Eingestellt am 18.10.2026
Musiktheater REX, Bensheim, 15.10.2026
Es ist der Vorabend seines 73. Geburtstags, als Tony Carey die Bühne des REX in Bensheim betritt. Ein Club, wie gemacht für ein intimes Storyteller-Konzert. Dieses Mal haben sie bestuhlt, und das ist gut so. Denn es schafft die Atmosphäre für das konzentrierte Zuhören. Carey spilet ee One Man Show, nur mit Piano und akustischer Gitarre. Das ist nun wirklich unpluggeder als unplugged. Manches klingt wie nur zart angedeutet. Musik wie vielfarbig bemaltes Pergamentpapier, gelegentlich auch grau in grau und mit einem Hang zur Dystopie. Was zur fragilen Erscheinung dieses weisshaarigen, durch alle Stürme eines bewegten und beweglichen Lebens gegangenen Mannes passt.

Der Autor und der Künstler. Eine Stunde vor „Showtime“.
Der Hippie-Schamane aus Kalifornien, um mal (Entschuldigung!) ein etwas vertrocknetes Klischeebild zu bemühen, hat etwas zu sagen. Vieles von dem, was an diesem Abend zu hören ist, ist retrospektiv. Wer Careys Backkatalog kennt weiß, dass er damit nicht erst im fortgeschrittenen Alter begonnen hat. Seine Songs sind voll mit Reminiszenzen an Orte, an denen er gelebt hat. Prall bevölkert von Heimaten, die nicht von der Geographie bestimmt sind, sondern vor allem von den Menschen, die Helden und Antihelden dieser Orte sind. Autofiktionales Singen. Musik als Literatur. Ja, diesen Anspruch hat Carey. Dabei kommt die Musik immer zuerst. Manchesmal, erzählt er mir vorm Konzert, wartet er 15 Jahre, bis der Text ihn überfällt. Oder länger. Bei einigen Songs wartet er bis heute. 1200 hat er bisher geschrieben. Für sich, für andere. Er hat ganze Alben für andere komponiert und getextet und zum Teil alle Instrumente gespielt. Für Milva, für Chris Norman. Er hat produziert und Keyboards für große Namen gespielt, u.a. für Ritchie Blackmore (auf der sensationellen „Rainbow Rising“) oder für Peter Maffay.
Zurück ins REX: „Hawkeye Road“ ist einer der gerade erwähnten Rückschau-Songs, ein emotionaler, ein bisschen sentimentaler – aber nie kitschiger Blick zurück in die Kindheit „The wars looked like they were over / Everybody seemed to have a job / My old man put us down in the high clover / Three bedrooms on a quarter acre lot / And we were Daniel Boone and Davy Crockett / Fort Apache in the orchard ‚cross the street / Out all day zoomin‘ ‚round like rocket ships/ My mama’d only call us in to eat…“
Wäre es ein Roman, würde man den Song in die Kategorie Coming of Age Novel einsortieren. „And I found out just what I wanted / It was nineteen fifty nine / I knew just what I was going to be / Playing felt like flying without even trying“. Dieses Gefühl hat ihn wohl nie verlassen, gerade in solchen Solokonzerten ohne Netz und doppelten Boden. Er hat die Gabe, in drei bis fünf Minuten eine Geschichte zu erzählen, die dem fantasiebegabten Zuhörer einen 500 Seiten-Roman ersetzt. Kein Wunder, dass er oft gefragt wurde, ob er nicht eine Buch schreiben wolle. Da hat er immer abgewinkt. Es sei doch alles in seinen Liedern, meint er achselzuckend..
Das „einfache Liebeslied“ ist eine Seltenheit in seinem Repertoire. Zumindest an diesem Abend, der eine in manchen Momenten an Verzweiflung grenzende Melancholie ausstrahlt. Lieber als einfach zu sagen „Ich liebe dich“, verbindet er das Bekenntnis zu einem geliebten Menschen mit der drohenden atomaren Apokalypse, wenn er in The Wind singt. „And if it all goes crazy wе will sit and watch it burst. / I will always be here / And I can’t stop thе wind / And I can’t hold the water back again / But I can love you“. 
Andere Songs bevölkert er mit mit zwielichtigen Charakteren, etwa jenem Sonny, der in „Fine Fine Day“ mit seinem „old man“ undurchschaubare Dinge verhandelt, bis er eines Tages nicht mehr auftaucht, wegen „a little troubles out of town“. Hier nutzt der Texter das Stilmittel einer positiven, munter rockenden Musik, die den Text und seine doch eher bedrohliche Atmosphäre konterkariert. So wie es auch Pink Floyd oder Supetramp oft getan haben. Klar wünscht man sich bei Rocknummern dieses Kalibers manchmal die wuchtigen, turmhohen Drums und den 80er-Jahre-Bombast der Studioaufnahme. Aber, hey: Ein guter Song ist ein guter Song ist ein guter Song – und genauso gut funktioniert auch der Planet P-Hit „Why Me“ in der skelettierten Version. Wie eine Skizze, aber dennoch von eindringlicher Intensität. Ja, wir haben früher dazu getanzt bei wilden Festen. Heute wippen wir nostalgietrunken im Gestühl dazu. Ahnlich funktioniert „Saw a satellite“, das eingängige, geradezu schwelgerische Musik mit der Frage verbindet, ob nicht dieser kleine Punkt namens Sputnik am Himmel, den der vierjährige Tony 1957 von seinem Vater gezeigt bekommen hatte, den Beginn der Totalüberwachung der Menschheit markiert.
Gegen Ende des Konzerts gibt es die Klassiker: „Blue Highway“ bezieht sich auf die blauen, die eher Nebenstrassen-Highways auf alten amerikanischen Landkarten. Ein perfektes Bild für die Frage, warum wir so oft wie gejagt und hektisch suf dem direkten Weg ans Ziel kommen wollen, statt uns die Freiheit zu nehmen, Umwege zu gehen „We watch our Lives go racing by / The years roll by in a haze. / We took time for this und time for that. / But we ner took time for the blue highway“. Eigentlich ein perfektes Schlusswort für ein Konzert. Aber dann kommt noch das unvermeidliche „Room with a view“ – der Radiohit aus Dieter Wedels Fernseh-Dreiteiler „Wilder Westen inclusive“. Hätte Wedel besser Englisch gekonnt, hätte er den Song über einen Obdachlosen vermutlich nicht genommen, scherzt Carey. Welch ein Glück für ihn und für uns, dass der Regisseur so schlecht Englisch konnte.