Eingestellt am 3.11.2026
Ich habe den neuen Film über Wolf Biermann gesehen – und bei allem, was ich in letzter Zeit über und von ihm gelesen und gesehen habe, muss ich sagen: Potzblitz, ich war nochmal extra beeindruckt und auch ein bisschen beschämt. Denn wie kaum wie ein anderer führt dieser geradezu erschreckend agile 90jährige vor, wie man aus Fehlern lernen kann, indem man geistig beweglich bleibt. Ganz abgesehen von der körperlichen Beweglichkeit, die der 20 Jahre Ältere mir eindeutig voraus hat. Als junger Depp, der ich einst war (und das ist in seinen Ausläufern noch nicht allzu lange her), pflegte ich seinen Satz „Nur wer sich verändert, bleibt sich treu“ mit einem verächtlichen „… damit kannst du die größten Sauereien rechtfertigen“ lächerlich zu machen. Ich habe lange gebraucht um zu erkennen, wieviel Wahres darin steckt.
Ähnlich, wie die Grünen irgendwann sehr spät gemerkt haben, dass bedingungsloser Pazifismus nicht zu Frieden, sondern zu mehr Krieg und mehr Verbrechen führt. Aber auch die waren schneller als ich. Damals hätte ich Joschka Fischer einen Farbbeutel an den Kopf geworfen, heute wähle ich sie (fast) aus voller Überzeugung.
Klar, ich habe Biermann schon aus musikalischen Gründen in den 70er-Jahren und darüber hinaus nie wahrgenommen. Liedermacher gehörten nicht zu meinem musikalischen Kosmos. Als er aus der DDR ausgebürgert wurde, habe ich zwar wohl gedacht: „Was für eine Sauerei“. Aber als er dann 1998 die Klausurtagung der CSU in Wildbad Kreuth besuchte und dort die „unverkrampfte, freundschaftliche Atmosphäre“ lobte, hielt ich ihn für einen Reaktionär der übelsten Sorte. Mein Urteil stand fest und mein Weltbild passte wieder. Ich war mein eigenes Politbüro. Ich hatte ja in Stein gemeisselte Überzeugungen. In etwa die: Der richtige Sozialismus, der komme schon irgendwann noch. Man müsse nur Geduld haben. Biermann hätte mir erklären können, dass das eine Schimäre ist, hätte ich dieses Zitat von ihm damals gekannt „Wirkliche Kommunisten hatten es bisher überall schwer – aber nirgendwo werden sie so unerbittlich verfolgt wie in den Ländern, die sich mit der Fahne des Kommunismus schmücken“.
Und dann seine Lobeshymnen au Helmut Kohl: Mit seinem Ziel einer deutschen Wiedervereinigung sei er klüger gewesen „als wir alle zusammen damals“. „Als die Chance da war, hat er sie schneller als andere erkannt und tapferer, mutiger, frecher genutzt als andere.“ Wie bitte? Zonen-Gabi ging es doch nur um ihre Banane, und das fand ich ganz und gar unmöglich – und überhaupt: Ich hatte doch gar keine Wiedervereinigung bestellt. Kohl hätte mich fragen müssen, und dieser Biermann, was erlaubt der sich eigentlich? Heute weiß ich, dass Kohl genau richtig gehandelt hatte, auch wenn ich sein Bonmot vom „Mantel der Geschischde“ immer noch zum Piepen hyper-pathetisch finde. Und die blühenden Landschaften? Wenn ich heute die blitzblank renovierten Viertel der Karlsruher Partnerstadt Halle anschaue: Da sind sie, diese Landschaften, und wie sie blühen. Danke, Helmut Kohl!
„Über die gelernten Untertanen im Osten brachen Demokratie und Freiheit wie Pest und Cholera herein“ ist einer von Biermanns knapp formulierten Volltreffern über das, was 1989/90 passierte. Und er sagte auch: „Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat es in klarer Prosa ausgesprochen: Die meisten Ostdeutschen haben 1989 hinter der Gardine gestanden und abgewartet, wie es ausgeht. Dann erst sind sie rausgekommen.“ Zugleich sagt er auch alles über die heutigen AfD- und BSW Wähler im Osten, die ihre mehr oder weniger verklausulierte Sehnsucht nach der alten ranzigen DDR nur schlecht camouflieren können, wenn sie Trabbi-Ausfahrten mit AfD-Aufkleber und DDR-Fahne auf dem Dach veranstalten. Ja, dieser Biermann: Er ist ein Egomane, das kommt auch im Film rüber. Er hat zehn Kinder von vier Frauen! Sportlich! Ein Hallodri. Er ist arrogant und rechthaberisch. Aber das mit gutem Recht, weil er im nächsten Moment auch frech darauf verweisen kann, dass er sich auch irren könne. Und das er das auch schon des öfteren getan hat. Dabei ist er auch noch sehr unterhaltsam und witziger als mancher Komödiant, der sich auf den Bühnen des Landes herumtreibt und glaubt, die Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben. Humor ist überhaupt eine Waffe, die Anhänger von jedwedem Totalitarismus, jeder menschenverachtenden Ideologie gar nicht mögen. Denn nichts läge denen ferner als Humor.
Just da fällt mir wieder der auch recht humorlose frühere Herr Zimmer ein, der noch 2014 behauptete, da auf der Krim, diese grünen Männchen ohne Rangabzeichen, die seien doch gar keine Russen. Sondern… ja, was wohl? Dieser Zimmer, der – noch schlimmer – im Jugoslawienkrieg Slobodan Milosevic für eine Art Friedensengel hielt…. und ähnlich gruslige Irrtümer mehr. Hätte ich damals schon Biermann zugehört, ich hätte meine Irrtümer schneller erkannt und mich in Sack und Asche geworfen und zur Buße zur Ader gelassen. Er war immer einen oder mehrere Schritte schneller als ich und viele andere meiner Denk-Genossen.
Immerhin komme ich ihm jetzt so langsam hinterher. Aber man kann ja nie sicher sein. Vielleicht schlägt er schon morgen wieder einen Haken und haut eine meiner vermeintlich so sicheren Grundüberzeugungen mit einer sportlichen Handbewegung, einem wohlgesetzten Gitarrenakkord oder einer wohltemperierten Beschimpfung zu Klump. Dann stehe ich wieder blöd da, wie der pubertierende Knabe, der dereinst zum Klassensprecher gewählt wurde, indem er mit dem Fuss aufstampfte und trotzig befahl: „Der Sozialismus wird siegen!“ Okay, Biermann hat das als junger Mensch auch noch geglaubt. Insofern muss ich mich zumindest dafür nicht rechtfertigen, sollte ich ihm in diesem Leben einmal begegnen. Immerhin: dass ich heute mit diesem Wahlkampfslogan nicht mehr Klassensprecher werden würde, darauf bin ich auch von selbst gekommen. Was wollt ich eigentlich sagen? Guckt den Biermann-Film. Er hilft auch gegen Pessimismus.