Seconds Out (2015)

Seconds Out (2015)

Ausdruckstanz im 9/8 Takt

Seconds Out im Jubez, Karlsruhe, 18.12.2015

Wenn das Original nicht mehr zu haben ist, tut es – und nicht nur zur Not – auch die mehr oder weniger werkgetreue Kopie. Die Sehnsucht, die verschrobene, verschachtelte, fantastisch versponnene Musik der frühen Genesis wieder auf Bühnen zu hören, scheint vor allem bei den über Vierzigjährigen ungebrochen. Nachdem Genesis-Originalmitglied Steve Hackett in den vergangenen Jahren mit seinen „Genesis-Revisited“-Tourneen die Hallen füllte, nachdem die Franko-Kanadier The Musical Box ganze Alben jener Ära in Gänze aufführten, bleibt immer noch genug Publikum für eine „kleine“ Band wie die Aschaffenburger Seconds Out, die seit 1991 in unterschiedlichen Besetzungen in der gleichen Mission unterwegs sind. Mehr ansehen

Status Quo (2011)

Status Quo (2011)

Familienunterhaltung

Europahalle, Karlsruhe, 29.10.2011

Die Kombination ist perfekt: Zwei Bands, die ihre Variante vom Perpetuum Mobile des Rock’n’Roll zelebrieren. The Hooters als Vorband, dann Satus Quo. Zwei Bands, die Tag für Tag da auf die Bühne hinausgehen, um zu beweisen, dass die Wiederholung des ewig gleichen alles andere als langweilig ist. Mehr ansehen

Stromgitarren zu Strumpfhosen

Stromgitarren zu Strumpfhosen

Blackmores Night

Brahmssaal, Stadthalle Karlsruhe, 13.9.2008

Ein paar plastikverbrämte Monitorboxen, die wohl Felsbröckchen in mittelalterlicher Landschaft darstellen sollen und die um die Mikrophonständer gewickelten Fischreusen weisen den Weg ins ganz persönliche Auenland des Richie Blackmore und seiner Muse Candice Night. Die sparsame Bühnendekoration allerdings steht im Widerspruch zu der Opulenz dessen, was Herr Blackmore und seine Spielleute in den nun folgenden gut zweieinhalb Stunden anrichten werden. Auftritt Candice Night, die wirbelnde, wallende Hexe. Sie steht im Rampenlicht, niemand sonst. Sie singt, sie redet, auch für den Lebensgefährten. Der steht da, wie man ihn schon zu Deep Purple Zeiten kannte: schweigend. Die Gesichtsmimik symbolisiert: Obacht, ich bin ein mysteriöser Mann!“.

Die Musik von Blackmores Night ist nichts dergleichen. Man nehme „Under A Violet Moon“ in seiner beispielhaften fast schmerzhaften Eingängigkeit. Hätte er es denn geschrieben, hätte Mike Oldfield damit seiner Hit-Phase einen weiteren passenden Knaller hinzugefügt. Candice Night versucht, dem poppigen Leichtgewicht des Songs durch eine Art Ausdruckstanz Gewicht zu geben, ähnliches passiert durch schweres Rockgeorgel. Das den eh weit hinten im Mix liegenden Blackmore noch weiter nach hinten schiebt.

Der macht sich stattdessen in den eher leisen Stücken durch gefühliges Umspielen der Melodien, durch tändelnde Arpeggios und allerhand Kunststückchen auf der Akustischen Gitarre beliebt. Ja, das kann er. Doch, weh und ach: Das balladeske wird gar oft zugeschüttet vom unbändigen Keyboardbrummen. Dann packt man gleich zwei Perlen der Songschreiberkunst des vergangen Jahrhunderts zusammen: Ralph McTells unverwüstliches „Streets of London“ und Dylans „The Times they are a changin“. Abgesehen davon, dass es ein Sakrileg ist, solche Songs in einem Medley zu verwursten, bringt diese Interpretation nichts weiter als die Erkenntnis, dass Candice Night eine technisch hervorragende Sängerin ist, die jede Nuance beherrscht, die auch in schwierigen Tonlagen immer präsent ist. Und es trotzdem konsequent schafft, jedwedes Musikmaterial zu wohl tönender Hintergrundmusik zu machen.

Man stelle sich vor, Pablo Picasso hätte plötzlich angefangen, röhrende Hirsche vor kristallklaren Quellen zu malen. So etwa wirkt Blackmores Wandel – auch noch nach über 10 Jahren, denn mit Folk hat diese Als-Ob-Musik nur die Instrumentierung gemein. Das hörbare Bemühen um Abwechslung erschafft einen musikalischen Gemischtwarenladen, der Kosmopolitentum und die Suche nach Musikgeschichte vorgaukelt, in dem russische Kasatschok Stimmung, ein bisschen Balkanromantik, weitere zuckersüße Balladen und sogar über die Bühne laufendes lebendes Gemüse ihren Platz haben. Wenn dann alle aufstehen und brav auf die eins und die drei klatschen ist das Ziel erreicht. Nach Bierzeltstimmung mit viel n „falleri fallera“ und „knapsack on my back“ plus sämig aufgestrudeltem Deutschlandlied jetzt also ein paar Takte Rock. Aber vorsichtig. Mit „Ariel“ und seinen arabischen Anklängen gibt es den besten Song vom letzten „Rainbow“ Album. Der CD, nach der der Rockmusiker Blackmore aufhörte, zu existieren. Der Sound ist noch da, der „alte Blackmore“ ist selbst für Taube erkennbar. Netter Versuch, aber ein paar Minuten später ist die Stromgitarre wieder weg, und mancher alte Fan, der nur deswegen gekommen ist, harrt bis zum Schluss aus, um eine mediokre Version von „Smoke On The Water“ als Erlösung hingeworfen zu bekommen. Es reicht für rasende Begeisterung.

Tarja (2011)

Tarja (2011)

Wallungen auf stählernem Fundament

Tarja in der Festhalle Durlach, Karlsruhe, 7.5.2011

Ist es der Muezzin, der da ruft? Kann sein. ist es die Gitarre, die ihre Innereien herauswürgt? Oh, aber sicher. Im Bunde mit ihren Brüdern schwellende Keyboardburg und donnerndes Schlagzeugraumschiff plus finsteres Stakkato-Cello findet sich so ein treffliches Königreich, durch das die Herrscherin Tarja mit gebieterischem Schritt, schwarzem Gewand und hochfahrender Gesangstechnik untadelig einherwallt. Mit „Dark Star“ sind Tarja und ihre Mannen in der fast ausverkauften Durlacher Festhalle auf Betriebstemperatur: eine archetypische Nummern des Repertoires der finnischen Opernmetal-Diva. Wer es mag, findet in diesem Stück alles, was er liebt: Kompositorische Finesse, rhythmische Vertracktheiten, spannend zusammengeschraubte Gesangssätze. Wer’s nicht mag, wird es für verblasenen Kitsch gut ausgebildeter Kunsthandwerker halten. Beides ist ein bisschen wahr, aber eines muss man der ehemaligen Nightwish-Sängerin lassen: Sie gebietet mit einer Ausstrahlung über das Bühnengeschehen, die ohne Absturz auf dem Grat zwischen dämonischer Hexe und zerbrechlicher Fee balanciert. Letzteres vor allem, wenn sie sich ganz unhexenhaft und rührend bei ihrem engagierten Fanclub bedankt und ihm die Ballade „I walk alone“ schenkt.  

Nunmehr fühlt sich Schlagzeuger Mike Terrana veranlasst, an seinem überdimensionalen Gerät (das aussieht wie ein Fitnessstudio) eine Zirkusnummer aufzuführen, die mit Schlagzeugsolo nur unzureichend beschrieben ist. Unterfüttert von der „Leichten Kavallerie“ des Franz von Suppé fährt er schwere Artillerie auf. Rondo Veneziano für Gehörgeschädigte. So überdreht, dass es schon wieder gut ist. Die derweil abgetauchte Sängerin erscheint wieder, jetzt ohne Mantel, die Kapelle fuhrwerkt wie atomgetriebene U-Boote im Orchestergraben, schwarze Kampfbomber steigen auf, man führt Krieg – und dann ist wieder Ruhe. Die Dramaturgie des Konzertes ist berauschend: Eine Wechselbad der Gefühle, eine Achterbahn, ein Computerspiel mit vielen Ebenen. Wer starke Nerven hat, genieße!

But now for something completely different: The Ballads: In „Underneath“ gibt die Sängerin ihrer Stimme ausnahmsweise die Chance, für ein paar Strophen einfach eine angeregte, gefühlige Stimmung zu erzeugen, ohne gleich abzuheben. Die Melancholie des Moments lässt dieses eine Mal eine klare Gitarrenmelodie zu, die sich nicht durch überarrangierten Lärm eines Schlachtfeldes durchsetzen muss. „We are“, die zweite eher ungewöhnliche Ballade, setzt auf raffinierte Schnörkel, kleine überraschende Wendungen, eine ausgefeilte Dynamik und die gar nicht so eingängige Melodieführung. Ein Song mit einer in sich stimmigen Dramaturgie. „Ich habe drei Jahre in Karlsruhe studiert,. Deshalb fühle ich mich hier fast zu hause“, sagt Tarja, und dass das ihre erstes Konzert überhaupt in Karlsruhe ist. Die Karlsruher feiern die nunmehr ganz in Weiß einherschwebende denn auch im Zugabenblock, als wäre sie die alte Freundin aus dem Nachbarhaus.

 

The Musical Box

The Musical Box

Leblose Imitation

31.10.2019
Konzerthaus Karlsruhe

Jon Lord, 2012 verstorbener Keyboarder von Deep Purple hat einmal sinngemäß gesagt, die Musik seiner Band sei genauso relevant wie irgendwas von Bach. Das ist natürlich einerseits wahr. Was schon dadurch bewiesen ist, dass „ernsthafte“ Orchestermusiker sich heute die Finger danach lecken, eine Band wie Deep Purple begleiten zu dürfen. Das birgt aber auch andererseits die Gefahr, den eingefleischten Fan von klassisch inspirierter Rockmusik zu der Überzeugung zu verleiten, die Werke seiner Lieblingsmusik zu kanonisieren und vom Interpreten abzukoppeln. Die Folge dieses Missverständnisses: Tribute-Bands haben Zulauf. Man geht zu Pink Floyd- oder eben Genesis-Tribute-Bands mit der gleichen Rezeptionshaltung, mit der man ein Sinfoniekonzert besucht. Um dann enttäuscht festzustellen: It‘s the singer, not the song. Anders gesagt: Die Wirkung von Rockmusik hängt sehr vom Interpreten ab. Mehr ansehen

Thompson, Chris (2014)

Thompson, Chris (2014)

Chris is on the road again

Chris Thompson, Fabrik Bruchsal am 20.3.2014

Welch ein Konzertbeginn: Punkt 20 Uhr flutet ein mehrstimmiger Gesang, glasklar und präzise. Chris Thompson und Band zelebrieren vor rund 250 Zuschauen ihre neue Single „Million Dollar Hit“. Selbstironie? In den 80er Jahren wäre diese Musik, die die intelligente Seite des radiofreundlichen Pop widerspiegelt, mit Sicherheit ein Hit gewesen. So wirkt sie eher als Reminiszenz an eine Zeit, in der es vorrangig um packende Refrains, empathische Stimmen und solides Handwerk ging.

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Thorbjørn Risager and The Black Tornado (2019)

Thorbjørn Risager and The Black Tornado (2019)

Blues von der Sonnenseite des Lebens

Jubez, Karlsruhe, 22.11.2019

Es mag ja ein abgedroschenes Klischee sein, aber weil Thorbjørn Risager und seine glorreichen Sieben zum ersten Mal in Karlsruhe gastieren, sei es hier gestattet: Wer den Mann nicht kennt, nicht sieht und nur singen hört, der glaubt, er habe einen alten, dicken schwarzen Mann aus dem Mississippi-Delta vor sich, Dann öffnet er die Augen und sieht einen langen, höchstens zehn Gramm schweren Schlacks vor sich, Typ Weisser-Riese im Anzug. Mehr ansehen

Tito & Tarantula (2010)

Tito & Tarantula (2010)

Die Wüste lebt immer noch

Tito & Tarantula, Fabrik, Bruchsal, 14.7.2010

Vierzehn Jahre ist es her, als Tito & Tarantula in Quentin Tarantinos Film „From Dusk To Dawn“ ihren Auftritt hatten. Der Song hieß „After Dark“ und blieb ihr einziger wirklicher Hit bis heute. So falsch es wäre, die Band auf diesen einen Song zu reduzieren, so richtig ist die Aussage: Der Song hat alles, was das Tito & Tarantula Universum in seiner Gesamtheit ausmacht: Es knarrt, es ächzt, man spürt die Hitze der Nacht irgendwo zwischen Texas und Mexico und halluziniert verrostete Zapfsäulen zwischen verdorrten Kakteen. Ein wildgewordener Gitarrist versucht jaulend, seine Seele ins Griffbrett zu stülpen, und Tito Larriva singt oben drüber mit einer Stimme, die nach intensiv zerlebtem Leben klingt.Mehr ansehen

Turner, Frank (2014)

Turner, Frank (2014)

Die Gegenwart des Rock’n’Roll

Frank Turner, Substage, Karlsruhe, 13.3.2014

Eigentlich ist Frank Turner gar nichts besonderes. Der 32jährige Singer/Songwriter spielt Gitarre, schreibt eingängige Rocksongs, die er wahlweise mit der Energie des Punk heizt oder mit heimeligen vertrauten English-Folk- Zutaten schmückt. Er hat eine Band im Rücken, die sich „Sleeping Souls“ nennt und alles andere als verschlafen wirkt. Wenn diese Band auf die Bühne kommt, explodiert sie förmlich. Die nervöse Energie ist spürbar, allein Turners Beinarbeit steht der eines Fussballstürmers in nichts nach, und wie Gitarrist Ben Lloyd und Bassist Tarrant Anderson bei all ihrem Körpereinsatz ihre Saiten noch finden. Bleibt selbst aus nächster Nähe betrachtet noch rätselhaft.

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Turner, Martin (ex-Wishbone Ash) (2020)

Turner, Martin (ex-Wishbone Ash) (2020)

Das wohlklingende Museum

Martin Turner (ex-Wishbone Ash), Jubez, Karlsruhe, 1.12.2019

Manchmal kann es für den Fan von Vorteil sein, wenn zwei sture alte Männer sich heillos zerstritten haben. Im Fall Wishbone Ash ist das eindeutig der Fall: Während Gitarrist Andy Powell den langen zähen Krieg um die Rechte am Bandnamen gewonnen hat, darf Ex-Bassist Martin Turner den nur noch als „ex“ seinem eigenen Namen anfügen.Mehr ansehen