Schaut mal, habe ich gesagt, jetzt salutieren sie vor Hitler schon mit beiden Händen.“

Ein unglaubliches Wiedersehen

In Bergen-Belsen fand Moshe Malka wieder. Zuvor hatte er sieben (!) Lager überlbet, aber im Gegensatz zu siner Frai nie über das Erkebte gesprochen. Malka hat die Namen der Lager hanschriftlich auf dinem zettel notiert. Moshe und Malka heirateten noch in den Barcken von Bergen Belsen. Weihnahcten 1948 kommen sie im verschneiten Toronto an.
1984 veröffentlich Rush dasAlbum Grace under Opressure. Der Song Red Sector A ist inspiriert von der Geschichte der Familie. „Are we the last ones to survive? Are we the only human beings left alive? …. Sickness to insanity. Prayer to profanity. Days and weeks and months go by. Don’t feel the hunger — too weak to cry-I hear the sound of gunfire. At the prison gate. Are the liberators here — Do I hope or do I fear? For my father and my brother, it’s too late. But I must help my mother stand up straight…“ den Songlyrics geradezu diametral entgegen gesetzt ist die Eingängigkeit und Tanzbarkeit der Musik.
1995, Moshe ist schon 1965 mit nur 45 Jahren gestorben, erreicht Malka/Mary eine Nachricht: In Bergen-Belsen wird es eine Feier zum 50. Jahrestag der Befreiung des Lagers geben. Dort will sie hin. Sie stellt sich der Erinnerung und nimmt die Familie mit. Sie essen in dem gleiche Raum, in dem sie 49 Jahre zuvor Moshe das Ja-Wort gab. Bei der offiziellen Zeremonie spricht Bundeskanzler Helmut Kohl. Während seiner Rede sagt Malka zu ihre Familie: „Während ich diese Rede höre, wir mir klar – vielleicht zum ersten Mal – dass ich den Krieg gewonnen hab. Ich bin noch da. Ich stehe auf deutschem Boden mit meinen drei Kindern, und die Nazis sind tot und Vergangenheit.“
Mary Weinrib starb 2021.

Die Lehren der Vergangenheit

Im Januar 2025 wurde Lee als Gastredner beim Internationalen Holocaust-Gedenktag an der Queen’s University eingeladen. Er las aus seiner Autobiographie und sprach über das Vermächtnis seiner Eltern für sein Leben, seine Musik und seine Weltanschauung. Jetzt, da mein eMutter nicht mehr hier ist, fühle ich mich verpflichtet, ihre Geschichte zu erzählen und daran zu erinnern, was geschehen kann“, sagte er. „Ihre Geschichten sind es wert, immer wieder erzählt zu werden, und ich betrachte mich als jemand, der von ihrer Weisheit und dem Leid, das sie ertragen mussten, profitiert.“
Solidarität mit Israel
Während viel Künstler nach dem genozidalen Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 in peinliches Schweigen verfielen (bestenfalls), veröffentlichte die Band Rush am 1. Oktober ein unmissverständliches Statement auf ihren Social Media Kanälen. „Wir sind zutiefst erschüttert angesichts der Nachrichten über die brutalen Gräueltaten und monströsen kaltblütigen Morde, die von der Terrorgruppe Hamas begangen wurden – einer Organisation, die sich der Zerstörung des jüdischen Staates und der Auslöschung seines Volkes verschrieben hat. Unsere Herzen sind bei den Menschen in Israel und bei den Juden auf der ganzen Welt, während sie diese schrecklichen Ereignisse verarbeiten. Dies sind dunkle Akte der Barbarei, für die es keine Rechtfertigung geben kann. Unsere Gedanken gelten auch allen unschuldigen Seelen in Gaza, die ihr Leben verloren haben, verletzt wurden oder infolge der Handlungen dieses unmenschlichen Terrorregimes in Gefahr geraten sind.“

Noch ein Wunder: Rush hat Zukunft. 

PS: Die Band Rush beendete ihre Karriere offiziell 2015. 2020 verstarb Schlagzeuger Neil Peart nach langer Krankheit an einem Gehirntumor. Im Frühjahr 2026 ist Rush wieder auf Welttournee. Schlagzeug spielt die 44jährige Deusche Anika Nilles, Dozentin an der Pop-Akademie Mannheim. Die Band bespielt die größten Arenen und kommt 2027 nach Deutschland. Wenn man den Videos der laufenden Tour sieht, die Fans im Stundentakt ins Netz stellen, ist der 73jährige Geddy Lee ein sehr glücklicher Mensch.
PPS: Gene Simmons, Bassist und Sänger der Band KISS, kann eine ähnliche Familiengeschichte erzählen. Seine aus Ungarn stammende Mutter Flóra Klein Lubowski hatte mehrere Lager überlebt und wurde am 5. Mai 1945 aus Mauthausen befreit. Sie war die einzige Überlebende ihrer Familie. Sie heiratete 1946 den Schreiner Ferenc Yechiel Witz, mit dem sie 1948 nach Palästina emigrierte, wo ihr Sohn – der spätere Gene – 1949 als Chaim Witz in Haifa geboren wurde. Als er acht Jahre alt war, wanderte seine Mutter mit ihm zusammen in die USA aus.

Das Buch: Geddy Lee: My Effin’ Life. Harper, 512 Seiten, 42.99 Euro
Der Song: „Red Sector A“ vom Rush-Album „Grace Under Pressure“ (1984)