Mute Gods, The

Mute Gods, The

Do Nothing Til You Hear From Me

Inside Out / VÖ: 26.2.2016

Muskulöses Kopfkino

Energie, muskulöses Handwerk und innovative Ideen weitab von Selbstbefriedigungsorgien abgehobener Alleskönner: The Mute Gods bringen das beste aus den Welten dreier qualifizierter Fachkräfte des Genres zusammen, Bassist und Sänger Nick Beggs (Steve Hackett, Steven Wilson), Keyboarder Roger King (Steve Hackett) und Trommler Marco Minnemann, der unter anderem mit Steven Wilson, Joe Satriani und Tony Levin spielte, und hier so nebenbei Gitarre spielt. Die Grundstimmung des Albums ist durchgehend mehr Moll als Dur, eines der zentralen Themen ist religiöser Fanatismus. Dabei lässt das Triumvirat seinem ausgeprägten Sinn für feine Gesangsarrangements und Melodien abseits eingefahrener Bombast-Klischees freien Lauf. So gelingt der perfekte (Beinahe-) Popsong für den anspruchsvollen Konsumenten (Praying To A Mute God) ebenso wie wie Night School For Idiots, das wie die Parodie auf eine pompöse Plüschsofa Ballade wirkt. Feed The Trollund Strange Relationships schließlich könnten aus einem der jüngeren Steven-Wilson-Werke stammen. Dessen Fans hier sowieso bedenkenlos zugreifen können.

7 1/2 / 10

My Chemical Romance

My Chemical Romance

The Black Parade

Reprise Records / VÖ: 10.2.2015

Es klingt nach EKG oder künstlicher Beatmung, dieses fiese Piepsen. Der Song heißt „The End“ und ist der Anfang. Der Anfang einer höchst verwirrenden Achterbahnfahrt durch musikalische und emotionale Höhen und Tiefen. Hat das nicht gerade nach David Bowies „Five Years“ geklungen? Wenn das, was „My Chemical Romance“ auf diesem ihrem dritten Album so überbordend tönen lassen, Emocore sein soll, dann war Mott The Hoople Punk. Die Band soll ihre Vorlieben einmal zwischen Iron Maiden, Misfits und Morrisey verortet haben. Ja, Himmel, wenn es dabei bliebe: Da wird im Walzertakt geschunkelt, da bricht hat sich saftiger Bombast à la Queen kaltschnäuzig Bahn, da singt Gerard Way mit einer zwischen Anteilnahme und Zynismus baumelnden Stimme schöne Sachen wie „Wouldn’t it be great if we were dead?“. Da darf mal eine Gitarre einfach absaufen, als würde sie durchs Spundloch der Dusche gesprudelt. Dann, endlich im Track sieben, „Hoouse of Wolves“ ein greifbares Gebolze für den Schubladensucher. Wer so lange durchgehalten hat und all das nicht pompös und überladen fand, der wird am Ende brummenden Kopfes zur Erkenntnis gelangen: Hier wurde soeben das tote Genre Rockoper wiederbelebt. Eine schöne Leiche das.

8/10

Nad Sylvan

Nad Sylvan

The Regal Bastard
InsideOut Music I VÖ: 05.07.2019
Der Vampirate modernisiert sich

Mit dem dritten Album seiner Vampirate-Trilogie präsentiert sich Nad Sylvan mit modernerem Sound und versucht vorsichtig die Abnabelung vom an die 70er-Jahre angelegten Retro-Prog. Mehr ansehen

Nazareth

Nazareth

The Newz

edel records / VÖ: 31.3.2008

Seit zehn Jahren das erste Studioalbum der Schotten, da ist die Erwartungshaltung hoch, allerdings nicht auf Innovation gerichtet. Werden Sie es schaffen, ihren bluesgetränkten Rumpelrock noch genauso rumpeln zu lassen, wie damals? Ja, sie schaffen es. Mit verschlurften Grooves, die etwas angenehm Schlampiges haben, mit einem Ausbruch ins nachgerade Metallische („The Gathering“) und einem „Keep On Travellin’“, das so brutal nach „Nutbush City Limits“ klingt, dass es in seiner Dreistigkeit schon fast wieder berauschend tönt. Sänger Dan MacCafferty, der zusammen mit Basser Pete Agnew das Duo der Originalmitglieder stellt, brüllt zuverlässig herum, als gelte es, sich um den Posten des Hilfs-Sängers bei AC/DC zu bewerben. Die konsequente Verweigerung gegenüber jeder Glattpoliertheit macht den besonderen Reiz der besseren Songs von Nazareth aus. Kommet zu hören unsere unbehauen Klötze, Geformt mit einer Gitarre, einem Bass und einem Schlagzeug. Löcher im Sound? Wo andere Hilfskeyboarder, Bläser, gar Beistell-Elsen oder dahergelaufene Showgeigerinnen im kleinen Schwarzen auffahren würden, geizen diese Schotten. Hauptsache Rock’n’Roll. Hauptsache laut – und endlich mal wieder ein Studioalbum, das auch genau diese Stärken ihrer Live-Auftritte einfängt. Vielleicht sogar ihr erstes mit dieser Qualität.

8/10

Nektar

Nektar

Time Machine

Cleopatra / H’ART / VÖ: 18.6.2013

Roye Allbrighton, Mastermind von Nektar, ist der festen Überzeugung, es handele sich bei Time Machine um das beste Album seiner Band. Das ist natürlich übertrieben. Aber es dürfte das beste Nektar-Album des 21. Jahrhunderts sein. Nicht nur, weil es bei Billy Sherwood (ex-Yes) produziert wurde, der auch Bass gespielt hat. Der hat einen weiträumigen Sound geschaffen, der Allbrightons charakteristischer Stimme Raum lässt, und gleichzeitig die Reminiszenzen an die 70-er Jahre -Nektar geschickt im etwas unterkühlteren Gesamtklangbild aufblühen lässt. Dabei entfaltet sich eine überraschende Bandbreite: Der Titelsong nimmt Bezug auf das unterschätzte 80-er Mainstream-Album ›Man In The Moon‹, lässt aber auch ein klug aufgebautes Gitarrensolo zu, ›Juggernaut‹ swingt gerade soviel, wie Progressive-Rocker eben swingen können und neigt sich dan konventionellem Jazz-Rock zu. Die etwas überinstrumentierte Ballade ›Talk To Me‹ kippt schon leicht in den Kitschtopf und ›Set Me Free, Amigo‹ ist gar ein peseudomexikanischer Barschlager, mit Witz und Ironie inszeniert. Das Album als Ganzes ist nicht der große Wurf, zu irrlichternd und zerfahren sind gerade die längeren Songs, aber es gibt viele Details, in denen Nektar ihr Stärken fein und selbstbewusst inszenieren.

7 1/2 /10

New Model Army

New Model Army

Between Wine And Blood

earMUSIC / VÖ: 05.09.2014

Bloss nicht die Wut verlieren!

Weil Drummer Michael Dean krankheitsbedingt nicht touren konnte, die Band aber heiß war, ging man gleich wieder ins Studio und schiebt nach Between Dog And Wolf (2013) nun dieses Mini-Album mit angehängtem Live-Mitschnitt nach. Die Studio CD beginnt mit geradlinigem Gitarrenstoff und wutschnaubenden Vocals in ›According To You‹. ›Angry Planet schlägt eine Brücke zu vergangen Großtaten und erinnert an die Haltung, die Hymnen wie Here Comes The War oder White coats‹ prägte.Mehr ansehen

New Model Army

New Model Army

Winter

Attack Attack / VÖ: 26.8.2016

Robin Hood wiederholt sich

Mit ›Beginning‹, diesem Refrain- und namenlosen Auftakt, der allein von einem ungut scheppernden Instrumentarium getragen wird, auf dem sich Justin Sullivans Stimme zunehmend dramatischer breit macht, legt eben jener eine falsche Fährte aus. Denn nach dem experimentellen, um hypnotische Rhythmen kreisenden Album „Between Dog And Wolf“ geht seine Band jetzt einen halben Schritt zurück und liefert neben rhythmusbasierten Mantras einige trotzige und rotzige Hymnen ab, die wie Reminiszenzen an die großen Songs der Klassiker „Thunder And Consolation“ und „The Ghost Of Cain“ klingen. ›Burn The Castle ist so ein Ding, bei dem der ewige Revolutionär gerne das Fäustchen in der Hosentasche ballt. Sullivan raunt in der Strophe, bellt und geifert im Refrain, während Schrammelgitarren drahtig flirren. »Wir haben es ganz bewusst aggressiver und auch ein bisschen weniger glatt gemischt«, lässt die Band verlauten. Das auf jeden Fall ist wahr. Früher allerdings reichten allein die Songs, um den Deckel vom Topf fliegen zu lassen. Auch wenn die Band wenig plant, sei der Richtungswechsel in gewisser Weise doch geplant gewesen, räumt Justin Sullivan ein: »Zum einen sind wir furchtbar stolz auf Dog and Wolf. Es klang einfach unglaublich gut, aber es fehlten diese aufregenden Momente, in denen man eine Band zusammenspielen hört. Das haben uns auch viele Leute gesagt«.

Hatte bei Between Dog And Wolf und dem folgenden Mini-Album Between Blood And Wine Joe Barresi (Kyuss, Tool, Queens Of The Stone Age) beim Mix an den Reglern gesessen, wurde diese Aufgabe bewusst anders vergeben: An das in jeder Hinsicht jüngste Bandmitglied, den 29jährigen Bassisten Ceri Monger, der seit 2012 dabei ist. »Wir hätten noch ein Album mit Joe machen können. Wir haben ihm sogar geschrieben, dass wir seine Arbeit wirklich toll finden, aber wir jetzt eine andere Art Album machen wollten und hofften, dass er sich dadurch nicht beleidigt fühlt. Er schrieb uns zurück, er habe vollstes Verständnis«.

Monger, den die Band von Anfang an als Mitglied der Gang akzeptierte, steht auch für den ständigen Häutungsprozess der Band, den Sullivan für sehr wichtig hält: »Wenn nur ein Neuer kommt, verändern sich alle Beziehungen innerhalb der Band. Das ist wie eine Neuanfang. Und das ist sehr gut für uns, und wohl auch einer der Gründe, warum wird es geschafft haben, immer weiter zu machen. Wenn man 30 Jahre lang mit den gleichen Leuten arbeitet, lernt man, mögliche Konflikte zu vermeiden. Das hat zur Folge, dass man sozusagen nur noch im eigenen Saft kocht.« Eine Konstante aber gibt es bei allen Besetzungswechseln: »Wir waren uns immer einig, worum es bei dieser Band geht. Obwohl wir über ein Dutzend Mitglieder im Lauf der Zeit hatten, hatten sie alle eins gemeinsam. Eine Haltung, die sagte: Es ist uns vollkommen egal, was andere Leute sagen oder tun. Entweder Du liebst es, oder Du lässt es bleiben.«

Dass die Army nach wie vor kompromisslos ihr eigenes Ding macht, zeigen exemplarisch die ersten Minuten des Albums: der Song ›Beginning‹ verstört mit einem verzerrten Bass, verzichtet auf einen Refrain und zeigt eine Band, die sich einer offenbar spontanen emotionalen Wallung hingibt. »Ich glaube, das ist wirklich eines der besten Beispiele dafür, wenn eine Band im Studio einfach losgelassen wird. Wenn man nicht in der Stimmung ist, schaltet man es vielleicht nach zehn Sekunden ab. Aber wenn man dranbleibt, ist man bereit für den Rest des Albums. Es wird ja immer behauptet, die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen sei nur noch drei Sekunden. Keiner hört mehr ein ganzes Album, sagt man. Aber ich bin da nicht so sicher. Schau dir mal an, was im Fernsehen passiert: Da laufen erfolgreiche Serien über viele Folgen, in denen die Charaktere und die Handlung sehr langsam entwickelt werden.«

8 / 10

New Model Army

New Model Army

From Here

Ear Music / Edel / VÖ: 23.8.2019

„From Here“ wurde in zwei Monaten geschrieben und in neun Tagen in einem Studo auf der kleinen norwegischen Insel Giske aufgenommen. Die Unmittelbarkeit und Spontaneität einzufangen war das Ziel – und so klingt es auch. Atmosphäre regiert, an zweiter Stelle kommt Strophe, an dritter der Refrain – wenn überhaupt. Mehr ansehen

New Roses, The

New Roses, The

One More For The Road

Napalm Records / 23.8.2017

Whisky für Alle

Wer einen Song Dancing On A Razor Blade nennt, signalisiert seine musikalische Abstammung von der besseren, der Druckbetankungs-Rock-Seite der 80er Jahre. Das neue Album, so die Band, sei »100 Prozent New Roses, direkt in die Fresse Rock’n’Roll, keine Kompromisse.« Stimmt so, ein paar Anmerkungen seien dennoch gestattet: Es ist eigentlich die gleiche Platte wie die davor und die davor, und das ist gut so.Mehr ansehen

Nickelback

Nickelback

Dark Horse

Roadrunner / VÖ: 18.11.2008

Die Band hat historische Verdienste: Sie haben mutig die Wut der Grunge-Welle in eine neue Form von familienfreundlichem Stadionrock gewandelt, der dem Altrocker wieder Vertrauen in den Nachwuchs einflösste. Sie waren die Band, die trotzdem nicht auf Testosteron-Rock-Klischees zurückgreifen musste, um Massen zu erreichen. Jetzt aber sind sie in die Falle getappt. Und die heißt Mutt Lange, ist Produzent und hat schon CDs von Def Leppard, Foreigner und Bryan Adams versaut und damit zillionenmal verkauft. Schafften sie es bisher, einen unverwechselbaren Sound mit zwar herausforderndem, aber immer noch um die Ecke gedachten Songwriting zu kombinieren, strecken sie sich jetzt nach dem schnellen Beifall. Ein durchgehendes plattes Bumbatsch im Unterleib, dazu blöde Stadionchöre, die nur auf noch blödere Echoes aus dem Publikum abzielen, verbinden sich zu einem unangenehmen Ballermann-Metal. Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Allein die Balladen haben noch die alten Qualitäten breitwandiger Roadmovies aus Hollywood. Ein lautes Nichts, fast so langweilig wie Pearl Jam, wobei das hier schlimmer ist, weil es Spaß machen soll und nicht Menschen in die Verzweiflung treiben.

5/10